Stillschweigen… oder?

Letztes Wochenende ist meine Großmutter im Alter von 94 Jahren gestorben. Zufällig habe ich am Vortag noch ein Bild mit dem Handy gemacht – siehe unten. Ich will aber nicht über meine Großmutter schreiben, auch wenn es genug für ein eigenes Blog gäbe. Stattdessen möchte ich erzählen, warum ich mich am Samstag im Schoße der Familie etwas unwohl fühlte.

Käthe Groddeck (1915-2009)

Käthe Groddeck (1915-2009)

Ich bin gänzlich ungläubig. Der Gedanke an einen Gott oder ein Leben nach dem Tod spendet mir keinen Trost. Aber ich erkenne natürlich, dass dieser Gedanke anderen Trost spendet, und wenn man mit der Familie zusammensitzt, kommt so etwas natürlich zur Sprache.Wo ist sie jetzt? Sitzt meine Oma auf einer Wolke, macht sie den Himmel unsicher, ist ihr Geist unter uns? Mir liegt es fern, dann einzuschreiten und zu diskutieren, warum das wahrscheinlich nicht so ist. Das Gespräch entwickelt sich dann also ohne mich: Im Islam glaubt man, dass im Himmel alle 33 Jahre alt sind. Vielleicht wird man ja auch wiedergeboren? So als Ameise?

Ich bin nicht nur ungläubig, sondern auch Skeptiker. Das bedeutet, dass ich auch die Behauptungen von Leuten kenne, mit ihren vorherigen Leben in Kontakt gekommen zu sein. Das bedeutet auch, dass die sich entwickelnde Diskussion weiter an mir vorbei geht: Nicht nur, dass der liebe Gott ihr ein langes Leben geschenkt habe, sondern meine Oma war denn auch ein typischer Widder. Ach nee, sie war Zwilling, aber auch typischer Zwilling. Und als Widder sollte man bloß keine Jungfrau heiraten, aber Widder und Widder geht.

Hier widerspreche ich, was eigentlich so gar nicht typisch Waage ist, aber trotzdem. Und irgendwie sind wir dann bei John F. Kennedy, und dass man seinen Mörder ja auch nie fand. Erster Beweis: JFK von Oliver Stone. Zweiter Beweis: Galileo Mystery. Da gab es auch mal Berichte über die gefälschte Mondlandung, und der elfte September ist ja auch Verschwörung, weil die Türme gesprengt wurden. Kam mal im Fernsehen.

Und ich sitze dazwischen, konfrontiert mit geballter familiärer Esoterik, und fühle mich hilflos. Diese Sachen kann man gar nicht alle ad hoc und detailliert abhandeln, schon gar nicht in dieser Situation. Und dann geht es wieder zurück zur Toten. Dass man ausgerechnet heute vor der Dusche in ihr Schlafzimmer ging, kann ja kein Zufall sein. Dass ich gestern noch ein Foto machte. Dass dies und jenes, und als ein Deckel runterfällt, ist das auch ein Zeichen.

All das liegt mir fern, ich sehe den toten Körper im ersten Stock als nichts anderes als das, einen toten Körper, dessen Gehirnaktivität eingestellt wurde. Keine Seele fleuchte, kein Geist blieb übrig, und ob nun Feuer- oder Erdbestattung, ob Würmer in der Nase oder Obduktion, das ist dem Körper alles egal. Von meiner Oma bleibt nur Erinnerung – gute Erinnerung. Das reicht mir, aber das kann ich kaum aussprechen. Ich schweige, um das, was ich als Aberglauben bei meiner Familie werte, nicht zu gefährden, aber darüber bleibt meine eigene Bewältigung der Situation ungehört.

Wie reagiert man auf den Satz, der liebe Gott habe meiner Oma viel Zeit gegeben, wenn man den lieben Gott nicht für nötig hält? “Sie hat sich die Zeit genommen”, antworte ich, und das kommt einer ehrlichen Antwort an diesem Tag noch sehr nahe, kann man dies doch auch so verstehen, dass der liebe Gott von meiner Oma keine Wahl bekam – was auf sie zutreffen würde, gäbe es diesen Gott.

Den größten Familienstreit meiner jüngeren Erinnerung löste ich aus, als ich mich gegen ein Leben nach dem Tod aussprach (ohne konkreten Traueranlass). Das will ich an diesem Tag nicht wieder auslösen, aber gut fühle ich mich deswegen nicht. Auch der Trauerspruch für den Kranz ist eine Gratwanderung: nichts Heiliges, aber bitte auch nichts Ketzerisches (auch wenn die Versuchung dazu groß ist). Schweigen, um zu trösten, oder lügen, um zu trösten – ist das die Lösung?

Nur zur Sicherheit für die Nachwelt, da ich das ja gerade mitkriege: Wenn ich sterbe, ist mir herzlich egal, wie man die Trauerfeier gestaltet. Mir würde gefallen, auf religiösen Mumpitz zu verzichten, und ich würde mich sehr freuen, meinen Körper der Forschung zu überlassen. Aber wenn ich tot bin, bin ich tot, also macht, wat er wollt.

Comments 3

  1. avatar robert wrote:

    den gedanken hatte gerade auch jemand anderes. http://www.xkcd.com/659/

    Posted 19 Nov 2009 at 15:18
  2. avatar Patrick wrote:

    Cool, hab ich gar nicht dran gedacht, obwohl ich xkcd natürlich lese. Ich bin auch Organspender (Ausnahme: Gesichtstransplantation).

    Posted 19 Nov 2009 at 15:28
  3. avatar Levold wrote:

    Erst mal mein Beileid (falls du das willst oder brauchst, ansonten ignoriere es einfach).
    Und dann stelle ich völlig wertfrei fest, dass alle Familien gleich sind. Was kann man da als Atheist machen? Eigentlich nur das, was du getan hast: die Klappe halten.
    Naja, ist ja bald Weihnachten. Die härteste Prüfung des Jahres. Wobei ich durchaus auf den ganzen Kitsch mit Baum usw. stehe. Kann man eigentlich Atheist und Kommunist sein und trotzdem eine konservative Wertehaltung beibehalten? Manchmal fühle ich mich schizophren…

    Posted 20 Nov 2009 at 08:32

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