Da kann man mal sehen…

Da unterhalte ich mich mit einer MzF-Transsexuellen über den Zustand von Politik und Gesellschaft und unterliege meinen eigenen Vorurteilen. Wer täglich komischen Blicken ausgeliefert ist und mehr als einmal angepöbelt wurde – einmal sogar hart in die Brust gekniffen –, hat doch wahrscheinlich ein Herz für Minderheiten?

Von wegen.

Deutschland wäre besser dran ohne “die”. Die? “Was sind das für Menschen, die rumpöbeln und prügeln? Das muss ich ja nicht genauer sagen.” Ja, es geht um Migranten, was ja auch verständlich ist, weil “die ja hierhin kommen, weil die sich in ihrer Heimat schon nicht anpassen konnten.” Und Andre W., der eine Muslimin erstach, war ja “auch nur Passdeutscher”. Das komme alles nicht von ungefähr.

Klar gibt es auch gute Migranten, geht es weiter, aber die meisten eben nicht. Das sei auch kein Vorurteil, sondern Tatsache. Na ja, nach Kriminalstatistik nehmen die Zahlen der von Ausländern verübten Verbrechen immer weiter ab, und Verbrechen gegen Asylgesetze können Deutsche gar nicht verüben. Einen Hinweis auf systemische Probleme – geringere Chancen für Migrantenkinder in Schule und Job, die prekäre Lage von Asylsuchenden, die unterschiedliche Schichtverteilung von Migranten und Deutschen gelten nicht.

Dafür sind aber Ehrenmorde angeblich keine Einzelfälle, sondern Regelmäßigkeit. Der Konter, dass auch Deutsche ihre Frauen ermorden, aus ähnlichen Gründen, dies aber nicht als Ehrenmord deklariert wird, ruft den Vorwurf hervor, nicht hinzusehen oder nicht nachdenken zu wollen.

Von da an drehen wir uns im Kreis, weil ich die Fälle anerkenne und auch Lebensvorstellungen zuordnen mag – fundamentalistische Ideologien beispielsweise –, aber darüber nicht eine ganze Bevölkerungsgruppe aburteilen will. Dem gegenüber steht jedoch eine Masse von persönlichen Erfahrungen dieser Frau, die zwar durch selektive Wahrnehmung geprägt sein mag, die sie sich aber nicht ausgedacht hat.

Wir gehen uneins auseinander, und mir bleibt der Gedanke zurück, dass man tatsächlich nicht vom Äußeren auf die Person schließen kann. Weder bei Migranten noch bei MzF-Transsexuellen.

(Dies soll kein Vorwurf sein; eine andauernde Erfahrung von Diskriminierung kann sehr wohl auch in Verbitterung enden, die man dann dem vermeintlich Schuldigen anlastet, der gleichwohl nicht der (einzige) Schuldige sein muss. Es hat mich nur verwundert und überrascht, wie es mich auch verwundert, wenn aus der Schwulenszene intolerantes Verhalten kommt. Aber ein Wesenszug macht eben noch nicht den Menschen.)

Comments 1

  1. avatar Florian Fiegel wrote:

    Das Problem ist, dass die Menschen egal welcher Gruppierung sie angehören immer zuerst eine Bindung zur eigenen Gruppe aufbauen. Eine Gruppe die Probleme mit anderen Gruppierungen hat, baut in der Regel gegenüber dieser schneller und stärker Vorurteile auf.

    Dies erfolgt nicht generell aber sobald ein Individuum in dieser Konstellation öfter Probleme erleidet, ergibt sich schneller eine negative Grundhaltung.

    Ein Problem das sich nicht nur in obiger Konstellation findet. Auch in tausenden anderen Konstellationen zeigen sich solche Phänomene. Subkulturen, Szenen und wie immer man es nennen will.

    Dabei spielt nicht mal die Wahrnehmung von Problemen eine Rolle sondern auch die Prägung einer bestehenden Gruppe. Die Welt lässt sich mit den Wahrheiten einer Gruppierung erklären. Ganz ohne den Blick über den Tellerrand.

    Posted 08 Nov 2009 at 00:30

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