Coraline

Coraline ist ein charmanter Kinderfilm, den Erwachsene auch sehr gut mitschauen können. In Coraline geht es um das gleichnamige Mädchen, dass mit seinen Eltern aufs Land zieht und sich dort ein wenig langweilt und vernachlässigt fühlt, bis sie eine geheimnisvolle kleine Tür entdeckt. Hinter der Tür liegt eine Kopie ihres neuen Zuhauses, nur ist es da viel besser: ihr Eltern spielen mit ihr, sie kochen leckeres Essen, usw. Es gibt nur einen Haken: um dort bleiben zu können, müsste Coraline sich Knöpfe als Augen nähen lassen… und dann würde sie von ihrer »Mutter« gefressen. Sie flieht, aber die »Mutter« fängt ihre Eltern ein – und dann gibt es da noch die Geister der früheren Opfer. Also geht Coraline zurück in die andere Welt und besiegt die »Mutter«. Ende.

Na ja, sie gewinnt mit ein wenig Hilfe. Und das sehen wir uns mal genauer an.

Coraline (2008)

Coraline (2008)

Wenn man ein Werk in ein anderes Medium umsetzt, muss man zwangsläufig Änderungen vornehmen. Verfilmt man beispielsweise ein Buch, so muss man oft die Geschichte zusammenstreichen oder auch Figuren weglassen, damit das Ganze in knapp zwei Stunden Spielzeit passt. Ich möchte mir heute mal Änderungen ansehen, die bei der Verfilmung von Coraline gemacht wurden, und schauen, was man daraus schließen kann. Das Original ist ja ein kleines Buch von Neil Gaiman.

Zunächst gibt es eine Änderung im Setting: Coraline spielt in den USA, wohingegen das Buch in England spielt. Diese Änderung ist m.E. nicht nachzuvollziehen. Sie kann nur der Idee geschuldet sein, dass das us-amerikanische Publikum sich nicht mit einer englischen Landschaft identifizieren könnte, eine dumme Idee, die aber andeutet, dass das Studio in der Umsetzung die Finger drin hatte.

Das zeigt sich auch in der Änderung von Coralines Aussehen von einer langhaarigen Brünetten zu einem kurzhaarigen Mädchen mit blauem Haar. Diese Änderung ist allerdings für mich weniger problematisch, da Film als visuelles Medium natürlich stärker auf das Aussehen von Charakteren achten muss, als es in einem Buch der Fall wäre. Hier zeugt das Aussehen Coralines auch von einer gewissen Unangepasstheit (blaue Haare), die als schnelle Charakterisierung funktionieren.

Ansonsten gibt es kleinere kosmetische Änderungen… und zwei größere. Zunächst einmal ist es so, dass Coraline auf der Suche nach den Augen der drei Geisterkinder mit ihrem falschen »Vater« konfrontiert wird. Im Buch ist der Vater ein Monster, und Coraline kommt alleine an das Auge. Im Film ertrinkt der Vater und gibt Coraline das Auge noch.

Die zweite, größere Änderung ist die Addition einer neuen Figur, des jungen Wybie. Dieser verfolgt Coraline, rettet sie aber auch mehrfach und ist eher der »Wissenschaftler« der beiden. Als Coraline am Anfang durch die Umgebung streunert, wirft er sie um. Dann zeigt er ihr, dass sie bereits auf dem Brunnen steht, den sie sucht, und fast hineingefallen wäre, und sagt ihr, dass sie Gifteiche in den Händen halte.

Später rettet sie der falsche »Wybie« aus der anderen Welt (auf Kosten seines Lebens), und dann rettet sie der echte Wybie wieder vor der Klaue der »Mutter«, bevor er diese Klaue mit einem Stein zerschmettert – im Buch trickst Coraline die Klaue aus.

Diese Änderungen haben also den Effekt, dass Coraline keine sehr erfolgreiche Abenteurerin, sondern Wybie klüger ist und sie mehrfach rettet, dass ihr außerdem ihr »Vater« hilft, wo er es im Buch nicht tut. Die starke weibliche Hauptfigur wird enorm geschwächt, und dann darf Wybie Coraline noch eine Rose zuwerfen, um ein wenig Romantik anzudeuten.

Das macht Coraline nicht zu einem schlechten Film, ebensowenig wie die Pixar-Filme durch ihre eher sekundären Frauenfiguren schlecht werden (Up ist ja ein weiteres Beispiel). Aber es ist m.E. doch ein Zeichen der Hollywood-Kultur, dass in den Augen der Bosse Heldinnen kein (männliches) Publikum haben (Ausnahme: sie haben Riesentitten wie Lara Croft) und männliche Begleitung brauchen, und dass diese Begleitung dann oft mit der Rettung der Heldin beschäftigt ist.

Starke, abenteuerlustige Frauen und Mädchen – nein danke. Schade.

Comments 6

  1. avatar Levold wrote:

    [Diesmal der Link zu meiner Seite richtig geschrieben ;-) ]
    Ganz ehrlich, wenn Coraline ein charmanter Kinderfilm ist, dann ist die filmische Adaption des Buches sch… Müll. Das Buch ist gruselig bzw. hat eindeutige Horror-Elemente. Eine filmische Umsetzung müsste imo ähnlich wie Nightmare before Christmas gestaltet sein. Und NbC ist für mich eindeutig kein Kinderfilm.
    Und wenn die Verwurstung von Coraline hin zu sog. weiblichen Attributen missgesltatet ist, finde ich das auch sehr traurig. Gaiman hat ja seine Protagonistin mit eher männlich besetzten Eigenschaften ausgestattet (mutig, abenteuerlustig, Forschergeist usw.). Und das sicherlich nicht ohne Grund.
    Ist der Film auf DVD raus? Dann würde ich meinen lokalen Verleih mal anfragen…
    Gruß
    Levold

    Posted 11 Aug 2009 at 10:18
  2. avatar Patrick wrote:

    Ich kenne das Original nicht im Original, aber ja, es ist ein Kinderfilm.

    Allerdings würde ich Kindern problemlos gothische Horrorelemente vorsetzen, wenn sie entsprechend sind – bspw. finde ich ja die Reihe betrüblicher Ereignisse toll, und die beginnt mit dem Tod der Eltern und wird nicht fröhlicher… da wehre ich mich eher gegen Winnie Puh.

    Posted 11 Aug 2009 at 12:28
  3. avatar Levold wrote:

    Winnie, der Puh (wie es richtig heißen muss, dummer alter Bär ;-) ), ist als Buch ganz großartig. Auch da hat die Filmindustrie wieder hervorragend an der Vorlage vorbeigearbeitet.
    Klar, Kinder gruseln sich ganz gerne (z.B. Grimms Märchen), aber wenn man den Film streng nach Buch umgesetzt hätte, wäre da imo kein Kinderfilm draus geworden.
    Aber Kinder haben da sowieso unterschiedliche “Schmerzgrenzen”. Ich musste z.B. nach fünf Minuten “Der kleine Vampir” ausmachen, weil meine Tochter (7) sich zu sehr ängstigte.

    Posted 12 Aug 2009 at 09:06
  4. avatar Patrick wrote:

    Ich habe “Puh der Bär” (wie es ja auf deutsch heißt) gelesen und ehrlich, sobald mein Kind Sprache versteht, ist es dafür zu weit entwickelt *g* Okay, das war harsch, aber mir ging das Buch auf den Zeiger.

    Posted 12 Aug 2009 at 13:02
  5. avatar Levold wrote:

    Naja, über Geschmack lässt sich ja bekanntlich nicht streiten ;-)
    Aber zurück zum Thema: wo hast du den Film her? In meiner Videothek gibts den nur als UK-Import, und kaufen wollte ich den nicht unbedingt… Und ganz ehrlich: runterladen geht mir meist auf den Zeiger. Schlechte Qualität und dafür ewig lange warten müssen bei schlechtem Gewissen (hab ich tatsächlich bei guten Filmen oder bei guten Filmemachern… Bücher klau ich ja schließlich auch nicht).

    Posted 18 Aug 2009 at 18:51
  6. avatar Patrick wrote:

    Nun, ich benutze das Internet schon, um Filme zu sehen, für die ich kein Geld bezahlen würde, oder um Filme zeitnah im Original zu sehen, bevor ich sie zu vernünftigen Preisen auf DVD kriege, oder um vorzutesten, ob ich einen Film wirklich kaufen will. Es lohnt sich allerdings erst, sobald in den USA eine DVD raus ist, damit die Qualität was taugt.

    Es ist aber so, dass ich nicht vor der Wahl stehe, einen Film zu kaufen, oder ihn runterzuladen, und ihn dann runterlade, sondern nur vor der Wahl, einen Film nicht zu sehen, oder ihn runterzuladen. So habe ich auch schon Filme gesehen, die ich dann auf meine Kaufliste gesetzt habe (“Brüssel sehen und sterben” z.B.). Ich hab, was dazukommt, ja im Moment auch wenig Kohle, insofern eh kein großes Filmbudget. Zuletzt hab ich mir aber z.B. die Bourne-Filme gekauft, obwohl die bestimmt auch im Netz stehen.

    Coraline speziell ist international schon länger draußen und ich habe den Film eben sehen können, besitze ihn selbst aber nicht.

    Posted 18 Aug 2009 at 19:03

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