Wegen des momentanen Uni-Stresses bin ich nicht dazu gekommen, Peter auf seinen Kommentar zeitnah zu antworten. Aber ich möchte noch antworten, und damit Peter das auch sieht, mache ich das mal in einem neuen Beitrag.
Ich stimme Peter nämlich zu, obwohl er Unrecht hat.
In dem obigen Beitrag hatte ich mich gefragt, ob ich die geschlechtsspezifischen Fotografien bei Big Brothers Big Sisters Deutschland zu eng sehe. Peter antwortete unter anderem:
Also ich denke, das siehst du tatsächlich zu eng. Solche Angebote wollen (und sollen) ja reale junge Menschen ansprechen. Und entgegen der medial verbreiteten Fiktion sind bei den realen Menschen diese Rollen nicht nur am weitesten verbreitet sondern auch akzeptiert.
Und das ganz ohne Zwang oder Indoktrination, es entspricht den Interessen der weit überwiegenden Mehrheit des jeweiligen Geschlechts.
Um das Argument noch mal aufzuschlüsseln, wie ich es verstehe: Ich sehe das zu eng, weil
1) sich ein solches Angebot an die bestehende Zielgruppe richtet, und die teilt nun mal diese Rollenauffassungen
2) diese Rollenauffassungen akzeptiert werden, also kein Problem darstellen
3) diese Rollenauffassungen “natürlich” sind, weil sie ohne Zwang oder Indoktrination existieren.
Nehmen wir das ganze mal rückwärts an. Zu 3) gibt es zweierlei zu sagen. Erstens klingt das nach dem naturalistischen Fehlschluss: würden wir bestehende Rollenbilder als Problem ansehen, wäre es nämlich egal, ob diese natürlich entstehen oder nicht. Rassismus könnte durchaus auch ein natürlicher menschlicher Impuls sein, dem wir vorzubeugen versuchen.
Aber auch die zentrale Prämisse kann ich so nicht wirklich gelten lassen. Denn die Indoktrination erfolgt ja. Menschen werden durch ihre Umwelt sozialisiert, und wenn diese Umwelt eben klassische Rollenmuster abbildet, dann werden Menschen zu diesen Mustern hin sozialisiert. Neudeutsch würde man das wohl Mem nennen. Wenn ich in einer Familie aus Neonazis aufwachse, die sich im neonazistischen Umfeld bewegt, dann werde ich in den meisten Fällen ebenfalls diese Ansichten übernehmen, ohne mich gezwungen zu fühlen. Ganz davon ab, wie viele Eltern ihrem Sohn ein rosa Balettkleid kaufen würden, wenn er denn eins wollte, und ihn nicht zum Fußball zwingen.
–– Nebenbemerkung: Meine Verwendung von Nazis als Beispiel soll nur dazu dienen, die Idee zu verdeutlichen. Ich gehe davon aus, dass Nazismus von meinen Lesern als schlecht eingestuft wird; ich halte Nazismus und diese Rollenbilder nicht zwangsläufig für gleichwertig schadhaft.
2) ist m.E. die Crux an der Sache. Da die meisten die Rollenbilder akzeptieren, gebe es kein Problem. Wirklich nicht? Dieses Diktat der Mehrheit ist m.E. gerade das Problem. Ist es denkbar, dass Familien, deren Sohn meinetwegen Ballett tanzen möchte, sich von den Big Brothers erhoffen, dass er da mal lernt, wie ein richtiger Mann zu sein hat? Das Problem sind ja immer diejenigen, die eben nicht in das Raster fallen, denen aber nur gesagt wird, dass sie hineinpassen sollen. Sie werden auf eine Rolle sozialisiert, die sie vielleicht nicht erfüllen wollen oder können.
Nochmal ein persönliches Beispiel: Ich verfolge die Bundesliga nicht, anders als eine sehr gute Freundin von mir. Ich finde Autos und Motorräder absolut uninteressant. Ich fahre nur ungern schnell. Ich bin handwerklich unbegabt und habe auch kein Interesse daran, etwas zu sägen oder zu verschrauben. Und ich habe Höhenangst, also ist Klettern auch raus. Viele “typische” Männerverhalten finde ich peinlich. Ich hätte als Junge wohl wenig Lust gehabt, an den Big Brothers Big Sisters teilzunehmen.
Aber jetzt kommt der Clou. Ich stimme Peter trotzdem bei Punkt 1) zu. Obwohl die Sozialisation auf die Rollenbilder auch Mediensozialisation ist, muss man sich fragen, was die Aufgabe einer Organisation wie Big Brothers Big Sisters ist. Man kann jetzt hoffen, dass sie ihren Teil dazu beitragen, klischeebehaftete Rollenbilder abzutragen – denn wenn mehr Jungs lesen und mehr Mädchen Mathe machen oder schreinern bin ich voll dafür – oder man nimmt an, dass es ihr Job ist, den bestehenden Markt zu treffen. Bei vielen Medienprodukten würde ich wohl auch dafür plädieren, ihnen eine Verantwortung sozialer Konstruktion zukommen zu lassen, bei Big Brothers Big Sisters aber würde sich vielleicht diese Form der Konstruktion nicht mit ihrer Hauptaufgabe vertragen, die ja auch dazu beiträgt, die Gesellschaft positiv zu verändern. Es ist also eine Frage von Prioritäten, und vielleicht muss Big Brothers Big Sisters die Prioritäten so setzen, um überhaupt entsprechende Kinder anzusprechen.
Dabei gehe ich allerdings auch davon aus, dass ich theoretisch als Big Brother taugte und mit meinem Schützling durchaus auch in die Bücherei gehen könnte, oder etwas kochen, oder eben nicht Klettern / Basteln / Fußball, und dass die Werbebilder eben nur das sind: Werbung.

Comments 2
Und fast hätte ich die Antwort auf den Kommentar übersehen
Zu den Erwiderungen:
Sehen wir natürliche Rollenbilder als Problem an? Und wenn ja, warum?
Im Grunde wird ja auch aus deinen Beispielen eines deutlich: Wirklich ein “Problem” (im Sinne eines sozialen Konfliktpotentials) ist doch lediglich die Reaktion der Gesellschaft gegenüber Menschen die in ihren Präferenzen von der Norm abweichen.
Denn das es die gibt, ist auch aus einem naturalistischen Blickwinkel ganz selbstverständlich (Die Welt ist bunt).
Um es bildlich auszudrücken (und dabei ein beispiel von Dir aufzugreifen): Wenn die weit überwiegende Mehrheit der Jungs mit Ballett nichts am Hut hat, einigen wenigen Jungs das aber gefällt, ist es dann eine brauchbare Lösung alle Jungs in rosa Tutus zu stecken?
Oder in der Massenkommunikation den Eindruck zu erwecken (das Mem zu verbreiten), alle Jungs würden gerne Ballett machen, sind aber durch gesellschaftliche Zwänge und böse Mächte daran gehindert?
Das halte ich weder für zielführend noch für sonderlich humanistisch. Im Grunde wäre es lediglich eine Erweiterung des Konformitätsdrucks, wenn es denn funktionieren würde. Tut es aber nicht und das sieht man sehr schön am Verhalten der “befreiten” Hälfte der Menschheit, den Frauen.
Obwohl bei diesen mittlerweile jegliches Rollenverhalten soziale Akzeptanz findet (Ballett ist genauso gut wie Fußball), klammern sich die Frauen umso stärker an alte Klischees.
Nicht nur bei sich übrigens, sondern auch in bezug auf Partnerpräferenzen. Weswegen der Junge im Tutu echte Probleme hätte, ein Mädchen zu finden, das sich für ihn interessiert
Sicherlich ist Sozialisation ein Prozess, der viele Treiber hat. Eltern, familäres Umfeld, erweitertes soziales Umfeld, Freunde, Bekannte, Medien) Sozialisation ist aber nicht alles. Und kann sich vor allem niemals fundamental über biologische Präferenzen hinwegsetzen.
Die Idee, des Neugeborenen als “leeres Blatt, beliebig von der Gesellschaft beschreibbar” ist eine Illusion.
Zur Mediensozialisation wäre noch darauf hinzuweisen, dass Massenmedien lediglich passiv konsumiert werden. Es gibt kein Feedback. Niemand konsumiert freiwillig etwas, was ihm nicht schmeckt wenn er noch nicht einmal eine andere Belohnung daraus erfährt.
Posted 01 Aug 2009 at 23:44 ¶Oh, it’s on!
Ich fange mal hinten an:
Niemand konsumiert freiwillig etwas, was ihm nicht schmeckt wenn er noch nicht einmal eine andere Belohnung daraus erfährt.
Nicht ganz. Entweder erhält man daraus etwas positives oder reduziert etwas Negatives. Mit anderen Worten: “Der Hunger treibts rein.”
Sozialisation ist aber nicht alles. Und kann sich vor allem niemals fundamental über biologische Präferenzen hinwegsetzen.
Ein Satz, den ich gerne bewiesen haben möchte. Denn in letzter Instanz würde das heißen, dass Sozialisation eben doch unwichtig ist, weil alles Verhalten letzten Endes eben biologisch ist. Das sehe ich nicht so.
Allerdings ist es sehr schwer, zwischen biologischen und sozialisierten Verhaltensweisen zu unterscheiden. Was ist denn beispielsweise mit Menschen, die sich ihr Leben lang zum gleichen Geschlecht hingezogen fühlen und trotzdem in einer heterosexuellen Partnerschaft leben, vielleicht sogar Kinder haben. Welchen Anteil hat Sozialisation da? Was ist biologisch?
Aller Wahrscheinlichkeit nach ist das durchschnittliche Verhalten, sind die durchschnittlichen Präferenzen sowohl biologisch als auch sozial determiniert – je nach Verhalten zu unterschiedlichen Teilen. Insofern steht deine Argumentation erst mal vor dem Problem, dass die Rollenbilder als biologisch gezeigt werden müssen – das Problem hat meine Argumentation nicht, siehe unten.
Obwohl bei diesen mittlerweile jegliches Rollenverhalten soziale Akzeptanz findet (Ballett ist genauso gut wie Fußball), klammern sich die Frauen umso stärker an alte Klischees.
Nicht nur bei sich übrigens, sondern auch in bezug auf Partnerpräferenzen. Weswegen der Junge im Tutu echte Probleme hätte, ein Mädchen zu finden, das sich für ihn interessiert
Bei Frauen findet jedes Rollenverhalten soziale Akzeptanz? Vielleicht in deinem Freundeskreis, aber gesellschaftlich? Das bezweifle ich.
Im Übrigen war meine letzte Partnerin jemand, die Männer in Frauenkleidern sehr attraktiv fand (obwohl ich keine trug).
Wenn die weit überwiegende Mehrheit der Jungs mit Ballett nichts am Hut hat, einigen wenigen Jungs das aber gefällt, ist es dann eine brauchbare Lösung alle Jungs in rosa Tutus zu stecken?
Nein. Aber wie wäre es mit “manchen”? Und eben nicht nur Bastler zu zeigen und Kletterer und Fußballer? Wie wäre es mit homosexuellen Bundesligaspielern (die für Christof Daum übrigens eine Gefahr für Kinder darstellen)?
Im Grunde wird ja auch aus deinen Beispielen eines deutlich: Wirklich ein “Problem” (im Sinne eines sozialen Konfliktpotentials) ist doch lediglich die Reaktion der Gesellschaft gegenüber Menschen die in ihren Präferenzen von der Norm abweichen.
Nein, allein der implizite Ausschluss von Abweichungen ist schon ein Problem. Nicht nur, was passiert, wenn ich vegetarisches Essen bestelle, sondern allein, dass die Speisekarte kein solches enthält. Impliziter Ausschluss von Möglichkeiten prägt. Und wenn keiner von der Norm abweichen kann, gibt es auch keine negative Reaktion.
Ja, Vorurteile sind ein Problem, aber solche kann man nur direkt konfrontieren, nicht durch theoretische Exkurse lösen. Wenn Heinz und Erna erfahren, dass ihr Lieblingsneffe schwul ist, merken sie vielleicht, dass Schwule nicht alle “tuntig” sind. Oder wenn Patrick einen Bürgermeister kennen lernt, dass CDU-Leute nicht alle einen an der Waffel haben.
Und damit sind wir bei der Grundfrage:
Sehen wir natürliche Rollenbilder als Problem an? Und wenn ja, warum?
Das ist die schwierige Frage und der Grund, warum ich oben schrieb, dass ich die Probleme nicht habe.
Zunächst sind semantisch Rollenbilder natürlich nicht biologisch, da sie ja eine Rolle voraussetzen, der man folgt, also “vorgelebt” werden. Aber ich weiß ja, was du meinst (geschlechtsspezifische Verhaltensweisen und Präferenzen).
Zunächst einmal sind sie kein Problem, insofern als sie keinen Schaden anrichten. Schaden richten sie aber an, wenn diese Bilder als absolute Verhaltensweisen angesehen werden, als die einzig möglichen Verhalten in einem Spektrum.
Und das ist es ja in Wahrheit, was wir vor uns sehen, ein Spektrum. So, wie nur ein kleiner Teil von uns wirklich 100% heterosexuell bzw. 100% homosexuell ist, sind auch die wenigsten Leute “typisch männlich” bzw. “typisch weiblich”. Da gibt es die Mädels, die Schuhe und Schminke kaufen und an Motoren rumschrauben, und die Jungs, die Fußball spielen, Bier saufen und romantische Komödien mögen.
Wir bekommen aber nur die Extreme gezeigt. Darum meinst du auch, dass der Junge im rosa Tütü ein Problem hätte, weil bei dem Tütü implizit noch viele andere Eigenschaften dabei sind.
Darum ist selbst bei biologisch determinierten Verhaltensweisen die Sozialisation ein Problem, weil sie eben nur die Extreme “in or out” kennt und zeigt.
Viel interessanter und schwieriger fände ich die Frage, ob bei allein biologisch determinierten Verhaltensweisen es angemessen wäre, durch Genmanipulation eben nur bestimmte Verhaltensweisen zu bestimmen und gerade kein Spektrum zu erlauben. Was m.E. nicht passieren würde, weil diese Verhalten eben sowohl biologish als auch sozial bedingt werden, aber trotzdem. Gäbe es eine “Gay Cure” – sollte man sie anwenden?
For the record: nein.
Posted 02 Aug 2009 at 15:25 ¶Post a Comment