In seinem kostenlosen Buch The Authoritarians (download hier, das Hörbuch kostet bei iTunes 5.99 $) beschreibt Robert Altemeyer das Resultat jahrzehntelanger Forschung bezüglich autoritären Führern und deren Gefolgsleuten – vor allem deren Gefolgsleuten. Das Buch ist extrem lesenswert, und ich werde in einer kurzen Reihe einzelne Erkenntnisse hier anführen und mit der politischen Situation verbinden, letzteres natürlich völlig unseriös.
Heute: Die »Autoritärianer«.
Als »Right-Wing Authoritarians« (RWA) bezeichnet Altemeyer jene Leute, die sich der Leitung eines starken Führers ergeben, also klassische Gefolgsleute, die durchaus auch aus dem linken poiltischen Spektrum kommen können. In seinen Studien sind etwa 25% der Bevölkerung RWAs. Sie zeichnen sich durch bestimmte Eigenschaften aus.
- Unterordnung: RWAs neigen stärker als andere dazu, Autoritäten zu gehorchen. Selbst Gesetzen, die sie nicht gut finden, leisten sie eher Folge, weil es eben Gesetz ist. Und die Regierung ist die Regierung, also gehorcht man. Der Gehorsam ist nicht automatisch; moralische Grundsätze können auch dazu führen, die Autoität nicht in allem zu stützen. Dazu auch siehe unten.
- Aggression: RAWs sind feindselig gegenüber allen Anders-Artigen und können leicht zu Aggressionen verleitet werden, wenn sie die Autorität auf ihrer Seite haben und sich sicher fühlen, durch Überzahl oder versteckte Angriffe. Sie sind sogar bereit, Folter und Exekutionen zu unterstützen, wenn die Autoritäten sagen, dass das notwendig ist, und sich an gewalttätigen Mobs zu beteiligen.
- Konventionalismus: RAWs folgen nicht nur Konvention und Tradition, sondern für sie müssen alle den Konventionen folgen. Sie neigen dazu, sich in extrem homogenen Gruppen aufzuhalten, und wollen diese Homogenität. Ihr Ziel ist es, dem Durchschnitt zu entsprechen und nicht aufzufallen.
Viele RWAs sind streng gläubig (längst nicht alle Gläubigen sind RWAs!) vor allem konservativ eingestellt, also im Sinne vom Erhalt des Status Quo (wie gesagt, in China können RWAs auch Kommunisten sein). Man sollte beachten, dass diese Ergebnisse auf die Masse von RWAs zutrifft, nicht aber zwangsläufig auf Einzelne mit hohem Testergebnis.
Wir haben also erst Mal Leute mit verhältnismäßig großen Vorurteilen gegenüber Anderen, mit Aggressionspotential, mit Gehorsamsdenken. In Tests kooperieren diese RWAs nicht unbedingt gut mit anderen Gruppen. Für sich genommen neigen sie zur Isolation und zum Rückzug in ihre Gruppe. Aber sie haben noch andere, wichtige Eigenschaften:
- Unlogik: RWAs achten bei Aussagen nicht auf Beweise oder Logik. Oder vielmehr: sie ignorieren diese. Entscheidend ist vielmehr, ob eine Behauptung ihrem Glaubenssystem entspricht – dann sind die Beweise für sie schlüssig, die Logik gültig. Viele US-Amerikaner glauben immer noch, dass Saddam Hussein und Al Quaida zusammenarbeiteten, oder dass Saddam Massenvernichtungswaffen baute. Weil es in ihre Überzeugung passt. Beweise helfen nicht.
- Inkonsistenz: RWAs können ihr Denken wunderbar aufteilen, sodass sie Inkonsistenzen nicht bemerken. (Anmerkung: diese Aussagen sollen nicht so verstanden werden, dass sie die Einzigen sind, sondern dass sie in Tests jeweils stärker diese Eigenschaften zeigen.) So kann ein RWA sowohl für Meinungsfreiheit sein als auch dafür, Gegner der Autorität mundtot zu machen. Es existiert für sie kein Konflikt.
- Zweierlei Maß: Leute, die RWAs als Teil ihrer Gruppe verstehen, werden wesentlich anders bewertet als jene, die nicht daher kommen. Wenn Bill Clinton ein Verhältnis hat, muss er des Amtes enthoben werden. Die vielen Sex-Skandale von konservativen Republikanern werden entschuldigt und schnell vergessen – sie passen nicht zur vorgefassten Meinung.
- Doppelmoral: Dass RWAs eine Doppelmoral anlegen, kann nach den vorherigen beiden Punkten nicht überraschen. Zu fordern, dass die eigene Meinung überall Gehör zu finden hat, und gleichzeitig Bücher zu verbieten, ist kein Problem.
- Ego-Blindheit: Das liegt auch daran, dass RWAs ihre eigenen Eigenschaften schlecht einschätzen. Erzählt man einem RWA von diesen Erkenntnissen, so meinen sie, man rede über jemand anderen, oder sie entschuldigen Fehlverhalten oder ignorieren es. Siehe oben.
- Ethnozentrismus: RWAs sind extrem ethnozentrisch, also auf die eigene Gruppe orientiert (wie ich oben bereits erwähnte). Sie wollen dazugehören, und sie suchen verzweifelt nach einem Anführer, der ihre Ansichten teilt. Einem solchen Anführer folgen sie dann fast blind, wegen ihres Gehorsams, des Ethnozentrismus und der Blindheit für eventuelle Gegenbeweise. Fehlverhalten sind eigentlich egal, und selbst am Ende des Zweiten Weltkriegs (und heute) gab (und gibt) es noch Deutsche, die nicht glauben konnten (können), dass Adolf Hitler die Judenvernichtung beauftragt hatte.
- Dogmatisch: RWAs sind außerdem dogmatisch, d.h. sie folgen unumstößlichen und nicht hinterfragten Ideen. In den Studien (aus Kanada und den USA) ging das oft einher mit fundamentalistisch christlichen Überzeugungen, aber das Dogma kann auch nicht-religiös sein. Jedenfalls ist das die letzte Bastion vor dem Umdenken, nämlich alle Einwände zu ignorieren und zu sagen: »Es steht so in der Bibel.« Oder Vergleichbares.
- Angst: Schließlich haben RWAs noch mehr Angst als andere. Zukunftsangst, Angst vor dem Fremden. Sie sehen die Gesellschaft vor dem Abgrund, für sie ist die Homo-Ehe wirklich der Anfang vom Ende von heterosexuellen Ehepaaren. Die Welt ist düster und gefährlich, und Fremden darf man nicht trauen. Angst führt bei ihnen außerdem (siehe oben) zu aggressivem Verhalten, was eine wunderbare Handlungsschleife ergibt. Panikmache in den Medien führt dazu, dass RWAs aktiv werden und Briefe schreiben, Meetings abhalten usw.
All diese Eigenschaften deuten an, dass RWAs, also autoritäre Gefolgsleute, die perfekten Untertanen einer Diktatur wären. Tatsächlich sind ihnen in Tests Freiheit oder Menschenrechte nicht so wichtig wie Sicherheit und die Gewissheit, durch eine wohlmeinende Autorität geführt zu werden. Wer immer noch sagt, die USA hätte nicht gefoltert, ist wahrscheinlich ein RWA. Wer immer noch meint, ein absolut freier Markt sei die beste Lösung, lässt die dogmatischen Züge eines RWA erkennen – ebenso wie Leute, die nach einer sozialistischen Revolution rufen und die DDR beschönigen.
RWAs haben nicht durch Beweise oder Logik entstandene Überzeugungen, und sie richten sich ausschließlich nach diesen Überzeugungen. Sie sind kaum umzustimmen – einzig persönliche Erfahrung kann helfen, also bspw. zu erfahren, dass der Bruder des besten Freundes schwul ist und trotzdem normal. Sie sind vorurteilsbelastet, hören Anderen kaum zu, besitzen Aggressionspotential und Konventionalität.
Sie sind die perfekten Handlanger für diejenigen, die wir im zweiten Teil behandeln: Die Führer. Oder anders gesagt: Hier sind die Parteimitglieder. Morgen sehen wir uns Wolfgang Schäuble an. Und übermorgen: Zensursula.

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