Zehn Jahre, zehn Filme: 2

Dies ist Teil 10 von 11 der Serie 10 Jahre Film

Gerade noch haben wir Paul Thomas Anderson gefeiert, und schon ist der nächste Große da, der allerdings mehr als Autor aufgetreten ist – bei diesem Film aber Regie führte. Gerade hatten wir zweieinhalb Stunden Film, die atemlos vorüber gingen, jetzt sind es nur zwei Stunden, und die sind auch nicht atemlos. Stattdessen ist der zweitbeste Film des Jahrzehnts gar kein richtiger Film, sondern das Leben. Wenn ein Autor so sehr in seine eigenen Neurosen entführt wie Charlie Kaufman hier, ist das Resultat in 99% der Fälle nicht anzusehen. In einem Restprozent aber…

Synechdoche, New York (2008)

Synechdoche, New York (2008)

…in diesem Restprozent erwacht der Film zum Leben – er wird nicht lebendig, sondern er wird Leben. Synechdoche, New York erzählt von Caden Cotard (Philip Seymour Hofmann), einem preisgekrönten Regisseur, der sein Traumstück inszenieren darf – er entschließt sich, sein Leben zu inszenieren. Also besetzt er sich selbst, seine Freundin, seine Frau, dann besetzt er die Besetzung seiner Freundin… bei all dem bleibt er aber seinem Leben treu, er beschönigt nichts. Er mietet eine riesige Halle an und baut seine Nachbarschaft nach, dann besetzt er diese mit Schauspielern.

Es ist grotesk, absurd, unlogisch, unmöglich – wie das Leben eben. Synechdoche, New York handelt von Liebe, Vergänglichkeit, Freundschaft, Angst, Einsamkeit, Zweisamkeit, Sehnsucht, Komplexen – dem Leben eben. Unfassbar der Moment, als ein schwer kranker Caden seine lange nicht gesehene Tochter trifft. Die Tochter wirft Caden vor, er habe sie misshandelt. Er bestreitet das – und wir wissen, dass er die Wahrheit sagt. Trotzdem lässt seine Tochter nicht locker, bis Caden vor Verlangen danach, einen Kontakt zu seiner Tochter aufzubauen, die Tat zugibt – und die Tochter ihn prompt als Kinderschänder bezeichnet und geht.

Warnung: In diesem Film lebt jemand in einem ewig brennenden Haus. Wem das zu abgefahren ist, der fühlt sich hier nicht wohl.

Am Ende überlässt sich Caden endlich fremden Regieanweisungen. Endlich ist das Leben einfach, er weiß, was er zu tun hat. Gott – oder die Regie – spricht mit ihm, und endlich, endlich nimmt alles den Lauf, den es nehmen soll. Es geht Caden nicht besser dadurch, aber es ist einfacher. Und dann sagt Gott, er solle die Augen zumachen und sterben.

Dass ein Film, der die meiste Zeit völlig verrückt und absurd ist – Caden lebt einige Zeit als weibliche Haushaltshilfe in der Wohnung seiner Exfrau –, der vermurkste Leben zeigt und einen Neurotiker im Fokus hat, dass so ein Film am Ende rührend und lebensbejahend sein kann… unfassbar.

Synechdoche, New York ist ein Film, über den man wahrscheinlich Jahre diskutieren könnte. Es ist auch ein Film, der mich eine Stunde lang sprach- und denklos gemacht hat. Ich war zu sehr von der Erfahrung dieses Films erfüllt, um selbst zu denken. Ein Meisterwerk mit all seinen Konnotationen: schwierig, intellektuell, speziell. Die meisten werden mit den Augen rollen, aber wem der Film passt, der sollte die Gefahr nicht eingehen, diese Erfahrung nicht zu machen.

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