Das Mittagessen endet damit, dass Bella Edward bittet, mal dabei sein zu können, wenn er jagt. Edward verweigert ihr dies, erklärt es aber nicht, sondern vertröstet sie auf später. Gemeinsam gehen sie zum Biologieunterricht: »Alle beobachteten, wie wir zusammen zu unserem Labortisch gingen.«
Dies ist der Moment im Buch, in dem ich vermute, dass wir es mit einem extrem unverlässlichen Erzähler zu tun haben.
Das würde einiges erklären. Bella würde gar nicht von allen beachtet, und sie wäre auch nicht so ungeschickt. Und Edward wäre vielleicht nicht mal ein Vampir, sondern nur ein düsterer Bube, den Bella romantisiert. Sozusagen das Produkt einer enorm lebhaften Phantasie.
Leider sollen wir wohl alles für bare Münze nehmen, sowohl dass Bella angestarrt wird, als auch, wie sie gleich im Sportunterricht mit einem Schlag ihren Badmintonschläger erst vor ihren eigenen Kopf und dann gegen Mikes Schulter schlägt – Bella ist wahrlich die unkoordinierteste Siebzehnjährige der Welt.
Damit will ich mich heute aber nicht beschäftigen, sondern vielmehr damit, wie Stephenie Meyer endlich ihre Themen in Stellung bringt, und wie sie gleichzeitig das Buch verbessert, obwohl ich von den Themen nicht viel halte.
Einige Ausnahmen mal weggelassen ist der Vampirismus eine ständige Metapher für Sex und Begierde – zumindest ist er in unserer Zeit dazu geworden. Die Sucht, die ein Vampir nach Blut empfindet, wird regelmäßig in Worten befriedigt, die nach Ekstase klingen und oft auch beim Opfer Lust erzeugen. Der Vampir ist – wie viele andere menschenähnliche Monster – ein schönes Gleichnis für die Triebe, die im vergesellschaftlichen Menschen unterdrückt werden und doch stets herauszubrechen drohen.
Dabei ist der Vampir aber ein Symbol dafür, dass wir diesen Trieben nicht entkommen können – denn er braucht Blut, um zu überleben. Enthaltsamkeit lässt sich daraus nur schwer ablesen, allenfalls kommt der gerade im Fernsehen transportierte Topos des Vegetariers zum Tragen: der Vampir ernährt sich nur von Tieren. Die TV-Serie Angel verschachtelte die Symbolik sogar: Die Hauptfigur war ein (vegetarischer) Vampir, der böse wurde, wenn er erfüllenden Sex hatte: kein Sex = kein Menschenblut = kein Sex.
Der Vampir ist so auch von einem Monster des gothischen Horrors zu einem romantisierten Lustobjekt geworden – und das ist nicht Stephenie Meyer schuld, sondern Anne Rice –, oft auf Kosten von wirklicher erotischer Spannung, die wie alle Spannung davon lebt, dass sie nicht sofort erfüllt wird.
Und hier kommen wir zu Twilight zurück. Denn in den Anfängen dieses Kapitels gibt es endlich das sexuelle Erwachen von Bella, wenn auch natürlich in ganz zahmen Begriffen. Und dieses Erwachen darf auf gar keinen Fall gestillt werden, denn ansonsten würde… na ja, es gehört sich eben nicht. Schließlich ist Twilight ein enthaltsamer Roman. Trotzdem, als der Biolehrer den Raum für einen Film verdunkelt:
Plötzlich war ich mir überaus bewusst dessen, dass Edward ein paar Zentimeter von mir entfernt saß. Die unerwartete Elektrizität, die mich durchfloss, verblüffte mich, erstaunte mich darüber, dass ich ihm tatsächlich noch bewusster wurde als ich schon war. Ein verrückter Drang rüberzugreifen und ihn zu berühren, sein perfektes Gesicht nur einmal in der Dunkelheit zu streicheln überkam mich fast.
(…)
Die Stunde schien sehr lang. (…) Das übermächtige Bedürfnis, ihn zu berühren, weigerte sich auch, zu verschwinden, und ich presste meine Fäuste gegen meine Rippen, bis meine Finger vor Anstrengung schmerzten.
Abgesehen von der immer noch nicht überwältigenden Stilistik: Ja! Dieser Drang, dieses Bedürfnis, den Gegenüber zu berühren, ihn oder sie zu küssen – halt! Von Küssen ist hier nicht die Rede. Nur davon, im dunklen Klassenzimmer die Hand auf die Hand des_r anderen zu legen, oder das Gesicht kurz zu streicheln.
In dieser Rücknahme wird das Buch natürlich fast schon wieder absurd, vor allem, wenn am nächsten Tag im Biologieunterricht wieder ein Film gesehen wird, und wieder dasselbe passiert: keine Berührung. Aber Stephenie Meyer weiß natürlich, was auch andere Enthaltsamkeitspropheten wissen: Wenn die Kinder erst mal anfangen, sich zu streicheln, dann küssen sie sich am Ende, und wenn sie sich küssen, dann halten sie sich vielleicht auch fest, und dann wandern die Hände, und dann ist jemand schwanger, obwohl sie doch ihrem Vater versprochen hatte, Jungfrau zu bleiben, und der Junge muss mit einer Flinte zur Ehe gezwungen werden.
Trotzdem, auch wenn ich die Grenze, die Stephenie Meyer zieht, nicht teile, ist hier endlich ein Moment der Spannung. Nicht, ob Edward und Bella zusammenkommen. Das ist ja klar. Sondern wann und wie sie ihre Liebe miteinander teilen können. Hier ist ein Hindernis, ein Konflikt: Begierde gegen Sexualmoral. Leider verliert die Begierde, aber bis dahin ist es wenigstens ein Konflikt. Und wenn Bella abends im Bett liegt und wieder diese Elektrizität spürt, dann denke ich mir halt was dazu.
Enden möchte ich mit einer wahrscheinlich unfreiwilligen Komik. Nachdem Edward sie mit seinem wortwörtlich eiskalten Finger an der Wange berührte (»Seine Haut war eisig wie immer«), nimmt Bella am Sportunterricht teil (und, wie gelesen, verstümmelt beim Badminton sich selbst und Mike). Danach warnt Mike Bella aber noch, dass er Edward nicht möge: »Er sieht dich an, als wärst du etwas zu essen.«
Bella droht, hysterisch zu werden (Weibsbilder eben), und kann ein kleines Kichern nicht verhindern. Ich auch nicht, wird doch »(to) eat someone« zweideutig auch für Cunnilingus benutzt. Aber keine Angst: Edward wird Bella schon nicht essen. Weder so noch anders.

Comments 2
Muss man sowas eigentlich lesen, wenn man Lehrer ist ? Oder wirst du dafür bezahlt?
Posted 11 Aug 2009 at 10:22 ¶BTW: Angel (oder auch Buffy) sind ja wohl kaum mit dieser unsäglichen Romanreihe zu vergleichen…
Weder noch, Hugo Baldur ist schuld, dass ich das lese.
Posted 11 Aug 2009 at 12:26 ¶Post a Comment