Um das gleich zu Beginn klarzustellen: religiöse Erziehung ist Indoktrination, da sie das Ziel hat, den Zögling mit der religiösen Doktrin vertraut zu machen und ihn oder sie in die Gemeinschaft der Gläubigen einzuführen. Religiöse Erziehung ist insofern anders als wertneutrale Schuldbildung oder aufklärerische Erziehung, da sie nicht die Mündigkeit des Zöglings in den Vordergrund stellt – in dieser aufklärerischen Erziehung lernt der Zögling, kritisch zu denken und seine Weltanschauung selbst zu wählen, bei religiöser Erziehung lernt er, der Weltanschauung seiner Eltern zu folgen.
Das ist ein Problem.
Das Problem sehe ich zunächst einmal ganz ideologisch darin, dass m.E. immer die Mündigkeit als Endziel gestellt werden sollte – den Menschen dazu zu bringen, selbst kritisch zu denken, sollte das Ziel jeder Erziehung sein.
Aber das Problem geht weiter. Das Problem entsteht durch die Konvergenz zweier Rechte. Erstens haben Eltern das Recht, ihre Kinder so zu erziehen – in gewissen Grenzen –, wie sie es wünschen, also auch religiös. Zweitens haben Religionen das Recht, Überzeugungen zu vertreten, die nicht gleichberechtigt, frei oder demokratisch sind – wiederum in gewissen Grenzen. Ich kann einer Religion beitreten, die dafür hält, dass Frauen höhere Wesen sind und Männer ihnen zu dienen haben. Ich kann einer Religion beitreten, deren Führer gottgleich ist und nicht von der Kongregation gewählt. Ich kann einer Religion beitreten, in der es verboten ist, Bluttransfusionen zuzulassen, auch unter Lebensgefahr.
Dieses Recht auf diskriminierende Vorstellungen beruht jedoch darauf, dass diese Überzeugungen nur innerhalb der Glaubensgemeinschaft gelten – die Zeugen Jehovas können mir nicht verbieten, Bluttransfusionen zu empfangen –, und sie beruhen auf der Idee des selbst bestimmten Menschen, dass sich also jede_r Angehörige der Glaubensgemeinschaft freiwillig zu diesen Überzeugungen bekennt und die Möglichkeit hat, aus dieser Gemeinschaft auszutreten, wenn er oder sie diese nicht mehr teilt.
Und hier ist das Problem verortet. Nicht nur, dass der Austritt aus Glaubensgemeinschaften oft streng sanktioniert wird – der Beitritt erfolgt nicht freiwillig. Stattdessen werden Kinder in dem Glauben erzogen, den ihre Eltern haben. Sie wählen nicht bewusst diskriminierende Überzeugungen, sondern ihnen werden diese Überzeugungen aufgedrängt. Gerade die Tatsache, dass Religionen oft einschränkende Überzeugungen haben, die sich aber ein großer Teil der Gläubigen nicht selbst ausgesucht hat, sondern aus Tradition teilt, ist das Problem.
Nicht, dass nicht deshalb viele “Gläubige” über Teile ihrer Doktrin nicht nachdenken, weil sie diese nicht teilen – fragt mal Katholiken nach der Papstmeinung zu Kondomen. Aber allein die Tatsache, dass Kinder in eine Religion einerzogen werden, deren Doktrin gerade nicht auf Freiwilligkeit und Mündigkeit aus ist und die ggf. auch undemokratische oder unfreie oder diskriminierende oder einfach sachlich falsche Überzeugungen beinhaltet, macht diese Indoktrination zu einem kritikwürdigen Unterfangen.

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