ZS: Urbanophobie (S. 135-140)

Dies ist Teil 21 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

(Die Reihe »Zwielicht am Sonnabend« erscheint jeden Samstag und manchmal auch Mittwochs, immer aber ohne Zeichengrenze.)

Als ich sechzehn war, bin ich mit meinem Vater in die USA gereist. Unter anderem besuchten wir damals San Francisco, und als mein Vater die Stadt besichtigte, ging ich alleine los. Ich war mehrere Stunden unterwegs, aber ich hatte niemals Angst, mich zu verlaufen. Dazu sind die Straßenzüge einfach zu gerade gewesen, ein Vorteil der amerikanischen Stadtplanung.

So weit zu mir, jetzt zu Bella.

Bella hat einen tollen Sinn für Orientierung. Wie wir auf S. 4 erfahren, hat ihre Mutter sie immer angerufen, wenn sie sich verlaufen oder verfahren hatte. Bella kennt sich aus. Dazu kommt, dass die kleine Stadt Port Angeles nicht nur aus (natürlich) in einem Winkel von neunzig Grad verlaufenden geraden Straßen besteht, sondern klein genug ist, dass die quer zum Hafen laufenden Straßen einfach von 1 bis 15 durchnummeriert sind. Im Zweifel kann man also einfach zur nächsten Straßenecke gehen und dann in Richtung der abnehmenden Zahlen, um zum Hafen zu kommen. Ganz einfach, da muss man sich schon anstellen, um sich zu verlaufen.

Ich wanderte durch die Straßen (…) und hoffte, dass ich mich dem Zentrum näherte.
(…)
Als ich eine weitere Straße kreuzte, begann ich zu erkennen, dass ich in die falsche Richtung ging.

Darf ich mal erwähnen, dass es gruseliger Stil ist, wenn man unnötigerweise Füllwörter benutzt wie »können« oder auch »beginnen«? Wie lange dauert der Erkenntnisprozess, wenn man in die falsche Richtung geht? Zehn Minuten? Nein, also reicht es, »ich erkannte« zu schreiben. Stephenie Meyer begeht sehr oft dieses Stilmalheur.

Jedenfalls verläuft sich Bella, und dann kommt noch die Natur dazu:

Ich stellte fest, dass es dunkel wurde, und die Wolken endlich zurückkehrten, sich am westlichen Horizont stapelten, einen frühen Sonnenuntergang schaffend. Der Osthimmel war noch klar, aber ergrauend, mit pinken und orangenen Strähnen durchzogen.
(…)
In der Ferne, zwei Kreuzungen weiter, sah ich Straßenlampen, Autos und mehr Fußgänger, aber sie waren alle zu weit weg.

Zu diesem Zeitpunkt ist es etwa halb sechs; Bella hat sich gegen fünf von ihren Freundinnen getrennt und es ist seitdem höchstens eine halbe Stunde vergangen (sie erwähnt, dass sie noch genug Zeit hat, bevor sie zurückgehen muss).

Wenn sich nicht gerade gewaltige Gewitterwolken auftürmen, wird es dadurch nicht dunkel, schon gar nicht so dunkel, dass man Straßenlampen als Marker für Sicherheit wahrnimmt. Nicht im späten Frühjahr / Frühsommer. Und nicht, wenn der halbe Himmel nicht bewölkt ist.

Es ist mindestens extrem unwahrscheinlich, dass diese Wetterbeschreibung stimmt, und ebenso unwahrscheinlich, dass Bella sich derart verläuft. Aber beide Unwahrscheinlichkeiten sind nötig, damit Stephenie Meyer der Angst konservativer Christen und Mormonen frönen kann: der Angst vor der Stadt.

Religiöse Menschen verspüren oft ein großes Gemeinschaftsgefühl. Leute in derselben Gemeinde gehören dazu, sind fast schon Teil der selben Familie. Dadurch kann es aber auch passieren, dass man Personen außerhalb dieses Kreises als besonders fremd wahrnimmt, als Bedrohung. In kleinen Gemeinden ist es kein Problem, sich derart abzuschotten, und Utah ist nicht von ungefähr der »Staat der Mormonen«, weil sich die Gläubigen dort massieren.

Städte machen diese Abschottung schwierig. In einer Stadt kommt es zwangsläufig zur Begegnung mit dem Anderen, mit Fremden, und seien es nur Leute auf der Durchreise. In Städten besteht auch die Gefahr, durch diese Begegnung die eigenen Überzeugungen zu hinterfragen: viele Leute legen Vorurteile erst nach persönlichen Erfahrungen ab: »Schwule sind gar nicht alle scheiße!«

Als Resultat auf diese zweite Bedrohung, die auch die Abkehr von Glaubenssätzen bedeuten kann, werden Städte (ebenso wie Universitäten) in den Augen konservativer Gläubiger zu Sündenpfuhlen verstärkt, zu Orten, in denen man ganz besonders auf seinen Glauben achten muss, um nicht unter die Räder zu geraten. Sodom und Gomorrha sind heute in jeder Großstadt zu finden. Und natürlich geht es dort nur um eines: schmutzige Sexualität.

Während Bella also wegen Edward nicht mit Sehnsucht oder Lust kämpft, sondern mit Verzweiflung (»I was wrestling with despair«) und sich durch die Haare fährt – keine Situation ist zu spannend, um nicht mal kurz etwas über Haare zu schreiben –, begegnet sie vier Männern. Der Anführer hat dunkle Haare.

»He da!«, rief einer von ihnen, als sie an mir vorbeigingen, und er musste mit mir reden, da sonst niemand in der Nähe war.
(…)
Der Himmel wurde plötzlich dunkler und, als ich die dafür verantwortliche Wolke über meine Schulter hinweg anfunkelte, stellte ich mit einem Schock fest, dass zwei Männer mir in einem Abstand von sechs Metern leise folgten.
(…)
Aber eine kleine, ängstliche Stimme in meinem Hinterkopf wanrte mich, dass sie mehr sein könnten als einfache Diebe.
(…)
Sie klangen jedoch weiter weg, und ich wusste, dass sie mich ohnehin überholen konnten. Es stand fest, dass ich stolpern und fallen würde, wenn ich nur etwas schneller zu gehen versuchte.
(…)
Dann erkannte ich, dass ich nicht verfolgt wurde.
Ich wurde getrieben.
(…)
»Bleibt mir vom Leib«, warnte ich in einer Stimme, die stark und furchtlos klingen sollte. Aber ich hatte mit meiner trockenen Kehle Recht gehabt – keine Lautstärke.
»Sei doch nicht so, Süße«, rief er, und das laute Gelächter hinter mir begann erneut.

Sie sind tatsächlich »mehr als nur Diebe«. Es ist eine vierköpfige Gruppe von Vergewaltigern, wie man sie in einer kleinen Hafenstadt von knapp 20.000 Einwohnern ständig trifft. Das ist wahrscheinlich die Nähe zu Kanada. Und nicht nur sind das Vergewaltiger, sondern derart überzeugte Vergewaltiger, dass sie eine Fremde am (mehr oder minder) hellichten Tag überfallen. So ist das eben in der Stadt.

Natürlich gibt es noch eine andere Möglichkeit. Bellla könnte diese Vergewaltiger selbst beschworen haben. Schließlich hat sie so viel Pech und ist so ungeschickt, dass sie nicht einmal hastig gehen kann, ohne hinzufallen. In diesem Fall allerdings wäre es sehr fraglich, ob dieses Mädchen tatsächlich siebzehn Jahre hätte überleben können. Genug Pech, um ständig in Gefahr zu geraten, und zu ungeschickt, um sich selbst daraus zu befreien? Nein, allein dadurch, dass Bella ohne größere körperliche und psychologische Verletzungen das siebzehnte Lebensjahr erreicht hat, können wir diese Möglichkeit abtun.

Vielmehr ist dies eine Warnung an alle jungen Leserinnen und eine Bestätigung für die älteren: wenn junge Frauen alleine durch die Stadt gehen, dann dürfen sie sich nicht wundern, wenn sie vergewaltigt werden. So sind Städte eben, und in gewisser Weise bringt Bella mit ihrer Unaufmerksamkeit das Ganze über sich.

Kann sie der Vergewaltigung entgehen? Bis nächste Woche!

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