Pro und Kontra Burqa

In Ägypten herrscht momentan ein Streit um den Gesichtsschleier, den/die/das (?) Niqab. Dieser ist an der Al-Azhar-Universität neuerdings verboten – siehe auch dieses Video von Al Jazeera.

Bei der Mädchenmannschaft spricht sich derweil eine Leserin gegen die Burka aus: Frauenunterdrückung in Europa nicht dulden.

Mein Problem bei der Sache ist sehr einfach als Dilemma zu bezeichnen, das aus meiner Betonung individueller Freiheit stammt. Einerseits ist es für mich inakzeptabel, dass eine Frau gezwungen wird, sich aus bescheuerten Gründen zu verschleiern. Andererseits aber finde ich die Frage nicht einfach zu beantworten, warum denn im Gegenzug Frauen gezwungen werden, sich eben nicht zu verschleiern. Sollte eine Frau sich nicht verschleiern dürfen, wenn sie das möchte?

Zweitens spielt noch die Angst eine Rolle, dass Frauen, denen eine solche Verschleierung verboten wird, dann noch mehr Zeit in ihrer Wohnung eingesperrt verbringen, weil ihr Glaube oder ihr männlicher Vormund ihr nicht gestattet, ohne solche Schleier aus dem Haus zu gehen. Wie in dem Video gefragt wird: Wir wollen, dass muslimische Frauen sich an der Uni bilden, lassen sie dann aber nicht rein?

Dieses Dilemma lässt sich allerdings relativ schnell auflösen. Ja, es sollte jedem freigestellt sein, was er oder sie anzieht. Aber das ist nicht gleichbedeutend damit, dass jede Kleidung gleiche Reaktionen hervorrufen muss. Während ich z.B. auch dafür bin, dass man Nazi-Uniformen tragen können darf, sollte jemand in einer solchen Uniform doch nicht erwarten, von mir ebenso behandelt zu werden wie der sympathische Typ mit den Tattoos und den Piercings. Aber das ist normal. Darum würde ich als Lehrer im Unterricht auch nicht bauchfreie T-Shirts tragen, selbst wenn ich es darf.

Insofern muss sich die muslimische Frau also überlegen, ob ihr die Bildung an der Uni wichtiger ist als die Vollverschleierung. Ihr wird nicht verboten, den Schleier zu tragen, sondern nur, damit an die Uni zu gehen. So, wie Bankleute auch in Anzügen und Kostümen arbeiten, oder Handwerker im Blaumann kommen.

Uns es gibt noch einen Grund, eher gegen den Schleier zu sein. Solange man nämlich nicht dagegen ist, wird der Zwang zu dieser Kleidung stillschweigend akzeptiert. Und diesen Zwang gibt es leider. Mädchen, die den Schleier eher nicht tragen möchten, werden also mit einem Zwang konfrontiert, der scheinbar von der Gesellschaft mitgetragen wird. Anderenfalls aber kann man signalisieren, dass ein solcher Kleiderzwang nicht zu dem gehört, was wir in unserer Gesellschaft akzeptieren, dass es eben gegen die freiheitliche Grundordnung geht.

Als solche freie Gesellschaft müssen wir ansonsten einfach Möglichkeiten schaffen, sich dem Kleiderzwang zu widersetzen, seien es Ausweichorte wie schleierfreie Unis oder gar Zufluchtsorte wie Frauenhäuser, oder auch nur legale Möglichkeiten, dagegen zu klagen. Denn je schwieriger es wird, Frauen den Schleier aufzuzwingen, desto freier können sich Frauen dann auch selbst für den Schleier entscheiden.

Comments 3

  1. Ben wrote:

    Hi,
    ich habe mit der hier vorgeschlagenen Lösung aus zwei Gründen ein Problem.

    1. Wenn ich Dich richtig verstehe, bist Du gegen ein staatliches Kopftuchverbot, fordert aber gleichzeitig (quasi als Ersatz) die Ablehnung durch die Gesellschaft und des Ausschluss der Verschleierten (oder aller anderen abweichend Gekleideten). Ich glaube nicht, dass es eine wünschenswerte Lösung ist, unter der Vorspielung von Freiheitsverwirklichung staatlichen Zwang durch gesellschaftlichen Zwang zu ersetzen. Erstens, weil dadurch die gezwungene Kopftuchträgerin noch stärker aus dem öffentlichen Leben verbannt wird als ohnehin schon – schließlich begegnet ihr ihre Umwelt feindselig; zweitens, weil staatlicher Zwang immer unter der Kontrolle der Gerichte steht, während die Gesellschaft völlig unreguliert und im Zweifelsfall unter vollständiger Missachtung der Menschenrechte diskriminieren kann, wen auch immer sie will.

    2. Ich denke die Entscheidung zwischen einem Kopftuchverbot (ob es sich dann um ein “Kopftuch”- oder nur um ein “Burka”-Verbot handelt, sei mal dahingestellt) und der Duldung eventueller Unterdrückung muss nach dem Gewicht der betroffenen Rechtsgüter entschieden werden. Und hier stehen sich auf der einen Seite die Religionsfreiheit und auf der anderen Seite die allgemeine Handlungsfreiheit gegenüber und da sehe ich den Schwerpunkt eindeutig bei der Religionsfreiheit und bin daher gegen ein Kopftuchverbot. Anders sieht es höchstens aus, wenn man den (kulturellen, familiären etc.) Zwang zum Tragen eines Kopftuches als Angriff auf die Menschenwürde wertet, dann wäre der Staat zum Eingreifen verpflichtet. Aber bei allem Bemühen um Schutz muslimischer Frauen geht dieses Verständnis, glaube ich, zu weit.

    Posted 23 Oct 2009 at 7:53 pm
  2. Patrick wrote:

    Danke für deinen Kommentar. Zu 1) bin ich durchaus für ein Verbot bestimmter Verschleierungen – Burqa und Niqab definitiv – an bestimmten, staatlichen Orten wie Schule und Universität – nicht grundsätzlich in der Gesellschaft, z.B. auf dem Markt.

    Gesellschaftliche Zwänge gibt es ja automatisch und auch jetzt schon, aber ich will keinesfalls, dass dann mit faulen Eiern geworfen oder beschimpft wird. Die Mädels können ja, wenn sie gezwungen werden, am wenigsten dafür.

    Zu 2) kann ich nur sagen, dass ich damit zwei Probleme haben. Erstens ist die Frage, wie weit Religionsfreiheit geht, wenn die Religion an sich diese Verschleierung nicht fordert. Aber wichtiger ist, dass es sich tatsächlich für mich bei dem Kopftuchzwang ja nicht nur um den Zwang zum Kopftuch, sondern um einen ganzen Packen von Zwängen und Unterdrückung der Frau handelt. Da sehe ich schon die Menschenwürde beeinträchtigt und das Recht auf freie Entfaltung der Persönlichkeit. Das Kopftuch wird zunächst einmal von außen aufgezwungen, das allein ist schon ein Verstoß – aber wenn dann dazu noch kommt, dass man keine deutschen Freunde haben darf, dass eine zu enge Freundschaft zu einem Mann Gewalt nach sich ziehen kann, dass man nur in Begleitung aus dem haus darf oder was auch immer… das Problem dabei ist, dass das Kopftuch hier eben auch sichtbares Moment einer möglichen, weiter gehenden Zwangsituation ist, die man eben nicht ansieht.

    Posted 23 Oct 2009 at 9:45 pm
  3. Ben wrote:

    ad 1: Eine gesellschaftliche Ächtung der Verschleierung halte ich für kontraproduktiv. Diejenigen, die zur Verschleierung gezwungen werden, werden so aus der Öffentlichkeit vertrieben und müssen nicht nur mit dem heimischen Zwang, sondern auch noch einer (latent) feindseeligen Öffentlichkeit leben. So tun wir nichts für ihre Befreiung. Die freiwillige Kopftuchträgerin dagegen muss dann damit leben, dass ihr einerseits ebenfalls bereits genannte Feindseeligkeit entgegenschlägt und ihr andererseits die Fähigkeit zur freien Entscheidung abgesprochen wird, indem ihr unterstellt wird, sie trüge ihr Kopftuch nur aus Zwang. Ich denke hier ist viel eher der Verstoß gegen die Menschenwürde zu suchen. Zudem verstehe ich unter einer freiheitliche Gesellschaft etwas anderes, als die Menschen zu ihrem (vermeintlichen) Glück zu zwingen.

    ad 2: Dein Problem scheint mir weniger die Verschleierung zu sein, als das grundsätzliche Zwangsregime, dem viele Frauen in musliischen Familien ausgesetzt sind. Da stimme ich Dir vorbehaltlos zu. Ich denke aber, dass ein Verbot der Verschleierung lediglich ein Operieren an Symptomen wäre. Nur weil sich die Frauen nicht mehr verschleiern dürfen, leben sie nicht freier. Es wäre doch viel sinnvoller, wenn in der Gesellschaft eine Atmossphäre herrschte, die den Frauen zeigt, dass sie – mit oder ohne Kopftuch – als freie Mitglieder der Gesellschaft willkommen sind und ihr Kampf gegen die heimische Unterdrückung von Staat und Gesellschaft unterstützt wird. Das wird aber nur durch Bildung (um das Emanzipationsverlangen der Frauen zu wecken) und Toleranz (innerhalb der Gesellschaft) erreicht.

    Posted 23 Oct 2009 at 10:50 pm

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