ZS: Meta-Bella (S. 132 – 134)

Dies ist Teil 18 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

(Die Reihe »Zwielicht am Sonnabend« erscheint samstags und hat keine Zeichengrenze.)

Heute haben wir nur zwei Seiten vor uns (und trotzdem mehr als nächste Woche). Heute möchte ich über Bella sprechen. Bella Swan, der schöne Schwan, ist die Erzählfigur von Twilight. Tausende von jungen Frauen wünschen sich an ihre Stelle. Das wird dadurch erleichtert, dass man Bella nicht wirklich kennenlernt, obwohl sie über vierhundert Seiten lang erzählt. Eine Identifikation findet nicht statt, und das ist auch gut so.

Denn Bella ist soziopathisch.

Das ist ein Punkt, den ich bereits mehrfach angebracht habe, und ich möchte ihn heute noch einmal beleuchten. Im Grunde genommen ist es so, dass Stephenie Meyer absolut überfordert ist, wenn sie menschliche Figuren beschreiben muss. Alles, was sie kann, ist zu beschreiben, was die Figuren tun, wie sie sich verhalten.

Dadurch wird Bella auf den ersten Blick zu einer absolut unrealistischen Figur. Nachdem sie glaubt, Edward sei ein Vampir, gibt es keinen einzigen Gedanken, der sie diesbezüglich beschäftigt. Sie legt sich in die Sonne und schläft ein. Weil Stephenie Meyer weder in der Lage ist, dass Innenleben ihrer Erzählerin zu beschreiben, noch fähig ist, aus den Handlungen dieser Figur ein schlüssiges und fesselndes Bild dieses Innenlebens zu zeichnen.

Aber auch das kann erhellend sein. Wenn wir davon ausgehen, dass Bella über ihre eigenen Handlungen die Wahrheit sagt, und dann eine stringente Lesart erhoffen, dann bleibt eigentlich nur ein Schluss übrig, dass nämlich Bella eine eiskalte Sozipathin ist, die bewusst ihr gesamtes Umfeld manipuliert und emotionalen Druck ausübt.

Nehmen wir nur mal die Sache mit den Jungs. Bella hält Mike bewusst hin, weiß, dass er eigentlich in sie verliebt ist, bringt ihn trotzdem mit Jessica zusammen. Und als Jessica glücklich von dem Date erzählt, freut sich Bella nicht etwa für sie:

I smiled to myself, pleased.

Bella ist zufrieden mit ihrer eigenen Arbeit. Sie hat Mike mit Jessica verkuppelt und weiß, dass Mike das Mädchen wahrscheinlich schwängern wird und dann entweder sitzen lässt oder sonstwie unglücklich machen wird.

Bella behauptet außerdem, in Phoenix niemals von einem Jungen gefragt worden zu sein, ob sie mit ihm ausgehen wolle. Angesichts der Tatsache, dass in Forks alle fünf Jungen ihren Alters, die wir bislang getroffen haben, ein Interesse an Bella haben, dürfen wir das getrost als Lüge abtun, nur dazu gedacht, von ihren »Freundinnen« Bestätigung zu bekommen.

Umgekehrt verhält sich Bella so, wie man es von einer Freundin beim Shopping erwarten könnte:

I complimented them both generously and helped by returning the rejects to their racks.

Man sollte beachten, dass das Augenmerk hier nicht darauf liegt, ob die Freundinnen schöne Kleider auswählen, oder auf dem Zusammensein oder einer ehrlichen Betrachtungsweise. Nein, das Augenmerk liegt darauf, großzügig zu loben.

Bella kennt sich in sozialen Beziehungen nicht wirklich aus. Aber sie hat andere Personen zusammen beobachtet, und mit der Zeit hat sie eines gelernt: wer zusammen einkaufen geht, scheint sich gegenseitig zu loben. Also hat sie sich angewöhnt, genau das zu tun. Sie versteht nicht wirklich, warum das so ist, aber sie hat eine Checkliste. Und darauf steht: “Loben.” Also lobt sie, um nicht aufzufallen.

Wütend wird sie nur, wenn ihre Pläne ein wenig durcheinander geraten. Hier kommt der dritte Junge ins Spiel, Tyler. Wir erinnern uns an Seite 66:

»Nimmst du mich zum Frühjahrstanz mit?«
»Ich werde nicht in der Stadt sein, Tyler.« (…)
»Ja, Mike hat sowas gesagt.«
»Warum dann-«
»Ich hatte gehofft, du würdest ihm nur schonend absagen.«
(…)
»Tut mir leid, Tyler«, sagte ich und versuchte, meine Irritation zu verbergen. »Ich werde wirklich nicht in der Stadt sein.«
»Das ist okay. Wir haben ja noch den Abschlussball.«

Das war eine doofe Situation. Gerade hatte Bella Mike angelogen, dass sie nicht in der Stadt sein würde, um Mike eben nicht direkt zu sagen, dass sie kein Interesse habe, sondern ihn bei der Stange zu halten und länger quälen zu können. Da kommt Tyler daher und deutet an, dass er sie fast durchschaut hatte. Natürlich ist Bella irritiert und muss Tyler dieselbe Antwort geben. Tyler lässt sich aber nicht so leicht unterkriegen, wie wir jetzt lesen:

»Tyler hat jedem gesagt, er würde dich zum Abschlussball mitnehmen«, informierte mich Jessica mit verdachtsvollen Augen.
(…)
»Darum mag Lauren dich nicht«, kicherte Jessica…

Bella ist verständlicherweise sauer. Natürlich hat sie Tyler nicht gesagt, dass sie kein Interesse an ihm hat, und ihn in seinem Glauben gelassen. Dass er aber einfach so erzählt, sie würde ihn zum Ball begleiten…

Bella hat keine Gefühle. Aber sie hat Kontrolle, und auf diese Kontrolle achtet sie. Sie entscheidet, welches ihrer Opfer was erzählt bekommt und was nicht, und auf welche Art Tyler leiden sollte. Und da geht Tyler her und nimmt ihr die Kontrolle und die Entscheidung ab. Bella fantasiert sogleich, Tyler mit ihrem Laster zu überfahren, und die Freundinnen kichern, weil sie nicht realisieren, dass Bella genau das überlegt. Nur ist es in Phoenix viel leichter, »Unfälle« vorzutäuschen und Leichen wegzuschaffen als hier in der Provinz. Sie muss sich also beherrschen…

Diese Psycho-Bella ist es, die aus den Seiten herausguckt, wenn man wirklich versucht, sie zu charakterisieren. Das würde erklären, warum sie sich mit Edward abgibt – zuerst war sie ein rotes Tuch für ihn und genoss seine Qualen in ihrer Gegenwart. Jetzt aber, wo sie in ihm einen Vampir vermutet, bekommt die Sache plötzlich eine andere Qualität. Bella spürt Macht in Edward, Macht, die sie nutzen kann. Also bleibt sie.

Andererseits würde das Buch vielleicht zu interessant, wenn es wirklich so wäre und Bella nicht nur eine langweilige, blöde Kuh. Soziopathin, ja, aber längst nicht mit dem nötigen Intellekt, um das alles zu orchestrieren. Schade.

Noch schader allerdings, dass so viele Leserinnen gar dahinzuschmelzen scheinen.

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