Machen wirs kurz, schließlich habe ich lange genug gebraucht, um diese Kritik zu schreiben: District 9 ist ein wirklich, wirklich guter Film. Ein schönes Stück Genrekino und gleichzeitig nicht nur hirnlos. District 9 ist daher zurecht ein kleiner Überraschungserfolg geworden und ein Zeichen, dass es tatsächlich auch qualitativen Produkten gelingen kann, Geld einzufahren. Es muss nicht immer Bay sein.
Zum Glück.

District 9 (2009)
Die Krabben zeichnen sich eigentlich nur durch zwei Dinge aus: erstens lieben sie Katzenfutter und zweitens besitzen sie fortschrittliche Waffentechnologie, die sich aber nur mit ihrer DNA aktivieren lässt. Diese Waffentechnologie will sowohl der MNU-Konzern für sich gewinnen wie auch der nigerianische Warlord, der die Krabben mit überteuertem Katzenfutter versorgt. Die MNU geht dabei wissenschaftlich über DNA-Manipulation und ähnliches vor, der Nigerianer hat eine Schamanin und glaubt, er müsse nur genug der Außerirdischen essen, um deren Kräfte anzunehmen.
Ansonsten sind die Krabben klassische Slumbewohner, die in den Medien als Kriminelle und Müllfresser dargestellt werden. Es gibt allerdings den Alien Christopher, der das große Mutterschiff der Krabben reaktivieren und seine Brüder befreien möchte. Jetzt passiert, was passieren muss, und Wikus kommt Christopher in die Quere. Dabei vermischt sich seine DNA mit einer außerirdischen Substanz, und plötzlich kann Wikus Alien-Waffen abfeuern. Damit wird er erst zum Versuchsobjekt und dann zum gesuchten Flüchtling, als er aus dem Labor der MNU flieht.
So weit die relativ vorhersehbare Story. Interessant ist bei District 9, dass die Grundgeschichte – naiver Bürokrat entdeckt das Unrecht, das er anrichtet, und tut etwas dagegen – hier aus einer rein persönlichen Warte erzählt wird. Wikus wird nicht zum überzeugten Freiheitskämpfer, sondern er will zuvorderst seine fortschreitende Verwandlung zum Außerirdischen rückgängig machen. Das Schicksal der Krabben erfährt er zwar als Unrecht, aber er bleibt im Geiste eben ein Mensch und ist sich selbst der nächste. Das macht die Story wesentlich glaubwürdiger und deutet auch darauf hin, dass selbst vor seinem Unfall Wikus bewusst war, dass er da nicht ganz astreine Sachen machte. Er ignorierte das nur – Befehl von oben eben.
Natürlich haben Kritiker schnell die Krabben als Metapher für die Schwarzen während der Apartheid oder auch Minderheiten generell ausgemacht. Dieser Zusammenhang ist offenbar, auch wenn District 9 kein wirkliches Bild der Außerirdischen zeichnet. Warum gibt es beispielsweise keine gewalttätigen Unruhen, wo die Krabben doch überlegene Waffensysteme haben. Stattdessen scheinen sie sich in ihr sehr karges Schicksal zu fügen. Aber der Film will eben in erster Linie ein Action-Science-Fiction-Film sein und keine Geschichte über Apartheid. Damit lässt sich auch erklären, dass die vermeintlichen “Schwarzen” hier wirkliche Außerirdische sind und nicht “nur” Menschen mit anderer Hautfarbe, was von einigen Über-Linken als rassistisches Element kritisiert wurde.
Kritischer kann man da schon die nigerianischen Gangster sehen. Zwar ist in Afrika die Hexenmedizin noch weit verbreitet, aber gerade, weil es in Wikus’ Organisation einen einzigen Schwarzen gibt – die Bürokraten sind in einer Analogie zu unserer Realität alle weiß und fast alle männlich –, wirken die schamanistischen Anwandlungen doch als rassistische Karikatur.
Aber gerade das schätze ich an District 9, wie ich eben auch schätze, dass Wikus nicht der reine Held ist. Dieser Film verweigert sich einfachen Lesarten und ist daher viel eher ein passendes Diskussionsobjekt als einfache und einseitige Betroffenheitsfilme.
Ansonsten merkt man District 9 auch an, dass Peter Jackson eine Hand im Spiel hatte: Die Effekte der außerirdischen Waffensysteme sind schön splatterig.
Ein Kritikpunkt, der zumindest theoretisch anzubringen wäre, ist die Kameraführung. District 9 beginnt wie eine Dokumentation, als würde ein Fernsehteam Wikus bei seiner Arbeit begleiten, unterbrochen von Interviews mit Forschern und Kommentatoren. Aber im Laufe des Films wechselt die Darstellung zu klassischer Filmperspektive, auch weil natürlich Wikus auf seiner Flucht nicht von einem Kamerateam begleitet wird.
Allerdings löst District 9 diesen Wechsel sehr geschickt, deutet ihn schon früh an, und macht noch etwas anderes damit: über die “Dokumentation”, also die offizielle Mediendarstellung, erfährt der Zuschauer viel über die Welt des Films, erhält aber nur ein sehr einseitiges Bild von den Außerirdischen. Gegenteilige Informationen gibt es nur in der “neutralen” Perspektive, die im zweiten Teil des Films dominiert. Damit wird sehr schön der Kontext vermittelt und darauf hingewiesen, wie wenig die vermeintliche vierte Gewalt an den Unrechtszuständen auszusetzen hat – ganz wie im richtigen Leben. Auch muss man sagen, dass der Perspektivwechsel an sich kaum spürbar vollzieht und man als Zuschauer eher unbewusst in den klassischen Actionfilmteil gleitet.
Man merkt District 9 an, dass der Film nicht mit einem dreistelligen Millionenbudget hantieren konnte, wie er wollte, aber die Effekte sind gut, die Story stimmt und weder Darsteller noch Kamera machen den Film kaputt. So entsteht ein kleines Filmjuwel, das hoffentlich auch in ein paar Jahren noch lohnt, angesehen zu werden.

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