Es ist eine interessante Erfahrung, durch die Listen der Filme des letzten Jahrzehnts zu untersuchen. Als Einleitung für die zehn besten Filme von 2000 bis 2009 erzähle ich ein wenig von dieser Erfahrung und werfe einen Blick auf das Jahrzehnt insgesamt.
Zu Beginn des Jahrzehnts sah es ziemlich trübe aus. Natürlich gab es auch damals gute Filme, aber die musste man suchen, vor allem, wenn es halbwegs kommerzielle und trotzdem gute Filme sein sollten – also solche, die man im Kino sehen will, Kintopp im besten Sinne. Insofern waren Filme wie die Herr der Ringe-Reihe auch Ausnahmen, was ihre vermeintliche Qualität in der Wahrnehmung noch steigerte. Die ersten fünf Jahre des Jahrzehnts waren wirklich Grund, sich um die Zukunft des Kinos Sorgen zu machen.
Bester Film 2000: Unbreakable. Vielleicht der unterschätzteste Film des ganzen Jahrzehnts. Außerdem erwähnenswert: Tiger & Dragon und Memento.
Bester Film 2001: Chihiros Reise ins Zauberland, ein großartiger Kinderfilm, von dem in Punkto Einfallsreichtum und Einfühlungsvermögen Pixar noch was lernen kann. Bonus: eine weibliche Hauptfigur! Außerdem erschien hier der erste Herr der Ringe. Die Reihe habe ich längst nicht so oft gesehen, wie ich damals gedacht hätte, und die Längen der Filme wirken sich bei jedem Gucken stärker aus.
Bester Film 2002: Punch-Drunk Love. Großartige romantische Tragikomödie, leider viel zu wenig gesehen. Leihen, leihen, leihen. Außerdem: Adaption, Die Bourne Identität, der Anfang der tollen Actionreihe.
Bester Film 2003: 28 Days later. Jedes Mal, bevor ich den sehe, denke ich, der ist nicht so gut, aber nachher merke ich: doch, ist er. Nahezu perfekter Zombie-Thrill. Außerdem: Oldboy und Kill Bill (der erste Teil, der bessere zweite Teil kam 2004).
Bester Film 2004: Vergiss mein nicht. Zusammen mit Punch-Drunk Love haben wir hier die beiden empfehlenswertesten romantischen Komödien überhaupt. Eine Abhandlung über die Flüchtigkeit der Liebe und den Wert schmerzhafter und guter Erinnerungen. Toll.
Bester Film 2005: Serenity. Okay, hier spricht vielleicht auch der Fanboy, aber trotzdem. Außerdem: die kompromisslose Liebesgeschichte Gegen die Wand.
Nach diesen sechs Jahren sah es wahrlich düster aus. Fünf gute Filme im Jahr, allenfalls ein oder zwei richtig gute, waren nicht wirklich hoffnungsvoll. Aber dann machte das Jahrzehnt eine Kehrtwende, und heute leben wir in einer wunderbaren Kinozeit. 2007 war ein geradezu perfektes Filmjahr: ich kann problemlos eine Top 10 aus diesem Jahr zusammenstellen, die als Top 10 der Dekade funktionieren würde. Unfassbar, was da alles auf die Leinwand kam. Auch 2009 kann sich sehen lassen, und hier habe ich noch nicht alle Filme gesehen, die ich zumindest auf die Jahresbestliste setzen würde – ich erwarte allerdings nur bei einem dieser Filme, dass er die Jahrzehntsliste packen könnte.
Die besten Filme 2006: Departed – Unter Feinden, Pan’s Labyrinth, Children of Men, Briefe aus Iwo Jima, United 93.
Die besten Filme 2007: No Country for Old Men, There will be Blood, Ratatouille, Gone Baby Gone, Hot Fuzz, Eastern Promises, 3:10 to Yuma, Death Proof, The Host, The Assassination of Jesse James by the Coward Robert Ford. Wow. Was für eine Liste.
Die besten Filme 2008: Wall*E, So finster die Nacht, Synechdoche, New York. The Dark Knight wird besser, je öfter ich ihn sehe. Milk leidet unter den selben Problemen wie andere Filmbiografien. Nicht gesehen: Rachel Getting Married, The Wrestler, Gomorrah.
Die besten Filme 2009: Ha, von wegen. Da müsst ihr euch noch etwas gedulden. Aber hier die Filme, die ich definitiv noch sehen will, für eventuelle Berücksichtigung in meiner Top 10: An Education, Hurt Locker, In the Loop, The Informant!, Where the Wild Things are, Thirst, Moon. Nicht sehen werde ich: The Amazing Mr Fox, weil Wes Anderson einfach an mir vorbei geht oder ging, als ich zuletzt einen Film von ihm sah, was zugegeben etwas her ist. Ich hoffe auch, noch Whip it sehen zu können, auch wenn der Film m.W. erst im nächsten Jahr nach Deutschland kommt.
Der Stand des Films für Frauen ist aber leider immer noch nicht besonders gut. Gute Frauenrollen gibt es selten, und Filme für Frauen sind meistens nur kalkulierte Geldmaschinen wie Twilight oder Bride Wars. Diese Filme sind furchtbarer Müll, so wie Transformers. Männer haben nur das Glück, bei “normalen” Filmen auch als Publikum zu gelten, wohingegen Frauen nur diesen Dreck vorgesetzt kriegen. Eine Bourne-Reihe mit einer weiblichen Hauptfigur würde sich auch gut verkaufen. Stattdessen müssen die ausgehungerten Frauen sich Sex in the City oder Mamma Mia ansehen, letzteres fast schon ein Verbrechen an der Menschheit.
Es gibt ja den “Bechdel-Test”, der recht süffisant fragt, ob in einem Film zwei Frauen vorkommen, die sich miteinander unterhalten und sich dabei nicht nur über Männer unterhalten. Es ist erstaunlich, wie wenig Filme diesen Test bestehen. Aber in nahezu jedem Film gibt es zwei Männer, die sich über etwas anderes unterhalten. Man kann diesen Test auch mit nicht-weißen Personen machen, aber da spricht wenigstens die Demografie noch gegen – es gibt aber so viele Frauen wie Männer (sogar etwas mehr), es ist also seltsam, wenn die sich nicht treffen. Auch für die Zukunft sieht es da nicht so rosig aus, der “Jungsklub” Hollywood bleibt wohl erst mal, wie er ist.
Das soll nicht heißen, dass nicht auch Filme mit Schwarzen, die nicht von Tyler Perry kommen (oder mit Türken ohne Frankfurter Ghetto), mit behinderten Hauptfiguren oder mit homosexuellen solchen, die nicht die Homosexualität oder die Behinderung zum Thema machen, mit Atheisten, die nicht am Ende zu glauben beginnen, oder auch mit nicht typischen Beziehungsmodellen – Secretary ist wie alt? Und wann ist mal nicht die Ehe mit “dem Einen” oder “der Einen” das Ideal? – arg, arg fehlen. Aber wenn die nicht einmal Frauen richtig hinkriegen, braucht man auf den Rest wohl eher nicht zu warten. So, so ärgerlich…
Besondere Erwähnung: Der Untergang ist sicher kritikwürdig, aber er verdient eine besondere Erwähnung deshalb, weil seine Schlüsselszene in Hitlers Bunker zu einem der besten und verbreitetsten Meme des Internet geworden ist – Hitler hat zu allem eine Meinung. Übrigens auch ein tolles Beispiel für kreative Nutzung von urheberrechtlich geschützten Inhalten.
Die überschätztesten Filme: Damit klar ist, dass diese Filme sicher nicht in meiner Liste auftauchen werden, weil sie schlechter sind, als man gemeinhin hört, und manchmal sogar richtig übel. Die Fabelhafte Welt der Amélie – ja auch ich fand ihn damals charmant, aber eigentlich ist dieser zuckersüße Schmalz… zuckersüßer Schmalz. Bah. L.A. Crash wäre der Höhepunkt typischer Hollywood-Arroganz, ein gruseliger Film mit – Anführungszeichen – Anspruch – Anführungszeichen. Wäre der Höhepunkt, wenn es Slumdog Millionär nicht gäbe, der in seiner Herablassung nicht nur Schwarze und Rassisten, sondern die Ärmsten der Armen missbraucht, um Horden von reichen weißen Arschlöchern ein gutes Gefühl zu geben: die leben zwar im Dreck, aber das hat alles seinen Sinn, und die würden das Geld, das wir ihnen nicht geben, sogar ablehnen. Grr.
Adventureland ist ein Film für Kritiker in der Midlife-Crisis, die sich selbst in der jugendlichen Hauptfigur erkennen und darüber vergessen, dass der Film scheiße ist. Miami Vice ist das hässlichste, das Michael Mann je zur Leinwand gebracht würde, dazu unspannend und mit einer ebenso hässlichen Geschichte. Und schließlich ist das Leben der Anderen pseudo-anspruchsvoller Müll, der ohne die großartige Leistung von Ulrich Mühe zurecht auf dem Billigstapel in der Videothek gelandet wäre. Florian Henckel von Donnersmark ist ein Vollpfosten, und das merkt man dem Film an, der ahnungslos durch die DDR stapft.
So, Frust losgeworden. Bald geht es los mit den Top 10 des Jahrzehnts: ich werde jeweils einen Film genauer besprechen, natürlich rückwärts. Und wenn ihr einen Film vermisst, ist jetzt noch Zeit, den loszuwerden – oder einfach für die Nachwelt in den Kommentaren zu empfehlen. Into the Wild und Home hatten wir ja schon dabei.

Comments 2
Wie hieß denn der andere von Fatih Akin? Zwischen den Welten oder so… da gab es auch eine Beziehung zwischen zwei Frauen, die sich mehrfach über Politik unterhalten haben. Frauen! Politik! Und sogar von einem Mann, ohne Fatih Akin sähe es düster aus bei den kommerziell erfolgreichen Filmen aus Schland. Hab’s: “Auf der anderen Seite”.
Posted 16 Dec 2009 at 18:25 ¶Wow, danke! Von dem Film hab ich noch nie was gehört, da muss ich mal sehen, dass ich diese Wissenslücke mal nachhole. Und ja, Akin ist “Retter des deutschen Films” oder so
Posted 16 Dec 2009 at 20:13 ¶Post a Comment