ZS: Schulpflicht (S. 134-135)

Dies ist Teil 19 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

(Die Reihe »Zwielicht am Sonnabend« erscheint jeden Samstag ohne Wortgrenze, und ganz vielleicht auch mal mittwochs)

Ja, heute ist es nicht mal eine Seite, mit der ich mich beschäftige. Andererseits beschäftigt mich das, worum es heute geht, schon länger. Auf ihrer Shopping-Tour gibt Bella mir endlich Gelegenheit, das anzusprechen:

»Is it normal for the… Cullens« – I kept my eyes on the shoes – »to be out of school a lot?« I failed miserably in my attempt to sound nonchalant.

»Yes, when the weather is good they go backpacking all the time – even the doctor. They’re all real outdoorsy,« she told me quietly, examining her shoes, too.

Na dann.

Zunächst wollen wir uns darauf einigen, dass es keinen Sinn ergibt, wenn Jessica bei ihrer Antwort auch zu Boden blickt, es sei denn, ihr ist unangenehm, dass die Cullens gerne in die Natur fahren. Was wiederum keinen Sinn ergäbe. Aber darauf will ich gar nicht hinaus. Vielmehr geht es mir um das eigentliche Konzept dieses Romans.

Was machen Vampire in der High School?

Edward ist so gut in der Schule, dass er nicht mal zuhören muss, um Fragen richtig zu beantworten. Wir dürfen annehmen, dass das auch auf seine »Geschwister« zutrifft. Der Grund dafür ist selbstverständlich, dass sie alle diese Kurse bereits mehrfach besucht haben und diese Fragen bereits mehrfach beantworteten. Schule ist für sie also noch langweiliger als für alle anderen.

Trotzdem gehen sie weiter zur Schule. Warum? Es kann ja – siehe oben – nicht daran liegen, dass sie noch etwas lernen wollen. Dazu wäre eine Uni oder sogar ein ständiges Sitzen vor dem Internet sehr viel geeigneter. Es geht auch nicht darum, Freunde zu finden, denn die Cullens bleiben für sich. Der einzig mögliche Grund ist der eines plausiblen Alibis. Und dieser Grund ist Bullshit.

Edward ist siebzehn und der jüngste der fünf Vampire an der Schule. Damit fällt er noch unter die Schulpflicht in Washington und müsste entweder Gemeindedienste ableisten oder 25$ für jeden Fehltag bezahlen mit der zusätzlichen Gefahr, dass sich das Jugendamt einschaltet.

Aber auch ohne Schulpflicht werden es Lehrer nicht gerne sehen, wenn ihre Schüler_innen ganz nach ihrem Gusto vom Unterricht fernbleiben. Elterngespräche und Disziplinarmaßnahmen sind also programmiert.

Nur hier nicht.

Nicht einmal für Doktor Cullen scheint das zu gelten. Wenn schönes Wetter ist, macht sich der Doktor einfach einen netten Tag und geht nicht ins Krankenhaus. Dabei haben Kliniken mit ihrem Schichtdienstsystem anscheinend nichts besseres zu tun, als jedes Mal, wenn die Sonne scheint, für ihn Ersatz zu finden, und es scheint auch niemandem etwas auszumachen, jeden Sonnentag arbeiten zu müssen, weil der Herr Doktor Besseres vor hat.

Das ergibt einfach keinen Sinn. Das ist nicht logisch und nicht realistisch. Im Falle von Doktor Cullen würde ich noch zugeben, dass wir seine genaue Position nicht kennen, aber selbst ein Chefarzt kann nicht ständig geplante Operationen absagen, nur weil die Sonne scheint. Und auch geniale Schüler werden bei zu vielen Fehlstunden Probleme mit den Noten bekommen, weil nicht nur die Testergebnisse zählen.

Es fragt sich also, warum die Cullens sich diese Mühe machen und – auf Seiten der »Schüler« – sich in die Schule quälen. Es kann nicht daran liegen, normal erscheinen zu wollen. Schließlich gibt es in den USA sowohl »Homeschooling« als auch »Unschooling«, es wäre also kein Problem zu behaupten, dass die Cullens zu Hause unterrichtet würden oder selber lernen. Die Prüfungen sollten kein Problem für sie sein.

Dazu kommt, dass es absolut normal ist, wenn ein Jugendlicher von siebzehn Jahren, geschweige denn seine älteren Geschwister, einer Arbeit nachgehen. Es wäre also viel einfacher, wenn Edward beispielsweise die Nachtschicht in einem Supermarkt übernähme, seine Geschwister eine Tankstelle eröffneten oder einen Schrottplatz und Doktor Cullen als Bestatter oder Pathologe arbeitete. Tatsächlich sollte man meinen, dass die Vampire in den letgzten hundert Jahren gelernt haben, wie man unauffällig ist – ständig Pflichttermine sausen zu lassen, ist jedenfalls keine gute Strategie.

Selbst, wenn die Cullens alle Menschen in ihrer Umgebung beherrschen und sie psychisch zwingen, keine Probleme zu machen, ist das alles andere als unauffällig oder besonders effizient. Eine ganze Schule (oder auch nur ein ganzes Kollegium) dazu zu bringen, sich nicht über Fehlzeiten zu wundern, ein Krankenhaus still zu halten, das ist mühsam und geeignet, einen Fehler zu machen. All das, wenn es doch eigentlich nicht nötig wäre.

Wenn die Cullens also nur ansatzweise so viel Überlebenssinn oder Verstand hätten, wie Stephenie Meyer uns erzählt, hätte Bella Edward nicht in der Schule treffen können. Nicht, dass das die Romanze unmöglich gemacht hätte. Bella hätte Edward im Supermarkt begegnen können oder beim Tanken oder sonstwo.

Stattdessen macht Meyer das, was sie das ganze Buch durch macht. Sie schreibt einfach irgendwas, ohne sich darum zu kümmern, wie durchdacht das ist, wie stimmig, oder auch nur ob sich das gerade Geschriebene mit dem verträgt, was sie vorher schrieb. Es ist einfach nur runtergetippt und fertig.

Umso schlimmer, dass das niemanden stört.

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  1. From Derangierte Einsichten - ZS: Der Teufel im Detail (S. 258-262) on 28 May 2010 at 23:35

    [...] Es ist also Unsinn, dass die Vampire an der High School besonders sicher seien. Zum Glück habe ich das schon einmal [...]

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