ZS: Verflixte Metaphern! (S. 220)

Dies ist Teil 27 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

(Die Reihe »Zwielicht am Sonnabend« erscheint (fast) jeden Samstag.)

Er will, dass mir nichts passiert, sagte ich mir wieder und wieder. Ich würde einfach an dem Glauben festhalten, dass letzten Endes dieses Verlangen über die anderen gewinnen würde.

Im Original: »I would just hold on to the faith that, in the end, that desire would win out over the others.«

Womit die Crux des Buches benannt wurde.

Twilight ist ja nicht wirklich eine Vampirgeschichte in dem noch vor drei Jahren üblichen Sinne. Vielmehr ist Stephenie Meyer ausgezogen, eine Alternative zu den üblichen Romanzen für Mädchen zu schreiben, und zwar eine Alternative in dem Sinne, dass die Liebesgeschichte ohne Sex auskommt. Damit schafft sie eine Buchreihe, die auch von mormonischen oder anderen konservativen Eltern abgesegnet werden können.

Jetzt hat Meyer eigentlich ein Problem. Ihr Vampir ist nämlich gleich doppelt enthaltsam, einmal auf auf der Textebene und einmal als Metapher. Im Text selbst bleibt Bella enthaltsam, es kommt gerade mal zu einem Kuss. Gleichzeitig aber wird Edwards Drang, Bella zu beißen, zur absoluten Metapher für Sex gemacht. Warum ist das ein Problem? Weil man diese Metapher nicht genauer untersuchen darf.

Setzen wir das einfach einmal ein: Blutdurst = Sextrieb. Das bedeutet erstens, wie von Stephenie Meyer gewünscht, dass Edward dieses unbändige Verlangen spürt, sich aber widersetzt und Bella nicht austrinkt und tötet. Und schon kriselt es ein wenig. Tötet? Was genau ist in der Metapher denn der Tod? Normalerweise stirbt man nicht beim Sex, und Tod ist ja doch eine schwerwiegende Folge. Entjungferung, selbst eine Geschlechtskrankheit scheinen mir da nicht zu passen – höchstens vielleicht AIDS. Ist Edward HIV-positiv?

Überhaupt: um seinen Blutdurst (=Sextrieb) in den Griff zu bekommen, stillt er ihn vor der Verabredung anderswo, er geht mit seiner Schwester jagen. Wie ist das in die Metapher einzubauen? »Keine Angst, Schatz, ich gehe heute mit meiner Schwester los und befriedige mich, damit ich morgen nicht so viel Lust verspüre.« Diese Idee von abreagierten Trieben klingt freudianisch (also unsinnig).

Und Edward, nicht zu vergessen, stillt seinen Trieb ja nicht an anderen Menschen, sondern an Tieren. Er ist ein Vegetarier. Auf die Metapher bezogen heißt das… er hat Sex mit Tieren? Oder ist die Jagd auf Tiere als Masturbation zu verstehen? Masturbiert Edward dann am Abend vor dem Date gemeinsam mit seiner Schwester?

Man sieht also, die Metapher funktioniert nicht wirklich. Und sie funktioniert noch aus anderen Gründen nicht. Erzählerisch funktioniert sie nicht, weil wir als Leser keinerlei Einblick in Edward und sein Verlangen haben. Wenn er also demselben widersteht, dann ist dieser Konflikt für uns nicht besonders mitreißend. Edward sagt uns, er habe Lust, und gleichzeitig, dass er ihr nicht nachgibt. Dadurch, dass Meyer den Sexualtrieb gleichzeitig auf den Blutdurst ummünzt, kommt sie auch nicht in Verlegenheit, Bellas Verlangen schildern zu müssen.

Denn die Verantwortung, nicht nachzugeben, hat in diesem Falle allein Edward. Nur Edward hat die Macht, zu widerstehen und es eben nicht zum Akt kommen zu lassen. Bella hingegen würde sich hingeben, bleibt aber selbst in dieser Hinsicht ein rein passives Objekt. Frauen haben eben keinen Sexualtrieb, Männer hingegen einen so starken, dass sie stets Gefahr laufen, sich an Frauen zu vergreifen. Oder wie ist das zu verstehen?

Ernst genommen müsste Edward enthaltsam leben und nur dann Blut trinken, wenn er sein Opfer zu einem Vampir macht, also aus Fortpflanzungsgründen. Selbst Masturbation ist ja verpönt. Das passiert aber nicht. Stephenie Meyer setzt ihren Leser_innen nur eine halbgare Metapher vor, und gerade deshalb bieten sich auch andere Lesarten für Edwards Blutdurst an, insbesondere enger am Text liegende – und damit ist der Schritt zur drohenden Misshandlung wieder geschlossen. Wer einen kleinen Trip erleben möchte, sollte übrigens Edward mal als Gottesfigur interpretieren: Gott will, dass es Bella gut geht, und sie glaubt einfach fest daran, dass dieses Verlangen über seinen Jähzorn obsiegt. Gott tobt sich an Ungläubigen (Tieren) aus, und wenn Bella vielleicht doch etwas passiert, dann soll Gott dafür keine Schuld treffen. Ja, das ist weit hergeholt, aber der Mann ist in der Familie ebenso der Herr, wie Gott der Herr über die Menschheit ist. Siehe Epheser 5, 22:

Die Weiber seien untertan ihren Männern als dem HERRN. Denn der Mann ist des Weibes Haupt, gleichwie auch Christus das Haupt ist der Gemeinde, und er ist seines Leibes Heiland.

Was den direkten Sexualtrieb angeht, so liefert Meyer nicht einmal Andeutungen dafür, dass Bella mehr möchte, als in Edwards Nähe sein. Auch hier hat die Frau keinen Sexualtrieb, sie will eben nur bei ihrem Mann sein. Das ist wiederum extrem unrealistisch. Daten zeigen, dass Abstinenzprogramme für Jugendliche nahezu ohne Effekt bleiben, und dass 88% der Mädchen, die schwören, ihre Jungfräulichkeit bis zur Ehe zu bewahren, diesen Schwur brechen. In der Realität funktioniert Abstinenz also nur in wenigen Fällen und führt außerdem dazu, dass Pärchen direkt nach der Schule heiraten, einfach um ins Bett zu kommen, und scheiß auf die Konsequenzen.

Davon ist hier aber nichts zu spüren. Es ist sicher nicht ungebührlich, ein abstinentes Liebespaar zum Fokus einer Romanze zu machen. Aber dann sollten die Probleme und Konflikte, die eine solche Entscheidung zur Abstinenz mit sich führt, auch beschrieben werden. Nicht nur, um realistischer zu sein, sondern um interessanter zu sein. Eine Heldin ist nur dann eine solche, wenn sie Schwierigkeiten überkommt – zum Beispiel, wenn sie ihr Verlangen ignoriert und sich nicht auf den jungen Edward stürzt, egal wie sehr es ihr nach ihm dürstet.

Eine solche Ehrlichkeit liegt hier nicht vor, vielmehr dominiert das unrealistische Menschenbild traditioneller Mormonen (und anderer Religionen), nach dem die Triebe nur eine Ausrede für fehlende Willenskraft sind. Das führt nicht nur zu falschen Erwartungen an die Leser_innen, sondern ist auch noch erzählerisch unergiebig.

Solange die Ideologie stimmt, ist anscheinend alles andere egal. Hier liegt der Hase im Pfeffer, warum Twilight ein so unbefriedigendes Buch ist. Es wurde nicht geschrieben, um eine tolle Geschichte zu erzählen, sondern eine Geschichte wurde erfunden, um eine Ideologie zu transportieren: Frauen sind passive Sexualobjekte, Männer sollten älter und erfahrener sein und sind diejenigen, die sich im Zaum halten müssen. Und wenn der Druck ganz oberhand nimmt, dann darf der Mann sich vielleicht an – sucht aus, was euch besser gefällt – entweder Tieren oder seiner Schwester abreagieren.

Amen.

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Comments 3

  1. avatar Jogurtbecher wrote:

    Nach dem ich jetzt zwei Bücher gelesen habe denke ich folgendes. Man kann die Bücher so interpretieren aber es kann auch sein das man den Bücher und Stephanie Mayer zuviel zumutet. Sie sind so einfach und simpel gestrickt das es auch möglich wäre das sie nur ein Buch geschrieben hat und spontane Ideen einbrachte. Im Sinne von “mhh ich will ein ewig jungen Knaben als Liebhaber, ach lass ich ihn einfach Vampir sein. Ohh Vampire ist ja lustig, mal sehen was mir dazu noch so einfällt. Lichtangst? ne doof, Monster, nee doof? Blutdurst? nee doof er trinkt von Tieren und gut ist. Mhh brauch noch Handlung neben Edward ist schön, wie wärs mit Edward mag mein Blut. Okey dann streck ich “Edward ist schön” und “Edward mag mein Blut und kämpft dagegen an” auf 300 Seiten aus und Fertig ist der Bestseller.”

    Posted 19 Jun 2010 at 20:14
  2. avatar Patrick wrote:

    Ja, und wenn das dann auf livejournal veröffentlicht worden wäre – okay.

    Posted 19 Jun 2010 at 20:17
  3. avatar Lia wrote:

    Ich frag mich sowieso, wie Steph Meyer an einen Verlag gekommen ist. Ich kenn mindestens ein wirklich gutes Buch, das keinen Verleger findet. Was, bitte schön, hat einen Verlag dazu bewogen, diese Geschichte zu veröffentlichen? Als Liebesromanreihe hätte ich es noch verstanden so a la Hedwig Courths-Maler, aber nicht als richtige Buchreihe.

    Posted 23 Jun 2010 at 20:28

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