Inglorious Basterds

Vor einigen Tagen sah ich im Zug einen jungen Mann. Von seiner spiegelblanken Glatze über das schwarz-weiß karierte Hemd, der Hose mit den Hosenträgern und den umgekrempelten Hosenbeinen bis zu den Springerstiefeln war der Mann ein stereotypes Bild des jungen Nazis. Ich hatte bei seinem Anblick einen großen Drang, den Kerl zu verprügeln, gerne auch mit einer Eisenstange. Insofern kann ich schon verstehen, dass man einen Rachefilm über den Zweiten Weltkrieg dreht, und ganz ehrlich wurde es Zeit, dass jemand mal Hitler das Gesicht zerschießt.

Womit wir bei Inglourious Basterds wären.

Inglourious Basterds (2009)

Inglourious Basterds (2009)

Werden in Inglourious Basterds die Juden zu Nazis, wie Daniel Mendelsohn behuaptet und von Jonathan Rosenbaum unterstützt wird? Oder ist es völlig in Ordnung, auf dem Bildschirm Nazi-Schädel einzudreschen, ja, ist das vielleicht sogar Katharsis, was hier geboten wird, und damit die Kritik folgerichtig der Meinung, schon Rachephantasien seien faschistisch – was natürlich (?) Unsinn wäre?

Fakt ist: Der Film beginnt damit, dass Brad Pitts Aldo Rayne die deutschen Soldaten allesamt für unmenschlich erklärt und sagt, sie gehörten vernichtet. Fakt ist: überlebenden Soldaten wird das nicht abzunehmende Äquivalent eines Judensterns in die Stirn geritzt. Und am Ende… Man kann also durchaus sagen, dass die jüdischen Basterds analog zu den Nazis handeln. Und tatsächlich sind es Momente, in denen genau dies passiert, die mir am wenigsten zusagen, wo die biblische Rache auf der Leinwand zelebriert wird.

em>Nachtrag: Vielleicht zu Unrecht; nachdem ich ein wenig darüber nachgedacht habe und gelesen habe (s. Kommentar) kann es auch sein, dass mein Unwohlsein gewollt ist und der Sadismus dieser Momente nicht ernsthaft zelebriert wird. Zumindest kann man es so lesen.

Die Katharsis-Idee hingegen, dass sich durch das Mitfühlen von großen Leidenschaften die menschliche Seele reinigen ließe, ist zwar eine altehrwürdige, aber m.E. Unsinn. Die psychologische Forschung ist da nicht gesichert, ich tendiere aber dazu, dass ein solches Nachempfinden Emotionen nur verstärkt, nicht abschwächt und “reinigt”. Ein solches psychodynamisches System klingt mir zu sehr nach Freud, und in der Tat zeichnen sich Gewalttäter doch wohl eher dadurch aus, dass sie vorher Gewaltphantasien hegten und sich hineinsteigerten, als dadurch, vorher lammfromm gewesen zu sein.

Dazu kommt, dass Tarantino über den »Film im Film« zeigt, wie sich die Nazis selbst an deutschen Gewalttaten aufgeilen und dazu applaudieren, also nimmt er auf einer Seite diese Qualität von Kunst und speziell Film wahr. Andererseits aber – und da gebe ich ihm Recht – plädiert er dafür, dass Filme das eben trotzdem zeigen dürfen, gerade weil man im wahren Leben eben einem Nazi nicht den Schädel einschlagen sollte, kann man diesen Drang auf der Leinwand verewigen. Nur, dass er dadurch eben nicht verschwindet.

Und so heißt es denn auch »Dies ist das Gesicht der jüdischen Rache«, wenn man kein Gesicht, sondern ein Kino sieht, und wer Nazis Sympathie schenkt, der kommt durch sie um. So ist das eben in Filmen seit dem zweiten Weltkrieg (ja ja, nicht immer, aber beispielsweise noch in Saving Private Ryan).

Tatsächlich halte ich Inglorious Basterds für wesentlich ehrlicher als die Geschichtsklitterungen eines Untergangs oder Guido Knopps, die sich in den Schrecken suhlen und gleichzeitig sauber bleiben wollen. Und natürlich wesentlich unterhaltsamer. Womit wir endlich beim eigentlichen Film sind.

Wenn es Filme gibt, den man als Original ausstrahlen sollte, dann gehört Inglorious Basterds dazu. Nicht nur, dass ohnehin ein Teil des Films auf Französisch mit Untertiteln erfolgt, sondern es gibt mehrere Stellen im Film, in denen ein Akzent wichtiges Storyelement ist. Dennoch hat man sich entschieden, das Englische des Originals mit normalem Hochdeutsch zu ersetzen, sodass nicht einmal ersichtlich ist, wann denn nun Englisch oder Deutsch gesprochen wird, und ein »du sprichst komisch« kommt für uns fast wie aus dem Nichts.

Inglorious Basterds ist ein Film mit einer typischen Episodenstruktur, wie man sie von Tarantino kennt, aber die einzelnen Episoden könnten auch ohne Zwischentitel hintereinander geschnitten sein. Dabei gibt es leider einige Szenen, die nicht besonders überzeugend sind, und dies sind sogar die meisten Szenen mit den Basterds, die fast wie ein externes Element einer ansonsten geschlossenen Geschichte wirken, und die außer dem anerkannt guten Darsteller Brad Pitt leider auch Til Schweiger und Eli Roth zu ertragen hat – wobei Schweiger seine Sache gut macht, Roth aber stört.

Daneben gibt es einen Plot um die jüdische Kinobesitzerin Shosanna (Mélanie Laurent) und den deutschen Filmstar Friedrich Zoller (Daniel Brühl). Endlich darf Brühl mal etwas anderes spielen als den leicht alternativen Jugendlichen, und er macht seine Sache sehr gut, wenn ich auch Laurent etwas flach fand, zumal sie eine so komplexe Rolle hatte. Dennoch ist sie längst nicht so auffällig wie Diane Kruger, der ich zwischenzeitlich am liebsten den Mund verboten hätte. Eine der besten Szenen des Films, in der SS-Mann August Diehl (klasse) sich mit Inkognito-Basterds unterhält, ruiniert sie beinahe ebenso wie ein Aufeinandertreffen von Pitt und dem wahren Star des Films.

Dieser Star wird gleich zu Beginn eingeführt, und es ist SS-Scherge Hans Lander (Christoph Waltz), der mit seinem Minenspiel, seiner Mischung aus Intelligenz, Grausamkeit und Freundlichkeit nicht den typisch bedrohlich lächelnden Nazi gibt, sondern wirklich eine fast liebenswürdige und zugleich stets aufmerksame Figur abgibt. Landa entgeht (fast) nichts, und wo Diane Kruger nicht mal etwas ausdrücken kann, wenn sie es sagt, benötigt Waltz nicht mal Dialoge.

Natürlich darf die typische Musik nicht fehlen, auch wenn sie diesmal nicht immer mitreißt und in einer Szene, in der Shosanna ihre Kriegsbemalung auflegt und von David Bowie begleitet wird, halte ich die Musik sogar für einen völligen Fehlgriff.

Im Gegenzug dazu macht die Kamera alle Schwächen wett und zeigt Leuten wie Michael Bay, dass es tatsächlich mehr als nur zwei Kameraabläufe gibt (umkreisen oder ranzoomen). Eine Stelle ist sehr unübersichtlich geschnitten, zu unübersichtlich meines Erachtens, aber wahrscheinlich absichtlich unübersichtlich.

Am Ende sehen wir vielleicht gerade mal sechs Naziskalps und nicht siebenhundert, und am Ende verändert Film die Welt. Tarantino zeigt sich unheimlich interessiert an Mythen; sowohl der »Judenjäger« Landa als auch die Basterds haben feindliche Spitznamen, die sich verselbständigen, und Hitler will sogar die Benutzung des Namens »Bärenjude« verbieten, so wirksam erweist der sich. Es ist egal, wie die Wahrheit aussieht, so könnte man meinen, und wie klein ein »Knirps« denn nun wirklich ist – was zählt ist, was man sich erzählt. Mythen, Geschichten – Film.

So war es nicht? So ist es aber im Kino. Hier darf Hitler sterben, endlich. Und das in einem Film, der nicht zweieinhalb Stunden lang grandios ist, aber doch manchmal, und dazu immer unterhaltsam. Inglorious Basterds ist nicht Tarantinos bester Film, und vielleicht doch der diskussionswürdigste, und erstaunlicherweise vor allem ein Testament deutscher Schauspielkunst auch in den vielen Nebenrollen und gleichwohl ein Testament des Untalents des momentan größten deutschen Stars Diane Kruger.

Wollen wir hoffen, dass sie mit Eli Roth keine Kinder zeugt oder wenn, dann diese nicht auf die Leinwand bringt. Das würde das Kino wohl nicht überstehen.

Comments 1

  1. avatar Patrick wrote:

    Interessante Ideen bei Film Freak Central:

    What better conflict than the last popular war to stage a conversation about whether or not the only reason the winners weren’t held accountable for their atrocities is that they were the winners.

    Außerdem: Basterds als Terroristen, Film als Geschichtsschreibung des 20. Jahrhunderts, und vor allem der richtige Hinweis, dass hier am Ende nicht die US-Flagge wehen darf und der Gerechte eindeutig gemacht wird.

    Vielleicht ein Hinweis darauf, dass die “Schwächen”, die ich oben ansprach, bewusst sind und sogar Stärken sein könnten? Dass die Basterds gar keine reinen Helden sein sollen? Interessanter Ansatz.

    Posted 24 Aug 2009 at 17:34

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