In der Stunde der Not, in der auf Haiti, einem Land, das sonst mit einer Armutsquote von 80 Prozent und diversen sozialen Problemen zu kämpfen hat, zehntausende Tote und vielleicht Millionen vom Erdbeben betroffene Menschen gezählt werden und die Hoffnung, unter Trümmern begrabene Menschen lebend zu bergen, gegen Null geht, fühlen sich Gläubige in der Zurschaustellung der Menschlichkeit und Hilfsbereitschaft in ihrem Glauben bestärkt und an Gott erinnert. Und natürlich gibt es immer wieder Wunder, wenn doch jemand gerettet wird. Meldet Radio Vatikan:
Wie immer nach der Katastrophe sind jetzt in Haiti die Kirchen und Kapellen voll; gestern gab es schon Berichte, dass die Menschen einfach vor ihren Häusern kauern, beten und sich umeinander scharen. (…)
[D]ie Leute auf Haiti (…) glauben auf eine sehr christliche Weise, dass Gott mit ihnen ist und mit ihnen geht, trotz allem…“
Trotz allem ist das Stichwort.
Nur, um das klarzukriegen: Dass jetzt Menschen helfen und einander trösten, ist ein Glaubensgrund. Aber nicht nur, dass die Leute durch solche Szenen sich in ihrem Glauben bestärkt fühlen, sondern in ihrem Glauben an einen Gott, den sie preisen und anbeten? Dieser Gott, der ein stinkarmes und zerrüttetes Land nimmt und noch mal extra ruiniert, der Menschen inklusive Kindern unter Trümmern begräbt und elendig ersticken lässt, der das Leben der Überlebenden ruiniert, bietet Trost? Gott ist mit ihnen und geht mit ihnen? Ja, das tut er anscheinend, und dabei stellt er den Haitianern die ganze Zeit Beinchen und schubst sie die Treppe runter.
Und dann diese “Wunder”: Ist es nicht ein unglaubliches Wunder, dass Zehntausende sterben? Preiset den Herrn dafür, dass er ein Kind hat überleben lassen, als Zeichen seiner Gnade, während er tausend andere grundlos zerquetschte… wahrscheinlich nur, damit das eine überlebende Kind ganz besonders als Wunder empfunden wird.
Gott hat es echt gut. Wenn ich als Kind mein ganzes Zimmer ruiniert hätte, die Bücherregale umgeworfen, den Teppich angezündet, die Matratze zerschnitten, meine Schulsachen in die Toilette geworfen hätte und dann meine Eltern darauf hingewiesen hätte, dass ich aber meine Turnschuhe ganz gelassen habe, dann hätten die das bestimmt nicht als Zeichen meiner Sanftheit und Rücksicht aufgenommen.
Gleichzeitig hätte ich bestimmt auch nicht das Lob bekommen, wenn mein Bruder dann ein neues Regal gekauft hätte. Gott aber kriegt, wenn moderne Medizin einen Menschen aus Lebensgefahr rettet, trotzdem gerne das Lob – nicht die Ärzte, die ihr Bestes gegeben haben. Wenn aber der Patient stirbt… ja, dann ist Gott trotzdem da gewesen. Wie die Leute, die irgendwelche komischen Krebskuren versuchen und deren letzte Worte sind: “Die Therapie funktioniert trotzdem, es war unsere Schuld!”
Genau, das Erdbeben war unsere Schuld, und die Überlebenden, die sind der Güte Gottes zuzuschreiben. Eine perfekte Beziehung zu einem Schläger: er liebt uns doch, ehrlich, und er kann nichts dafür, dass wir ihn ständig zu Tsunamis und Erdbeben provozieren!
Was nicht heißen soll, dass nicht auch andere, z.B. Astrologen, jetzt das Beben für ihre Zwecke benutzen wollen.
Aber dieses gespaltene Weltbild, das natürliche Ursachen für alles Schlechte und Gott in allen Gutem sieht, geht mir echt auf den Keks. Gewaltig.

Comments 3
Du bist doch jetzt nicht ernsthaft überrascht, oder? Du weißt doch ganz genau das in Entwicklungsländern die Religion eine große Rolle spielt.
Posted 19 Jan 2010 at 7:26 pm ¶Thematisch zum Artikel passend, aber vollkommen andere Interpretation von Pat Robertson zum Unglück: http://www.shortnews.de/start.cfm?id=809382
Posted 19 Jan 2010 at 8:26 pm ¶@Lethreon: Überrascht nicht, aber trotzdem. Außerdem kommen diese Sachen ja nicht aus Entwicklungsländern, sondern auch aus unseren. Und ständig: bei Unfällen, bei Heilungen – da heilt angeblich das Gebet an eine Nonne eine Frau vom Krebs, aber die tausenden, die an die Nonne beteten und trotzdem starben, tja… Pech halt.
@lerad: ja, das ist hart. Und Rush Limbaugh hat in seiner Radiosendung gesagt, Obama würde sich da jetzt bei Schwarzen profilieren, eventuell Spenden einbehalten und hat abgeraten, zu spenden. Arschlöcher sterben eben nie aus.
Posted 20 Jan 2010 at 9:29 am ¶Trackbacks & Pingbacks 1
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