Stephen King droht, mit dem Alter seinen sentimentalen Anwandlungen nicht mehr ausreichend lange standhalten zu können, um seine Bücher mit der für Grusel nötigen Härte auszustatten – oder er möchte gerne einen Genrewechsel machen und unterdrückt zu diesem Zweck erfolglos seine härteren Instinkte. Jedenfalls funktioniert Under the Dome nicht wirklich als Spannungsroman und noch weniger als politische Allegorie, obwohl King dazu steht, in den Bösewichtern von Chester’s Mill seine Version von Dick Cheney und George W. Bush erschaffen zu haben.
Die fehlende Härte mag komisch klingen, beginnt King doch direkt mit einer guten Handvoll Toten und fügt beständig neue Opfer seiner Konzeption hinzu. Under the Dome erzählt, wie die kleine Stadt Chester’s Mill (natürlich nahe Castle Rock gelegen) urplötzlich von einer unsichtbaren Käseglocke umgeben wird, die niemand durchdringen kann. Als klar wird, dass von außen keine Hilfe – oder Strafverfolgung – zu erwarten ist, beginnt der Lokalpolitiker und Autoverkäufer “Big Jim” Rennie, seine faschistoiden Tendenzen auszuleben. Angebliche Hauptfigur des Romans ist Dale Barbara, Soldat im Ruhestand, und “Barbie” steht natürlich für menschliche Werte – ganz im Gegensatz zu Big Jim.
Under the Dome arbeitet nicht mit dezenten Charakterstudien. Die Bösewichter sind böse (und gerne auch dumm), die Guten sind herzensgut. Insofern sind zunächst einmal die Bösewichter viel, viel interessanter. Auch gibt es viele von Kings typischen Charakteren, die hier Nebenrollen einnehmen – aber das Geschehen ist ganz sicher nicht charaktergetrieben.
Das soll nicht heißen, dass hier nichts passiert. Nein. King treibt den Plot gnadenlos voran, und wenn es etwas gibt, dass dieses Buch auszeichnet, dann diese Qualität. Man kann den Schmöker nur schwer weglegen – obwohl man sich beim Lesen schon seltsam fühlt. Dieses seltsame Gefühl kommt daher, dass so einiges nicht stimmt mit Under the Dome.
Nehmen wir nur den angeblichen Protagonisten. Dale verbringt die erste Hälfte des Buches damit, abzuwarten und zu reagieren, und die zweite Hälfte des Buches verbringt er im Knast. Erst ganz am Ende darf er einen Autoreifen halten. Zunächst glauben wir, dass dann wohl die Journalistin Julia unsere Hauptfigur sein wird, aber sie verschwindet kurz nach Dales Verhaftung und taucht erst kurz vor Schluss am anderen Ende des Reifens wieder auf. Also ist es vielleicht ein Ensemble-Buch, bei dem das Ensemble zuerst nichts tut, dann plant, Dale zu befreien, und hey, ja, dann wollen sie in den Untergrund gehen und Big Jim bekämpfen. Nur macht der erste von zwei Deus Ex Machina das ganze zunichte.
Die Hauptfiguren erreichen null, nada, nix in diesem Buch, und ganz am Ende überleben manche hauptsächlich durch Glück und Zufall – in einem Buch entsprechend geplantes Glück. Nicht mal die Bösewichte werden irgendwie durch die Charaktere auf der anderen Seite aufgehalten, zur Rechenschaft gezogen oder sonst etwas. Es ist also auch kein “Actionbuch”. Durch die klar eingeteilten Figuren ist es aber auch keine Charakterstudie, wie Menschen in Extremsituationen reagieren.
Vielmehr lässt sich die Aussage von Under the Dome so zusammenfassen: durch den elften September kamen in den USA Monster an die Macht, und US-Amerikaner waren und sind hilflos, selbst etwas zu ändern, ebenso hilflos wie die UN, von außen einzuwirken. Nur, wenn Osama bin Laden den Staaten den Frieden erklärt, kann alles gut werden, und dazu müssen die Amis Osama anbetteln.
Anders gesagt: King schreibt seine Frustration über Bush/Cheney in ein Buch, und es wirkt – das Buch frustriert.

Comments 2
Ich fand das Buch nicht frustrierend. Gerade dass da am Ende nicht ein strahlender/dominanter Held à la Rambo (oder von mir aus ein Friedensnobelpreiskandidat) dasteht, hat mir gefallen; es mag auch nicht direkt eine Charakterstudie sein, aber die Eskalation in dieser Extremsituation gewissermaßen als kollektive Studie war zwar vielleicht etwas überzogen, aber m.E. gelungen.
Und wenn schon ein Deus ex Machina für das ganze Schlamassel zuständig ist, darf er gerne auch selber die Lösung sein; immer noch besser als wenn Gewaltaktionen gegen den Dome bzw. du-weißt-schon-was (ich will den Lesern hier jetzt nicht zu viel verraten) von innen oder außen Erfolg gehabt hätten.
Posted 03 Dec 2009 at 10:31 ¶Ich gebe dir theoretisch in allen Punkten recht. Meine Frustration kommt glaube ich daher, dass die ganzen Sachen, die über 80% des Buches wichtig scheinen, in den Hintergrund rücken. Auch hätte ich persönlich lieber menschlichen Einfallsreichtum im Vordergrund gesehen.
Aber dass da keine Cowboytruppe loszieht und Big Jim lyncht, die Extremsituation selbst, all das ist tatsächlich lobenswert. Hat mich nur trotzdem frustriert.
Posted 03 Dec 2009 at 11:55 ¶Post a Comment