Zwei Hörbucher betreten die Arena, und nur eines kann sie lebend verlassen. In der einen Ecke steht The Strain, der erste Teil einer geplanten Trilogie, ausgedacht von Meisterregisseur Guillermo del Toro und verarbeitet von Chuck Hogan. Das Hörbuch kostet bei iTunes 20,95 € und wird vom Schauspieler Ron Perlman gelesen. In der anderen Ecke steht Infected, geschrieben und gelesen von Scott Sigler und kostenlos im Netz verfügbar. Beide Bücher gibt es auch als “normalen” Roman zu kaufen.
Der Guardian schreibt zu The Strain: “Del Toro’s vampire saga is diverting and never less than expertly crafted. But it is also tightly formatted and ultimately disposable – a tasty piece of literary junk-food, spiced with reheated action set-pieces and great reams of expository dialogue.”
Zu Infected: “Told from multiple viewpoints, this is fast fiction at its most glib, with short chapters ending in portentous cliff-hangers and one-dimensional characters we’ve seen before in a hundred bad movies.”
Und jetzt: Fight!
Das Hörerlebnis: Man sollte meinen, der Schauspieler Perlman wäre dem Schriftsteller Sigler klar überlegen, wenn es um die Interpretation des Textes geht, aber das wäre ein Irrtum. Perlman liest das gesamte Buch in einer lakonischen Gleichtönigkeit, mit der Szenenwechsel oder auch dramatische Momente ebenso klingen wie das Aufzählen des Frühstücks. Im Gegenzug versucht sich Sigler an unterschiedlichen Stimmen und variiert Tempo, Lautstärke und Tonhöhe je nach Situation. Siglers Version ist definitiv lebhafter und besser zu hören.
Der Plot: The Strain beginnt mit einem gestrandeten Flugzeug, in dem fast alle Passagiere tot sind und scheinbar friedlich gestorben. Wie sich herausstellt, wurde ein Jahrhunderte alter Vampir, der “Meister”, in der Maschine nach Amerika verfrachtet, um einem Milliardär das Leben zu verlängern. Nur der mehr oder weniger frisch geschiedene Seuchenfachmann Eph Goodweather, seine Kollegin Naomi und der alte Professor Satrakien können der Seuche noch Widerstand entgegen bringen…
In The Strain sind Vampire etwas anders als sonst. Wie in diesem Trailer zu sehen ist, haben Vampire keine Fangzähne, sondern einen fleischigen Stachel unter der Zunge. Damit saugen sie Blut und infizieren ihre Opfer mit “Blutwürmern”. Diese Würmer sind es, die das Opfer töten und beleben. Sie verändern den menschlichen Körper komplett – Organe verschwinden beispielsweise. Zuerst sind Vampire hirnlose Fressmaschinen, allenfalls mit einer rudimentären Erinnerung ausgestattet – sie kehren zu ihrem Zuhause zurück –, mit der Zeit werden sie stärker und sich selbst bewusst, sind jedoch niemals eine untote Variante des Menschen, der sie mal waren. Vor diesem Hintergrund ist also der Plan des Milliardärs bereits unsinnig.
Ältere Vampire wie der Meister können sich telepathisch verständigen und schwächere Vampire steuern; auf sich allein gestellt sind junge Vampire eher Zombies, sie sich mit einem Biss vermehren (oder auch über eine direkte Übertragung der Würmer). Allerdings können Vampire durch Silber und Sonnenlicht verletzt werden.
Infected beschreibt die Infektion mit einem außerirdischen Virus. Dieser setzt sich mikroskopisch klein im Körper mehrerer Menschen fest und treibt sie zu wahnsinnigen Gewalttaten. Der Polizist Dew Philipps versucht, einen Infizierten lebend zu fangen, denn nach ihrem Tod verfallen die Körper und lassen Seuchenexpertin Margaret Montoya nichts zurück, was auf die Ursache der Gewalttaten schließen ließe. Gleichzeitig fokussiert sich der Roman auf den ehemaligen Footballer “Scary” Perry Dawsey, der mit sieben der blauen Dreiecke infiziert ist. An Perry erleben wir die Stadien der Infektion aus erster Hand, wir erfahren den wahren Grund der Infektion – und wir erleben, wie Perry Dawsey den Kampf um seinen eigenen Körper aufnimmt, bevor die Dreiecke groß genug werden und… schlüpfen.
Die Infektion ist in diesem ersten Teil einer geplanten Trilogie nicht ansteckend. Ist ein Opfer infiziert, hat es zunächst Grippesymptome, während die Dreiecke das Nervensystem anzapfen. Die Dreiecke wachsen schnell, sie schlagen Verbindungen ins Hirn des Opfers und lernen so, zu “sprechen” und durch seine Augen zu sehen. Später wachsen ihnen selbst Augen und schließlich, am Ende des Zyklus’, schlüpfen sie aus dem Körper ihres Opfers und töten ihn damit. Vorher aber senden sie bereits mentale Befehle, um das Opfer zu steuern und ihrem Plan zu unterwerfen. Die meisten Opfer verfallen der induzierten Paranoia und den Dreiecken.
Kritik: The Strain ist furchtbar in seiner Berechenbarkeit. Hier finden wir alle Szenen, die wir schon hunderttausendmal in Filmen gesehen haben. Im Dunkeln beginnen die UV-Taschenlampen zu flackern. Wenn der oberste Seuchenexperte seine Exfrau bittet, sofort mit dem gemeinsamen Sohn aus der Stadt zu fliehen, tut sie es nicht und wird prompt vom Bösewicht gefangen genommen. Der Bösewicht sucht daraufhin den Seuchenexperten auf, tötet ihn aber nicht, obwohl er angeblich so furchtbar mächtig ist. Wenn ein Taxi von Vampiren umstellt wird, die ihre Fleischstachel gegen die Fenster schnellen lassen, beharrt der nicht englisch sprechende Taxifahrer erst auf seinem Fahrgeld, dann steigt er aus, um mit einem kleinen Revolver gegen Dutzende von Monstern zu kämpfen. Die Charaktere – allen voran Professor Satrakien – geben düstere Einzeiler von sich und lassen mit Erklärungen auf sich warten. Am Ende muss die Frau zu Hause bleiben und auf das Kind aufpassen, dem man immer noch nicht gesagt hat, dass todbringende Vampire rumlaufen. Die Seuchenbehörde weigert sich, die Beweise zu akzeptieren, sodass der Doktor selbst zum Schwert greifen muss und den Meister bekämpfen muss. In einer entscheidenden Situation haben sie den Meister kurz vor der Vernichtung, aber dann hat ein Charakter einen Herzanfall, und anstatt das Monster zu töten, geht man dem Charakter helfen – der Meister bleibt so der Trilogie erhalten und kann hunderte neuer Monster schaffen. Ebenso lässt man andere Vampire gehen.
Im Gegensatz dazu arbeitet bei Infected die Seuchenbehörde verzweifelt daran, die Ursache herauszufinden. So unwahrscheinlich es scheint, verfolgen sie doch die Daten, die sie haben, und müssen ihre Hypothesen mehrfach revidieren – zuerst glaubt man an einen terroristischen Anschlag. Aber die gesamte Behörde arbeitet letztlich doch daran, das Problem zu lösen, und handelt glaubwürdig und nicht so, wie es gerade im Plot stehen muss. Hier müssen Handys nicht plötzlich keinen Empfang haben oder Ausrüstungsgegenstände ausfallen, um künstlich Spannung zu erzeugen. Es werden Parameter aufgestellt, an die sich Sigler im Anschluss hält. Das ist eine große Stärke dieses Buches: das was-wäre-wenn funktioniert.
Ein zweiter Schwachpunkt bei The Strain betrifft die Figuren. Dr. Goodweather ist als Hauptfigur stärker gezeichnet als alle anderen und trotzdem nicht greifbar. Das liegt auch daran, dass diese Figuren einfach dem Skript gehorchen. Goodweather ist ohne Schwächen und kann am Ende sogar problemlos mit einem Schwert zum Actionhelden werden. Insgesamt haben die Figuren keine Probleme, den Vampirismus zu erkennen und anzunehmen – im Gegensatz zu den “Bösewichten” auf der anderen Seite. Sie haben nicht wirklich Angst oder Panik, und wenn am Ende Goodweather von sich sagt: “von heute an würde er wohl immer etwas verrückt sein” ist das ein rein beschreibender Satz, der sich in keinster Weise aus dem Buch ergibt, sondern nur als Klischee hinein gehört.
Der schlimmste Charakter aber ist Professor Satrakien, der Schmalspur-van-Helsing. Satrakien darf das ganze Buch hindurch vage Andeutungen und umschweifende Erklärungen abgeben, wie denn die Vampire funktionieren und zu bekämpfen sind, er hält ein Schwert gekonnt in gebrochenen, arthritischen Fingern und hat ein ganzes Arsenal an Anti-Vampir-Waffen. Wieder und wieder bekommen wir lange Szenen mit düsteren Sprüchen und Exposition, anstatt wirklich einzutauchen in das Hirn dieses Buchenwald-Überlebenden, der de facto verrückt sein sollte, aber nur als alte Version von Doktor Goodweather rüberkommt.
Wiederum im Gegensatz dazu Infected. Zwar sind auch hier die Figuren auf den ersten Blick erkennbar: der harte Cop und früheres Mitglied einer militärischen Spezialeinheit, die brilliante Wissenschaftlerin, der toughe Footballer, der Politiker. Was Sigler aber gelingt ist, in diese Figuren einzutauchen. Und auch, wenn sowohl Dew Philipps als auch Margaret Montoya dabei auf relativ bekannten Pfaden wandeln, ist dennoch ihr Erleben wesentlich greifbarer und dramatischer als bei den Helden in The Strain. Wenn Dew Philipps einem Mann begegnet, der seine eigenen Beine abgehackt hat, dann erlebt er durchaus Grauen in diesem Moment und beschreibt nicht nur, was er sieht. Das wirkt sich auf den Leser aus.
Besonders positiv aber ist Perry Dawsey. Perry ist ein Hüne, ein Mann mit Aggressionsproblemen und einer Vergangenheit voll körperlichem Missbrauch. Sein Vater hat ihm “Disziplin” eingetrichtert. Die Glanzmomente von Infected haben alle mit Perry zu tun, wie er seine Erkrankung wahrnimmt und – diszipliniert – den Kampf aufnimmt. Dabei wird Perry glaubwürdig an die Grenzen des Machbaren gebracht, und am Ende glaubt man auch, dass er in Gefahr ist, seinen Verstand zu verlieren, weil er so viel durchgemacht hat.
Bleiben noch die Monster. The Strain hat Vampire, die nicht wirklich bekannte Vampire sind. Diese Monster sind zumeist hirnlos, und selbst der Meister ist kein wirklicher Meister der Intrige. Irgendwie können die Blutwürmer Organe umwachsen, lassen Genitalien verschwinden, bilden Stachel aus, werden anfällig für Silber und können fließendes Wasser nicht ohne Hilfe überschreiten (häh?). Wie die Flugpassagiere allerdings alle nahezu gleichzeitig gebissen werden konnten, erfahren wir nie – nichts, was der Meister an Kraft demonstriert, könnte dies erreichen, sodass der durchaus gelungene Aufhänger des Todesflugs letztendlich durch die im Buch aufgezeigten Regeln unmöglich wird.
Auch hier besticht Infected. Sigler bleibt bei seinen Monstern auf der Seite der Wissenschaft – ein Zug bei ihm, den er bewusst vermarktet – so weit das mit außerirdischen Parasiten möglich ist. Alle körperlichen Veränderungen der Opfer sind demnach glaubwürdig(er), ihre Aktionen ergeben Sinn, es gibt auch hier keine wirkliche “Story-Willkür”.
Das Urteil: The Strain ist schlimmster Abklatsch. Selbst, wenn man autistisch ist und noch nie einen Film gesehen oder ein Buch gelesen hat, kennt man eigentlich schon alles, was hier passiert. Dazu kommen sinnlose Aktionen auf allen Seiten, die nur dazu dienen, die Geschichte pseudospannend zu machen und zuzuspitzen. Die Figuren bleiben Ausschnittsware, es gibt nicht einen einzigen überraschenden oder mitreißenden Moment. Als Zweistundenfilm geht die Story gerade so durch, als dreizehnstündiges Buch aber nicht. Man hat zu viel Zeit, über den Unsinn nachzudenken und mit den Augen zu rollen.
Infected erfindet das Genre auch nicht neu, aber es fühlt sich deutlicher wohler in seinen Grenzen. Dazu macht Sigler mit der persönlichen Erfahrung von Perry Dawsey tatsächlich etwas mehr oder weniger originelles. Vor allem aber ist die Geschichte viel mitreißender, es gibt mehrere “Oh, Kacke!” oder “Bitte nicht!”-Momente. Man wendet beim Hören die Ohren ab und kann schließlich nicht umhin, Perry zu bemitleiden und zu respektieren – viel mehr, als das andere Buch schafft.
Schließlich ist Sigler auch nicht so zurückhaltend; The Strain beschreibt zwar auch blutige Taten, aber mit einer ausreichenden Distanz und Oberflächlichkeit, dass sie nie wirklich in ihrem Schrecken durchdringen. Sigler wiederum sagt: “Ihr wollt Horror? Dann bitte schön!” und hält sich nicht zurück. Auch, weil wir die Beschreibungen persönlich gefärbt bekommen, wirken die Bluttaten hier viel extremer. Da reicht es schon, dass sich Perry ein Dreieck aus dem Fleisch schneidet, um extrem zu wirken, wo im anderen Buch nicht mal eine geköpfte Leiche, aus der Blutwürmer krabbeln, wirklich schaudern lassen.
The Strain ist Mist und noch dazu teuer. Rausgeworfenes Geld, enttäuschend. Lest oder hört stattdessen lieber Infected, da hat man sehr viel mehr Spaß. Wie gesagt, das Rad wird nicht neu erfunden, aber doch sehr, sehr rund gedreht.

Trackbacks & Pingbacks 1
[...] der Vampir ohnehin eine dehnbare Kreatur – Guillermo del Toro hat in The Strain ja sogar Zombies daraus gemacht. Bram Stokers Dracula und die Vampire von Anne Rice sind unterschiedlich, und auch Buffy hat ihre [...]
Post a Comment