(Achtung, sehr lang, da viele Zitate)
Erst gerade musste ich feststellen, dass im Forum der Richard-Dawkins-Stiftung gerne mal weibliche Journalisten als Fotze (“cunt”) oder Ähnliches bezeichnet werden1. Und dann las ich im Rollenspielforum des D&D-Gates:
Unsere bestehende Wiesbadener D&D Gruppe hat noch einen Platz frei.
Wir spielen D&D 4E auf deutsch. Die Spieler sind teils absolute Rollenspielanfänger, teils erfahrene Spieler im Alter zwischen 22 und 31 Jahren. 1 Frau, 4 Männer, alle Nichtraucher. Die Charaktere sind zwischen erster und vierter Stufe, ein Einstieg ist also problemlos möglich.
Nächster Spieltermin ist Freitag der 1. Januar 2010 und danach Samstag der 16. Januar 2010. Im Durchschnitt spielen wir einmal im Monat, gelegentlich (aber selten) auch mal öfter.
Vorzugsweise würden wir uns über einen Spieler oder eine Spielerin freuen, der einen Charakter spielt der mit Fallen umgehen kann, also einen Rogue oder Assassin. Aber grundsätzlich sind alle Klassen und Rassen aus den PHBs und dem Dragon erlaubt und willkommen. Auch und insbesondere Rollenspielanfänger sind bei uns gerne willkommen!
Raucher können unter der Voraussetzung mitspielen, dass sie den Abend ohne Rauchen aushalten
Wen wir nicht wollen sind beispielsweise:
- Rollenspiel-Freaks die mit Raben auf der Schulter und/oder ähnlichen Nerd-Accessoires durch’s Leben laufen.
- Leute die altersmäßig deutlich über oder unter unserem Durchschnitt liegen.
- Leute die sich den Platz in unserer Gruppe schon mal für Mitte 2010 reservieren wollen.
- Leute die einen Laptop zum Spielen benötigen.
- Leute die um Mitternacht schon Ermüdungserscheinungen zeigen.
- Homosexuelle (Hervorhebung von mir)
Damit nicht genug. Der Schreiber rechtfertigte sich noch einmal:
So so, wessen Geistes Kind bin ich Deiner Meinung nach denn nur weil ich mir das Recht rausnehme selbst zu entscheiden mit wem ich meine Freizeit verbringen möchte und wen ich in meine Wohnung lassen will?
Oder bin ich deswegen schon böse weil ich niemanden in meine Wohnung lassen möchte, in dessen Gegenwart mich ein ausgesprochenes Unwohlsein überkommt, auch wenn ich mir bei rationaler Betrachtungsweise durchaus bewußt bin, dass diese Gefühle absolut irrational sein mögen?
Ausgesprochenes Unwohlsein. Versuchen wir das mal mit anderen Inhalten: Frauen. Ha ha, da macht Mario Barth ja Witze drüber. Frauen sind eh Prügelknaben, da findet bestimmt niemand was dran. Wie wäre es damit: Bin ich schon böse, wenn mich in Gegenwart von Juden ein ausgesprochenes Unwohlsein überkommt? Muslimen? Behinderten?
Noch schlimmer allerdings, was dann von anderen Schreibern folgte:
Endlich mal jemand, der zu dem steht, was er nicht will. Mehr von diesen Menschen bitte und weniger von denen, die in allem eine Diskriminierung sehen wollen.
*daumen hoch* (Emoticon)
oder
Ich finde das absolut legitim, das jemand, der eine Gruppe zum Spielen sucht, bestimmte Vorausetzungen festlegt und auch bestimmte Personengruppen nicht zu sich nach Hause einladen will. Das ist eine vollkommen private Sache und wenn ich nun mal keine Über 30jährigen, keine Homosexuellen, keine Gelsenkirchener und auch keine SPD-Angehörigen dabei haben will, dann kann ich das hier in so einem Aufruf ruhig sagen, finde ich und das hat mit Diskriminierung rein gar nichts zu tun.
oder
Wohin soll das eigentlich führen, was ihr hier betreibt? Das die Leute erkennen, wie gut und tolerant ihr seid? Das ihr es nicht seid beweist ihr mit jedem eurer Kommentare und wer von euch sagt, wie Leute zu sein haben? Wer ist denn hier so toll, das es besser nicht mehr geht?
Der Spruch ist zwar schon sehr alt, aber er gilt immer noch: Wer ohne Sünde ist, werfe den ersten Stein.
Genau. Weil ich schon mal was Schlechtes gemacht habe, darf ich nie mehr was sagen, wenn anderes was Schlechtes machen. So ein Unsinn.
Vielleicht sollte man zwischen Homosexuellen und Schwuchteln differenzieren. Ich glaube fast, XXX meint letztere…
Ich habe viele Homosexuellen/Schwulen im Freundeskreis, denen man es niemals anmerken würde.
Die schimpfen selbst über “Schwuchteln”, und das nicht zu knapp.
Stimmt. Mir wird übel, wenn ich Schwuchteln sehe, ist gleich viel besser.
Ein nicht geringer Anteil dieser Entrüstung ist natürlich auch das in Deutschland so verbreitete Gutmenschentum. Wenn ich sagen würde keine Frauen würde es auch Stress geben. Bei keinen Kindern gibt es einen Schrei der Entrüstung von werdenen, planenden oder tatsächlichen Eltern. Bei vorbehalten gegenüber Israelis springt einem erst der Zentralrat der Juden und dann Deutschlands Politik auf das Dach.
Ja, das ist Gutmenschentum. Nicht etwa die Erkenntnis gesellschaftlicher Missstände, die man für ungerecht hält. Der folgende Beitrag bemüht sich um Sachlichkeit:
Hier wird für mich nicht diskriminiert, Diskriminierung wäre ein Ausdruck wie Schwuchtel oder sogar die ”Nichtauflistung” von Homosexuellen und der darauf folgenden Ablehnung von Jemandem, der, bis auf homosexuell, keinen der aufgelisteten Punkte erfüllt und einen fadenscheinigen Grund nachgereicht bekäme o. ä.
Hier wird nur selektiert, mit wem man sich abgeben will und das ist ungeachtet der Pflichten eines jeden Individuums das gute Recht. Ich muß nicht jeden mögen, lieben, tolerieren und akzeptieren. Ich darf aber deshalb niemanden Schaden zufügen, nur weil ich ihn nicht mag/akzeptiere/toleriere. Und die Aussage, daß man nicht mit Person x im Sandkasten spielen will, ist kein Schaden zufügen, vor allem dann nicht, wenn es um den privaten Sandkasten geht.
Ich bin jedoch froh darüber, daß jemand klar und deutlich sagt, was er/sie will und was nicht. Damit muß man heute z. B. bei jedem Berufsgespräch leben, was ein gesetzlich legales Diskriminierungsurteil darstellt.
Von daher sehe ich absolut gar kein Problem mit einer derart subjektiven und persönlichen Wunschäußerung in einem öffentlichen Forum.
Es geht ja nur um eine persönliche Wunschäußerung, die muss doch noch erlaubt sein, und weil die persönlichen Wünsche über alles gehen, ist das dann auch in Ordnung. Wenn ich äußere, dass ich noch ein paar Jungs suche, um abends Behinderten den Schädel einzuschlagen, dann sage ich offen, was ich will, und äußere nur meine Freizeitwünsche. Das sollte gelobt werden.
Dann kam die Frage: »Wie wäre es also mit heterosexuellen, drogensüchtigen, jüdischen, ex-Sträflingen?« Und die Antwort:
Würdest Du jemanden bedenkenlos in Deine Wohnung lassen den Du nicht kennst und von dem Du nur weißt, dass er ein ein drogensüchtiger Ex-Sträfling ist?
Für den Schreiber ist offenbar: Würdest du jemanden bedenkenlos in deine Wohnung lassen, den du nicht kennst, und von dem du nur weißt, dass er ein Homosexueller ist? Bedenkenlos? Was, wenn der eine Banane isst?!
Hier ist das Entscheidende:
Genau das ist die Heuchelei dabei, wer sind wir denn, daß wir XXX etwas aufzwingen wollen, indem wir hier öffentlich ihn/sie anprangern, nur weil uns seine Meinung nicht passt?
NIEMAND will den Ersteller zwingen, mit Homosexuellen spielen zu müssen, aber in dieser komischen Welt, in der die Leute leben, ist es schon verboten, die Meinung von jemand anderem zu kritisieren. Meinungen sind heilig! Auch wenn sie sexistisch, rassistisch, dumm, falsch oder sonstwas sind. Wenn ich meine, Frauen müssten eine Genitalverstümmelung bekommen und dürfen alleine nicht vor die Tür, geschweige denn fremde Männer sehen, dann ist das meine Meinung und damit DARF NIEMAND MEHR WAS SAGEN. Wir sind ja nicht im Dritten Reich.
Das bedeutet nicht Meinungsfreiheit und Redefreiheit. Diese Freiheiten sind deshalb heilig, weil nur auf dem Marktplatz der Ideen, wie es so schön heißt, gute und schlechte unterschieden werden können. Ich kann niemanden zu einer Meinung zwingen, aber ich kann nicht nur, ich muss ihm sagen, wenn ich seine Meinung für verkehrt halte. Das ist Freiheit, das ist Mündigkeit – mit seinen Meinungen in der Öffentlichkeit bestehen können, für sie einstehen oder sie ggf. ändern.
Stattdessen sind wir so weit, dass wir es erlauben, nachweislich diskriminierte und benachteiligte Bevölkerungsgruppen herabzusetzen, weil die andere Meinung ja so hoheitlich ist. Bloß niemandem auf die Füße treten – das, was hier den angeblichen “Gutmenschen” vorgeworfen wird, nämlich überzureagieren, ist stattdessen umgekehrt der Fall. Da sieht sich eine Mehrheitsgruppe in ihrer Freiheit eingeschränkt, wenn man mal sagt, was man von deren Ansichten hält.
Es steht jedem frei, keine Homosexuellen in sein Umfeld zu lassen, aber dann muss er damit rechnen, dafür kritisiert zu werden – ebenso wie man damit rechnen muss, kritisiert zu werden, wenn man irgendetwas anderes tut oder äußert. Wenn man aber so jemandem keinen Gegenwind vorsetzt, dann merkt er gar nicht, dass es vielleicht auch einen solchen gibt. Leider ist eine normale Argumentation auf dem oben zitierten Niveau überhaupt nicht möglich, da werden Bauchgefühle und diffuse Freiheitsvorstellungen als Argumente vorgebracht. Manchmal muss man auch einfach die Notbremse ziehen. Was ich getan habe:
Die Wahrheit ist, dass es legitim ist, Personengruppen einzugrenzen, die man für Aktivitäten will. Diese Eingrenzung sollte jedoch mit der Aktivität zu tun haben. Wenn man Klettern geht, will man keine unsportlichen Dicken dabei haben – okay. Für den Theaterbesuch bitte keine Punker, weil man sich gerne schick kleiden will – auch gut.
Was aber bitte hat Rollenspiel mit Homosexualität zu tun? Solange da nicht am Tisch gepoppt wird, kann es ja nur so sein, dass die Idee, ein Gegenüber fängt irgendwas mit dem gleichen Geschlecht an, den Threadersteller so unheimlich fasziniert und stört, dass er an nichts anderes mehr denken kann. Wahrscheinlich kennt er bereits einen oder mehrere Homosexuelle, die ihm das nur nicht sagen (kein Wunder!).
Was mich aber richtig erschreckt ist die Tatsache, dass hier Leute jubeln. Klar ist das toll, wenn jemand seine Vorurteile so offen auf den Tisch legt, da kann man gleich sehen, was das für ein Arschloch ist. Aber so ist das ja nicht gemeint, sondern diese Angabe wird gut geheißen? Ehrlich? Zum Rollenspiel ist es okay, Schwule und Lesben auszuladen? Nicht, ob es erlaubt ist, das ist es natürlich – es ist ja die eigene Wohnung –, aber allein die Idee, man könne so was bestimmen?
Dahinter steckt die Idee, man könnte so was kontrollieren, also könnte man das einwandfrei erkennen? Wie bitte soll das im Kontext einer Rollenspielrunde gehen? Wahrscheinlich weil alle Schwulen wie Bruce Darnell sind oder was?
Meine Fresse. Da wird aus der Freiheit, ein Arsch sein zu dürfen, der gesellschaftliche Ruf danach, doch ein Arsch zu sein. Weiter so, Arschloch, wir sind stolz auf dich, wir brauchen mehr von dir.
Dafür bekam ich jetzt Ärger, weil ich den ersten Schreiber beleidigt habe. Und in einer Folgediskussion kam noch das hier:
Ist umfassend ignorantes, vollkommen selbstbezogenes, abolut unreflektiertes, und scheinbar anständiges Gutmenschentum nicht etwas schönes?
Wer das liest und nachdenkt, merkt: Wem bei Homosexuellen übel wird, dem muss beigestanden werden. Homosexuellen muss nicht beigestanden werden. Wer Schwulenhassern beisteht, der ist aufgeklärt, selbstlos, reflektiert und tatsächlich anständig – wer aber für die Minderheit eintritt, ist das genaue Gegenteil.
Zum Glück gab es auch genug andere Schreiber in dem Forum, die sich bestürzt zeigten. Trotzdem – wenn das der Zustand der Gesellschaft ist, dass man die ignoranten Arschlöcher beschützt und die Benachteiligten nicht verteidigt, dann läuft da etwas gewaltig falsch.
- via Butterflies and Wheels in den Kommentaren [↩]

Comments 2
Das ist Schwulenhass in einer Rollenspielgruppe oder einem Forum.
Für eine Verallgemeinerung auf Rollenspieler an sich gibt der Artikel nichts her.
Posted 10 Jan 2010 at 19:37 ¶Ja, das stimmt. Darum verallgemeinere ich auch nicht auf Rollenspieler – oder doch? Falls ja, bitte angeben, wo, dann ändere ich das.
Posted 10 Jan 2010 at 19:41 ¶Trackbacks & Pingbacks 1
[...] Wir erinnern uns: da hatte jemand für seine Runde keine Homosexuellen gewollt, und andere fanden das gut. Das Thema ging noch ein wenig weiter, und dann bekam ich eine persönliche Nachricht. Die mich zu einer langen Antwort veranlasste, also hier die Aufarbeitung. Erst mal aus dem Forenthema: Was mich allerdings mehr ärgert ist wie sich hier einige Member darüber echauffieren. Ihr müsst doch nicht mit ihm spielen. Wenn XXX diese Vorurteile hat, werdet ihr die höchstwahrscheinlich nicht durch kollektives Bashing aus ihm herausprügeln. Es zwingt euch ja keiner ihn zu mögen, aber dann grenzt ihn doch selbst aus. Ignoriert ihn. [...]
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