Adam Riese hat vielleicht einen Migrationshintergrund gehabt? Eigentlich sagt man ja “nach Adam Riese”, um korrekte Rechnungen anzudeuten. Will Lafontaine hier also sagen, Personen mit Migrationshintergrund können besser rechnen als deutsche Eliten? Oder ist das nur eine verschwurbelte Aussage und soll tatsächlich die schlecht rechnenden Eliten als Migrantenkinder darstellen? In diesem Fall outet er sich mindestens unbewusst.
Ich halte den zweiten Fall auch für wahrscheinlicher, was mir meine Wahlentscheidung wesentlich erleichtern würde. Die Piraten fallen nämlich auch gerade weg…
Bei den Piraten geht es um die fehlenden Aussagen zu Gleichberechtigung und Gleichstellung von Frauen und Minderheiten. Ein Beispiel mag dieser Beitrag im Mädchenblog sein. In den Kommentaren zeigt sich als Gegenargument, was dann auch bei Telepolis durchklingt:
Gleich in der ersten Dekade des jungen Jahrhunderts (bzw. Jahrtausends) hat sich nämlich eine Partei gebildet, die alles, wofür ihr gekämpft habt, als Selbverständlichkeit betrachtet. Natürlich sind Frauen und Männer gleichberechtigt, natürlich ist sexuelle Orientierung Privatsache. Und nur wenn man das nicht in jedem zweiten Nebensatz betont, heißt das nicht, dass man (als Pirat) sich in die gesellschaftliche Steinzeit zurückwünscht. (…) Gleichstellung und Umweltbewusstsein sollten zumindest innerhalb des Bürgerrechts-Milieus als Standard gelten.
Das Problem ist das kleine Wort »sollten«. Denn wir leben keineswegs in einer postfeministischen oder sexualneutralen Welt. Die wahrscheinliche Wahlgewinnerin CDU zeigt das in ihrem Programm ebenso wie die ewig wiederkehrenden Statistiken zum Frauenanteil in Aufsichtsräten, Vorständen, Professorenrängen usw. Und während es nicht der heterosexuellen Norm entsprechende Personen in Deutschland sicher leichter haben als z.B. in Saudi-Arabien heißt das doch nicht, dass sexuelle Orientierung keine Probleme verursacht – frag nur mal homosexuelle Krankenpfleger, die in katholischen Kliniken arbeiten.
Ein anderes Beispiel, wenn auch aus den USA: Das Mammut-Buch weltbewegender Science-Fiction enthält 21 SF-Geschichten, aber keine einzige ist von einer Frau oder einer nicht-Weißen Person geschrieben worden. Und wer sagt, es gäbe halt keine Auswahl: Pah!
Das liegt nicht daran, dass Gleichberechtigung so selbstverständlich ist, dass man nicht mehr auf Quoten achten muss, sondern daran, dass das Bewusstsein für diese Probleme fehlt. Ja, das Bewusstsein für diese Probleme kann auch bei Frauen fehlen, wie ich an der Uni mehrfach erschrocken feststellen musste. Trotzdem gibt es diese Probleme.
Dabei ist mir eigentlich egal, ob die Partei ihre Mitglieder nun übereinstimmend als Piraten bezeichnet oder Pirat_innen, wenn dies denn auf der Mitgliederversammlung beschlossen wird. Das ist ein Nebenschauplatz – auch wenn ich mich frage, ob ein höherer Frauenanteil in der Partei das Abstimmungsergebnis verändert hätte.
Schlimmer finde ich, dass man als »Internet-Partei« wirklich behaupten kann, es gäbe keine Probleme mit Frauen im Internet. Gerade im Internet gibt es doch das Phänomen, dass sich Frauen geschlechtsneutrale oder gar männliche Namen geben, um nicht aufgrund ihres Geschlechts zwangsläufig anders behandelt zu werden, entweder als schützenswerte Puppe oder häufiger mit Anmachsprüchen. Im Netz lebt der Sexismus fröhlich weiter.
Und die Piratenpartei stellt weder zur Europawahl, noch zur Bundestagswahl eine einzige Frau auf? Na ja, man ist halt gegen Frauenquoten.
Und mein Wahldilemma löst sich in Wohlgefallen auf.

Comments 2
Also sorry das kann ich jetzt nicht ganz nachvollziehen? Du willst die Piraten nicht wählen weil sie ihre Mitglieder geschlechtsunspezifisch betrachten. Uns kann man als Partei echt viel vorwerfen (das muss ich einfach zugeben) aber das wir frauenfeindlich sind ist einfach lächerlich. Besuch einfach mal einen Stammtisch und unterhalte dich mit den dortigen Frauen. Wir haben relativ wenig weibliche Mitglieder und freuen uns über jede. Vielmehr stellen wir uns die Frage warum sich so wenig Frauen überhaupt für Politik interessieren. Diese Fragen stellen übrigens vorallen unsere weiblichen Mitglieder die sich meist am stärksten gegen Frauenquoten aussprechen.
Posted 13 Feb 2010 at 12:50 ¶Oh ja, wir haben ja auch Frauen bei uns. Nicht viele, aber trotzdem. Und die sprechen sich natürlich alle am stärksten gegen Frauenquoten aus. Sie wundern sich, dass es wenige Frauen hier gibt, aber fördern wollen sie Frauen auch nicht speziell, warum auch.
Ist wahrscheinlich einfach so, dass Frauen sich nicht für Politik interessieren. Komisch. Frauen bloggen auch nicht, darum sind immer Männer bei den Top-Blogs, und Frauen gehen nicht ins Kino, darum kann man auch Filme auf Männer zuschneiden, und Frauen schreiben keine normalen Bücher, darum fehlen die in Anthologien gerne mal. Was machen Frauen eigentlich? Stricken, Liebesromane… na ja, da dürfen die sich ja nicht wundern.
Sorry, aber diese Argumentation der Piratenpartei ist *GENAU DAS PROBLEM*. Das ist ein Diskurs, der eigentlich für fortschrittliche Parteien – also alle außer der CDU – seit mindestens zehn Jahren ad acta gelegt sein sollte. Das zeigt ein wenig, dass die PP eine junge Partei ist, da das Problembewusstsein “Feminimismus” tatsächlich in der jungen Generation nicht sehr ausgeprägt ist, aber das lässt das Problem nicht verschwinden. Genau, weil solche Antworten auf die Frage nach Frauenförderung kommen, sind die Piraten eben nicht wählbar. Genau, weil beim Stammtisch der PP in Essen eine Frau am Tisch von 25 sitzt und sich niemand wundert, sind die Piraten nicht wählbar. Genau, weil diese angeblich junge demokratische Partei keinerlei Fehlerbewusstsein zeigt oder Bereitschaft zur Reflexion, OB DA VIELLEICHT ein Problem ist, sondern offensiv den Vielleicht-Wählern sagt, dass diese keine Ahnung hätten, sind die Piraten nicht wählbar. Und genau, weil jede einzelne Diskussion zu diesem Thema, die ich bislang gesehen habe, in denselben Verteidigungen der PP endeten, macht die PP eben weniger den Eindruck einer ausgereiften Partei und eher einer Versammlung von jungen Internetnutzern, die sich um ihre Daten sorgen, denen aber sexistische Kommentare oder Morddrohungen gegen weibliche Blogger egal sind, die auf X-Box Live Schwulenwitze reißen und bei WoW Mädels anbaggern – also genau die Klischeekiste sozial nicht ganz auf der Höhe seiender Zocker. Das sind die Piraten in der Mehrzahl nicht, aber sie benehmen sich so wie 4Chan oder andere Foren das eben tun, wenn sie kritisiert werden – Attacke.
Die Tatsache, dass es Frauen gibt, die keine Frauenquote wollen, heißt überhaupt nichts. Es gibt auch Internetnutzer, die eine Internetsperre befürworten. Es gibt Homosexuelle, die ihre Neigung für pervers halten. Zwangsverheiratete, die nichts gegen die Zwangsehe haben.
Und die Idee, Sexismus spiele in unserer Gesellschaft oder im Netz 2.0 keine Rolle mehr, ist lachhaft. Siehe die Blogcharts, die Kommentare bei im Netz aktiven Frauen, seien es Bloggerinnen oder Online-Spielerinnen oder sonst was, siehe Ken-und-Barbie-Puppen, bei denen bei Ken immer noch steht: “Ich will Erfinder werden” und bei Barbie: “Das Kleid ist so schön”. Wir leben nicht in einer post-sexistischen Gesellschaft und das Netz stellt schon längst keine solche dar.
Die dritte Antwort der Piraten ist dann: Beteilige dich. Mach mit, ändere was. Um ehrlich zu sein, habe ich in meinem Umfeld genug zu tun, Leute auf solche Problematiken aufmerksam zu machen, da muss ich nicht auch noch in einer Partei, die NULL Bereitschaft oder Offenheit für dieses Thema signalisiert, gegen Windmühlen kämpfen. Wenn ich mit feministischen Problemen zu den Piraten gehe, begegnen mir verständnislose Blicke, was ich denn gerade bei den Piraten damit will, die sind doch längst darüber hinaus. Na danke. Dann lieber zu den Grünen, die sind zumindest halbwegs netzaffin, oder der FDP, die tut wenigstens so, als würde die Freiheitsrechte schätzen, und dort ein unperfektes, aber halbwegs komplettes Paket zu bekommen.
Wenn selbst in der CDU die Frauenquote höher ist, ist es vielleicht nicht so, dass sich Frauen nicht für Politik interessieren, sondern nur, dass sich Frauen nicht für die Piratenpartei interessieren. Aber das liegt dann eben auch an den Frauen – wenn sie die Piraten interessanter machen sollen, sollen sie sich da eben beteiligen. Ist doch ganz einfach. Man wird bestimmt auch freundlich begrüßt: “Ich weiß zwar nicht, was du hier willst, aber willkommen.”
Na denn, ahoy.
Posted 13 Feb 2010 at 23:16 ¶Trackbacks & Pingbacks 1
[...] Antwort kann man im Thema lesen, aber weil sie mir so ärgerlich-leicht von der Hand ging, nutze ich sie für einen [...]
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