Farthing

1941 schließt Großbritannien Frieden mit Adolf Hitler. Die USA greifen nicht auf dem Kontinent ein, und so kann das Dritte Reiche mit Ausnahme von Russland und den britischen Inseln Europa einnehmen. Acht Jahre später wird der Waffenstillstand als große Errungenschaft des Zirkels gewertet, der sich auf dem Gut Farthing (ein Viertelpenny) versammelt. Jetzt passiert auf diesem Gut ein Mord, und das kurz vor einer wichtigen Abstimmung im Haus. Haben Anarchisten zugeschlagen? Oder hat vielleicht sogar David Kahn, ein (skandalöser Weise) in die Familie eingeheirateter Jude, etwas damit zu tun?

Inspektor Peter Carmichael von Scotland Yard soll es herausfinden.

Farthing (Jo Walton)

Farthing (Jo Walton)

Farthing ist abwechselnd aus der Sicht von Lucy Kahn und Inspektor Carmichael geschrieben. Lucy schildert dabei in der Ich-Perspektive die Situation auf dem Landgut und die Beziehungen zwischen den konservativen Reichen und Adeligen, welche die mächtigste politische Gruppe Englands konstituieren. Beim Inspektor wiederum erfährt man in der dritten Person von den Beweisen und Ungereimtheiten in Bezug auf den Mord. Dabei wird schnell klar, dass die Ungereimtheiten überwiegen.

Jo Walton schreibt in einer klaren, einfachen Sprache, fast schon nüchtern, und stellt die Ereignisse in ein pessimistisches Licht: die Dinge nehmen ihren Lauf, und die Möglichkeiten der Akteure, wirklich Einfluss zu nehmen, erscheint gering. Im Laufe des Buches wird denn auch die Frage nach dem Täter eher zum Hilfsmittel, um weiter gehenden Ränkeschmieden auf die Spur zu kommen und moralische Entscheidungskonflikte zu beleuchten.

Der Reiz des Buches entsteht denn dann auch weniger durch die Täterfrage als vielmehr die Suche nach dem Motiv, und die Frage danach, wie vornehmlich gute Menschen sich vereinnahmen lassen sowie ob es möglich ist, dieser Vereinnahmung zu widerstehen. Kann man das Richtige tun und nicht dabei scheitern?

Farthing ist ein wirklich gut lesbares Buch, das glaubwürdig eine alternative Welt schildert, in der Judenhass und Faschismus nicht so verrufen sind, wie wir das aus unserer Sicht erwarten würden. Es ist sicher auch ein Buch seiner Zeit, sind doch in England, aber auch im Rest der entwickelten Welt wieder Kräfte auf dem Vormarsch, die einzelne Ereignisse missbrauchen, um Überwachung und Zensur einzuführen und zumindest Teile der Bevölkerung wieder unter Generalverdacht zu stellen.

Gut lesbar, anspruchsvoll und unterhaltsam, so kann man Farthing zusammenfassen. Waltons Schreibe reißt mich zwar nicht so mit wie beispielsweise Amélie Nothomb oder China Miéville das vermögen, aber der Stil passt zumindest zur Geschichte und stört nicht. Wenn man ein wenig Interesse an alternativen Welten hat, oder an Krimis, kann man Farthing absolut lesen. Gerade im Taschenbuch für 6 Dollar: Lohnt sich.

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