Wer hart arbeitet, kann alle Schranken überwinden. Schließlich haben wir eine Frau als Kanzlerin und einen Homosexuellen Außenminister. Also braucht sich niemand zu beschweren. Oder?
Wagen wir ein Gedankenexperiment1. Wir nehmen Mathestudenten und lassen sie einen Test mit 100 Fragen ausfüllen. Bei 70% richtigen Antworten hat man bestanden. Jetzt teilen wir die Studenten in zwei Gruppen ein. In der ersten Gruppe prüfen wir jede Antwort, und wenn die richtig ist, gibt es einen Punkt. Wenn nicht, gibt es keinen.
Und in der zweiten?
In der zweiten Gruppe würfeln wir vor jeder Frage einen vierseitigen Würfel. Wenn eine 1 fällt, gibt es keinen Punkt. Bei 2 bis 4 prüfen wir die Frage. Bei einer richtigen Antwort gibt es einen Punkt, bei einer falschen Antwort gibt es keinen.
Können Studenten aus der ersten Gruppe durchfallen? Absolut. Können Studenten aus der zweiten Gruppe bestehen? Absolut. Können Studenten aus der zweiten Gruppe besser abschneiden als solche aus der ersten? Absolut. Allerdings können auch Studenten aus der zweiten Gruppe jede Frage richtig beantworten und trotzdem durchfallen. Sie können wegen eines Würfelwurfs durchfallen, während die in der ersten Gruppe nur durchfallen können, wenn sie etwas falsch beantworten, also ihr Schicksal allein in der Hand haben.
Ist das unfair? Ja. Würdet ihr dieses Spiel spielen wollen, wenn ihr wüsstet, dass ihr in die zweite Gruppe kommt? Manche würden vielleicht spielen, weil es ihnen egal ist und sie einfach Spaß an Mathe haben. Andere machen den Test trotzdem, weil sie unbedingt eine gute Mathenote brauchen und sie keine Wahl haben. Und wieder andere geben vielleicht auf und entscheiden, dass der Test ihnen zu unfair ist – die fallen dann durch und reißen das durchschnittliche Ergebnis der zweiten Gruppe auch noch mit runter.
Okay, was, wenn wir jetzt die Spielregeln verändern? Wir sagen nicht, in welcher Gruppe ihr seid, aber ihr müsst trotzdem den Test ablegen, und zwar jeden Tag. Und jeden Tag seht ihr nicht die richtigen Antworten, sondern immer nur euer Gesamtergebnis. Was, wenn wir nicht mal verraten, dass es zwei Gruppen gibt, und so tun, als würden alle Tests nach Methode 1 bewertet? Und ihr bekommt Tests mit niedrigeren Ergebnissen zurück, als ihr für möglich haltet? Würdet ihr denken, dass was mit den Noten nicht stimmt – oder dass ihr einfach nicht gut in Mathe seid? Und würde das eure weiteren Ergebnisse beeinflussen, vielleicht senken, weil ihr euch weniger anstrengt? Auf das Ergebnis am nächsten Tag, in einem Monat, in einem Jahr?
Und was, wenn nach mehreren Monaten oder Jahren täglicher Tests plötzlich die beiden Testgruppen aufgedeckt würden und die Methoden offenbart? Könnte es dann vielleicht tatsächlich sinnvoll sein, das Spiel gar nicht erst mitzumachen? Könnte es falsch sein, jeden Tag aufzustehen und an einem Spiel teilzunehmen, von dem ihr denkt – oder wisst –, dass es nicht mit rechten Dingen zugeht und die Ergebnisse nicht eurer Kontrolle unterliegen?
Und wenn ihr in Gruppe zwei sehr gute Ergebnisse habt, wie sehr schreibt ihr das euch selbst zu und wie sehr einer Reihe von glücklichen Würfelwürfen? Ihr könnt eure Antworten kontrollieren, aber nicht, ob der nächste Test nicht doch durchgefallen ist. Wie sicher wäret ihr, weiter gute Ergebnisse zu erzielen?
Und wenn ihr nicht wisst, ob ihr in Gruppe 2 seid, aber ihr glaubt es (aber eigentlich wisst ihr es nicht wirklich und vielleicht habt ihr nur Wahnvorstellungen und vielleicht solltet ihr einfach härter arbeiten und…)?
Privilegiert: Niemals über so was nachdenken müssen.

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