Gerade bei der Mädchenmannschaft einen Link auf eine Reportage gesehen, die im Spiegel unter dem Titel »Der Ludwig lacht« erschien. Das Dilemma der Spätabtreibung wird hier beschrieben, und ein m.E. skandalöses Verhalten.
Aber lest nur selbst.
Nach Gesetzeslage kann ein Kind auch nach der 22. Woche noch abgetrieben werden, wenn
nach ärztlicher Erkenntnis” die Gefahr besteht, dass die Frau durch die Geburt oder das Leben mit dem behinderten Kind seelisch oder körperlich zerbrechen könnte, jetzt oder in Zukunft
neuerdings mit 3 Tagen Wartefrist zwischen Diagnose und Abtreibungsentscheidung. Die Familie in der Reportage hat eine solche Diagnose erhalten:
Ein Down-Syndrom – darunter können sich Senges etwas vorstellen – wäre im Vergleich dazu eine harmlose Erkrankung
Die Familie entscheidet sich gegen das Kind, will abtreiben. Heute ist das Kind zwei Jahre alt, heißt Ludwig, und lächelt. Und sonst?
Ein zweijähriges Kind beschäftigt sich gewöhnlich länger mit einem Spielzeug, es würde mit dem Auto hin und her fahren und “Brrmmmbrrmmm” machen. Selbst ein Kind mit Down-Syndrom wäre körperlich fitter und hätte schon Wörter. Der Ludwig lacht nur oder schreit. Manchmal macht er mit seinen Jähzornanfällen alle ganz irre, und man kann ihn nicht mal fragen, warum er schreit.
“Ob er mit 30 Jahren immer noch Kisten ausräumen wird?”, will Herr Senge wissen. “Ich mein, er wird sicher nicht auf die normale Schul’ gehen können. Aber vielleicht, dass er wenigstens laufen könnt?”
Frau Weigand nickt. “Vielleicht erst mal mit einem Rollator.”
(…)
Und ob man ihm dann wohl auch klarmachen könne, was ein Nein bedeutet?Hoffen könne man wohl darauf, meint die Ärztin. Auch wenn seine geistige Behinderung so deutlich erkennbar sei. Vielleicht werde er später in einer Wohngruppe leben können, eine Ausbildung bekommen, irgendetwas sehr Einfaches, in einer beschützenden Werkstätte. Aber er werde sicher kein selbständiges Leben führen können.
Also ein schwer behindertes Kind, das zur Welt kam, obwohl die Eltern sich eigentlich für die Abtreibung entschieden hatten. Haben Sie sich umentschieden?
Claudia Senge füttert den Ludwig mit Milchschaum aus ihrem Kaffeeglas. Sie könne heute wirklich nicht mehr sagen, welches Kind sie lieber habe: “Beides ist Liebe, aber verschieden. Beim Ludwig ist mehr Sorge dabei. Trotzdem würden wir uns immer wieder gegen das Kind entscheiden, wenn wir könnten.”
Könnten ist das entscheidende Stichwort. Denn obwohl die Senges abtreiben lassen wollten, konnten sie nicht. Sie haben niemanden gefunden, der die Abtreibung auch durchgeführt hätte.
Nicht, weil die Mediziner zur Überzeugung gelangt wären, dass die Familie das Leben mit dem Kind schon schaffen werde. Oder weil kein Arzt gegen sein Gewissen gezwungen werden kann, eine Abtreibung durchzuführen. Sondern, weil nach einem ungeschriebenen Gesetz in keinem bayerischen Krankenhaus ein Arzt ein Kind nach der 22. Woche abtötet, wenn seine Behinderung mit dem Leben vereinbar ist – Bundesgesetz hin oder her.
(…)
Aber Frau Senge hält es nicht mehr aus. Das sagt sie auch, bei einer Untersuchung. “Wir sind hier nicht in China”, fährt die Ärztin sie da an, wo man Kinder abtreibe, nur weil sie das falsche Geschlecht haben.
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“Vor zehn Jahren haben die Politiker das Gesetz so geändert, dass man ein behindertes Kind bis zum Geburtstermin abtöten kann. Würden wir das ernst nehmen, hätten wir eine Menge Fetozide. Also tun wir einfach so, als gäbe es das Gesetz nicht.”
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Bislang hat niemand versucht herauszufinden, was aus diesen Kindern wird. Die Sozialarbeiterin der Klinik schätzt, dass jedes Jahr etwa vier Frauen ihr Kind nicht annehmen. Es wurden auch schon behinderte Kinder in Babyklappen gefunden.
So sieht es aus. Und, wie es im Artikel heißt, auch in anderen Bundesländern werden Spätabtreibungen aus ähnlichen Gründen abgelehnt.
Damit wir uns richtig verstehen: Es ist sicher eine schwere Entscheidung, ein nominell lebensfähiges Kind mit einer Spritze im Mutterleib zu töten. Es ist verständlich, dass ein Arzt sich zum Anwalt des vermeintlich nicht angehörten Kindes machen möchte.
Aber das passiert hier nicht. Hier wird nicht das Kind angehört, werden nicht seine Wünsche, seine Lebenschancen betrachtet. Hier wird nicht einmal von einem absoluten Recht auf Leben ausgegangen, sondern von einer Pflicht aus Leben. Die Ärzte haben nicht berücksichtigt, ob Ludwig selbstständig leben können wird, ob er eine Pflegefamilie finden könnte, ob die Eltern sich eine Betreuung leisten können. Sie haben nur entschieden, dass es eine Spätabtreibung eben nicht gibt.
Wie ich in der Mädchenmannschaft schrieb: Nur, weil eine Spätabtreibung rechtens ist, hat man in Deutschland noch lange kein Reicht auf Spätabtreibung. Also in so einem Fall doch entweder nach London fliegen oder selber machen?
Ärzte müssen ständig komplizierte Entscheidungen treffen, die Leben und Tod bedeuten können. Dazu gehört auch die Entscheidung, manchmal von einer Hilfe abzusehen. Primum non nocere – erst einmal nicht schaden – dieser Grundsatz kann auch heißen, Leben zu beenden, um Schaden zu vermeiden. Um diese Verantwortung haben sich die Ärzte dieser Geschichte gestohlen. Und sie stehlen sich anscheinend groß angelegt in Bayern, in Deutschland um diese Verantwortung. Feiglinge.
Ein paar weitere Eindrücke aus der Reportage:
Dann kommt der Brief vom Bezirk Oberbayern. Die Sachbearbeiterin schreibt, Ludwigs Behinderung habe “keine so gravierenden Auswirkungen auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft, dass eine besondere Förderung in der Kindergrippe erforderlich wäre”. Krippe mit “g”, steht dort, Antrag abgelehnt.
Frau Senge bricht in Tränen aus, dann wird sie wütend. “Erst hat uns der Staat gezwungen, ihn auf die Welt zu bringen, aber wenn es um seine Förderung geht, ist keiner mehr zuständig.”
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Als Nächstes kommt ein Brief von der Krankenkasse. Die will Ludwigs Ergo- und Physiotherapie nicht weiterbezahlen, 1500 Euro. Senges sollen zum Sozialamt gehen.
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Irgendwann sind die Kinder auch nicht mehr süß. Manche verhalten sich extrem aggressiv oder setzen sich in der Pubertät im Bus Wildfremden zum Schmusen auf den Schoß. Am schlimmsten sei es jedoch, wenn Eltern all ihre Liebe und Sorge in das Kind hineingössen wie in ein Gefäß, aber es kommt nichts zurück. “Die Väter gehen stiften, die Mütter werden psychisch krank, am Ende geht nichts mehr.”
Mit 15 sind viele behinderte Kinder in einem Heim.
In eine rosige Zukunft wird da hineingeboren…

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[...] hatte ja schon mal einen Beitrag, der die Schwierigkeiten behandelte, die werdenden deutschen Müttern bei einer späten Abtreibung [...]
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