[Jetzt gehts weiter mit den Mails! Wie gesagt, ich bin der normale Text (und das Zitat im Zitat), der zitierte Text ist ein_e Bekannte_r.]
hmm.. es ist doch umgekehrt! Man macht Messungen und Beobachtungen und paßt
seine Theorie permanent dem an, was man bis zu dem Zeitpunkt gemessen und
beobachtet hat.Wie sollte es also möglich sein, daß man die zum heutigen Zeitpunkt
verbreitete Klimatheorie mit den heutigen Kenntnissen widerlegen kann?Daß das nicht geht, ist völlig logisch.
Meine Argumentation ist deshalb:
– Wir wissen zu wenig, und alles was wir wissen basiert auf der
Beobachtung eines einzigen Prozesses über vielleicht 100 Jahre einigermaßen
genau.
– Die Klimaforscher-Theorien wechseln alle paar Jahre – typisch für eine
so junge “Wissenschaft”
– Ich bezweifle, daß man Theorien, die auf der Beobachtung eines einzigen
Prozesses basieren, als sicher ansehen kann. Die Medizin kann nicht aus der
Beobachtung eines Patienten eine Theorie aufbauen, die Klimaforscher können
aus der Beobachtung eines Prozesses auf der Erde ebenfalls keine Theorie
aufbauen.Nach welchen Kriterien verdient die Klimaforschung überhaupt ihre Einstufung
als Wissenschaft? Nach Popperschen Kriterien (Widerlegbarkeit der Aussagen)
sicher nicht. Kann mir jemand helfen und erklären, warum man sagt, die
Klimaforschung wäre eine Wissenschaft?
Nein, oder zumindest teilweise. Das geht so, dass eine Theorie aufgestellt wird (bspw. der aktuelle Klimawandel wird durch CO2-Ausstoß bewirkt) – und dann wird extrapoliert, wie dann Messungen aussehen müssten. Eine Vorhersage wäre z.B., dass vor der Zeit des großen CO2-Ausstoßes die Temperatur der Erde geringer sein müsste. Dann ergeben Messungen, dass dem teilweise nicht so war. Insofern muss die Theorie dann – da hast du Recht – den Messungen angepasst werden. In diesem Fall vielleicht, indem man den Einfluss der Sonneneinstrahlung zuschreibt. Dann ist aber die Frage, ob die Sonneneinstrahlung nicht auch die heutige Erwärmung beeinflusst – wenn die Theorie mit CO2 stimmt, dürfte also die Sonneneinstrahlung nicht analog zur Temperatur zunehmen. Das misst man wiederum, und stellt fest, dass die Sonneneinstrahlung abgenommen hat, obwohl die Temperatur anstieg. Ergo steht die Theorie noch.
Gleichzeitig sagt man voraus, dass man in Zeiten von Erwärmung höhere CO2-Messungen macht – und hier können wir durchaus länger aus 100 Jahre zurückmessen. Man erklärt die Theorie über die Eigenschaften von CO2 und weist diese im Labor nach. Man erstellt Modelle, die zukünftige Temperaturentwicklungen korrekt vorhersagen. Man forscht weiter und versucht, alte Ergebnisse zu reproduzieren oder zu falsifizieren, und über Jahrzehnte werden die Messdaten und die Modelle und Vorhersagen immer genauer.
Das ist ganz normale Wissenschaft, und dazu gehört natürlich auch, dass man Ergebnisse, die mit der alten Theorie nicht vereinbar sind, in einer neuen Theorie verarbeitet. Gleich bleibt die Theorie der Homöopathie. Ist jedoch nicht so, dass diese Anpassung wie bei Kreationisten als “Special Pleading” erfolgt, nach dem Motto “Damals war es eben anders”. Wie oben beschrieben, muss man, wenn man eine Erklärung für abweichende Messdaten gibt (z.B. Sonneneinstrahlung), diese Erklärung auch wieder auf alle anderen Daten anwenden, die vorher ja so schön passten. Wenn beispielsweise die Korrelation der Sonneneinstrahlung auch heute noch Bestand hätte, könnte man die Behauptung mit CO2 nicht aufrecht erhalten. Da aber über die Zeit gesehen CO2 + Sonne die Temperaturkurve recht genau abbilden, und da die Sonneneinstrahlung abgenommen hat, muss die aktuelle Erwärmung anders erklärt werden. Die Theorie lautet eben CO2, alternative Theorien wie z.B. die Wolkendecke werden ähnlich extrapoliert (“dann müsste…”) und geprüft und halten eben nicht stand.
Zu behaupten, da würden sich irgendwelche Leute was zurechtbiegen und zurechtlügen, damit das ihrer Theorie entspricht, mag vielleicht in Einzelfällen vorkommen, ist bei einem internationalen Konsens aber sehr unwahrscheinlich. Zu kritisieren, dass aktuelle Daten in die Theorien aufgenommen werden – und “aktuell” kann dabei auch heißen, dass man neue historische Daten bekommt, die man vorher nicht gemessen hat oder nicht messen konnte – ist, wie man so schön sagt, ein feature, kein bug.
Im Endeffekt finde ich es immer verdächtig, wenn Laien meinen, Wissenschaftlern schlechte Wissenschaft vorwerfen zu können, noch dazu ohne eigene Theorie oder Daten, die eine solche unterstützen. Dann läuft es nämlich nur darauf hinaus, dass man den Klimaforschern nicht traut, oder dem Ergebnis nicht traut. Warum? Man sollte dann schon was in der Hand haben, was angeblich nicht passt, aber alles – von mittelalterlicher Wärmeperiode (die man ja auch gemessen hat) bis zu angeblicher Erwärmung des Mars wurde und wird, solange es ernst zu nehmende Kritiken sind, angesprochen und erforscht – die Sonneneinstrahlungstheorie ist das beste Beispiel. Genauso könnten die Modelle der Klimaforscher plötzlich völlig falsche Ergebnisse bringen, die man nicht erkiären kann, oder sonst eine Messung entstehen, die das Gebäude zum Wanken bringt.
Der Vorwurf des “einen Systems” geht, wie gesagt, falsch. Das ist vielleicht das Problem mit umfassenden Theorien, aber bei der Schwerkraft sagt auch niemand, dass wir ja nur ein Schwerkraftssystem messen, und siehe auch mein Beispiel zur Evolution. Wir haben eben verschiedene, unabhängige Methoden, um an Klimadaten zu kommen, und alle Methoden kommen zum gleichen Ergebnis. Und ähnlich, wie wir sehen, wenn ein Apfel zu Boden fällt, oder wenn Bakterien über Generationen evolutionieren, messen wir eben auch regelmäßig reale Temperatur- und Klimadaten. Die Erwärmung passiert sichtbar um uns herum, und bislang ist die beste Theorie, dass der anthropogene CO2-Ausstoß dafür verantwortlich ist. Und diese Theorie ist die beste, aber auch bereits recht gut und stabil, weil verschiedene alternative Erklärungsmodelle oder Möglichkeiten, wie sie falsifiziert werden könnte, sich nicht als wahr herausgestellt haben.
Um noch mal die Sonneneinstrahlung aufzunehmen: wie die Videos erzählen, wurde, als diese Theorie zuerst postuliert wurde, dieser große Glaubwürdigkeit geschenkt, weil die aktuellen, noch nicht korrigierten Messdaten tatsächlich mit dem Temperaturanstieg korrelierten. Die Sonneneinstrahlung war also eine glaubwürdige Alternative. Als dann aber genug Messungen vorlagen, um die Daten zu korrigieren (also Messfehler auszumerzen), fiel auf, dass die Sonneneinstrahlung zum Ende des Jahrtausends hin abflachte, die Temperatur aber doch weiter stark anstieg. Damit war die Sonne wieder “raus”.
Und bevor man jetzt sagt, Korrektur, das sei ja nur die Klimamafia – die sitzt eher an der anderen Seite. Die Ölindustrie hat bezahlte Forscher, die das Gegenteil behaupten, die Ölindustrie hat hunderte von Lobbyisten, die Ölindustrie nimmt skeptische Politiker auf, wenn sie aus ihrem Amt ausscheiden. Und die Ölindustrie hat mehr Interesse daran, dass es keinen anthropogenen Klimawandel gibt, als Wissenschaftler als große internationale Gruppe, dass es einen gibt. Es lohnt sich als Wissenschaftler immer auch, Kollegen schlechte Wissenschaft nachzuweisen und denen einen reinzuwürgen, weil die eigene Theorie besser ist. Nicht, dass es nicht auch dort Massenverhalten gibt, aber der Anreiz für gegenteilige Meinungen ist zumindest da, und in dreißig Jahren Klimaforschung sind wie gesagt die Erkenntnisse immer sicherer geworden, nicht unsicherer.
Und wie groß der Wille der Politiker ist, den Klimawandel als “Ideologie” zu propagieren, sieht man ja, wenn man sich die internationalen Konferenzen ansieht, bei denen bloß keine verbindlichen Ziele vereinbart werden dürfen. Wenn Politiker von etwas überzeugt sind, machen sie entsprechende Gesetze und Abkommen, siehe Urheberrechtsverstöße. Sich überzeugt zu geben, dass eine klimatische Katastrophe drohe, und gleichzeitig nichts dagegen zu tun, wäre nun wirklich allergrößte Dummheit.
Noch etwas: die Klimaforscher-Theorien wechseln NICHT alle paar Jahre. Der Treibhauseffekt wurde sogar schon VOR der Wende zum zwanzigsten Jahrhundert formuliert. Die Theorie der Erwärmung ist seit den Siebzigern gängige Theorie, die Erklärungsmodelle sind nur genauer (und vielleicht komplexer) geworden – so, wie in (nahezu?) allen anderen Wissenschaften auch: Man tut ja auch die Erklärung von Erbkrankheiten durch bestimmte Gene nicht damit ab, Medizin sei eine junge Wissenschaft, da ändere sich eben ständig etwas.
Zu behaupten, “wir” wüssten einfach zu wenig, ist so nicht korrekt. Bevor man so etwas behauptet, möchte ich wissen, ob derjenige, der so etwas behauptet, denn auch weiß, was “wir” so wissen. Hast du den IPCC-Bericht gelesen (den ganzen). Hast du dich mal durch realclimate.org gewühlt, oder dir zumindest die sechs Videos auf Youtube angesehen, die grob erklären, was wir wissen, und dann vor allem mit Kritiken und Mythen umgehen? Oder ist “wir wissen nichts genaues” und “Computermodelle sind ungenau” noch Positionen von vor zwanzig Jahren?
Ich empfehle für die Analogie Richard Dawkins’ neuestes Buch zur Evolution “The Greatest Show on Earth” (gibt es bestimmt (bald?) auch auf deutsch), in dem beschrieben wird, wie das EINE System Evolution aus verschiedenen Erkenntnismethoden und Wegen gestützt wird. Wenn ich einen Fan frage, wie das Spiel ausging, und in der Zeitung gucke, und auf die Anzeigetafel schaue, dann stützen sich diese drei Verfahren gegenseitig. Und wenn der Fan “2:1″ sagt, in der Zeitung “4:0″ steht und auf der Tafel “1:1″, dann habe ich ein Problem. Wenn die alle das gleiche anzeigen, informiere ich mich zwar nur über ein Spiel, aber auf unabhängigen Wegen und damit sicherer.
Nachtrag: wenn du die Widerlegbarkeit der Theorie zum Klimawandel kritisierst, dann sag mir doch mal, wie diese Theorie deiner Meinung nach aussieht und warum sie nicht widerlegbar sein soll.
[Damit sind wir etwa auf der Hälfte. Montag gehts weiter!]

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