Amoklauf und Kinderporno sind die beiden emotionalen Wahlkampfthemen, mit denen die Parteien versuchen, von der Klimaerwärmung und der Finanzkrise abzulenken. Dabei wird, wenn es um Amokläufer geht, gerne das typische Bild der gequälten Seelen beschworen, die unter dem Druck böser Mitschüler und angeleitet von Videospielen zurückschlagen.
Sagen wir es gemeinsam: Blödsinn.
Andrew Gumbel beschreibt im Guardian am Beispiel des Amoklaufs von Columbine, wie es auch sein kann. Die dortigen Täter galten eigentlich als klassische Musterbeispiele: Angehörige der »Trenchcoat Mafia«, in lange Mäntel gekleidete und ausgegrenzte Schüler, gehänselt und getrieben, Computerspielfanatiker, und schließlich Amokläufer. Nicht nur hörten sie Marylin Manson, sondern sie waren außerdem Rassisten und – schock – Christenfeinde, die ein Mädchen fragten, woran es glaubte, und als es sich als Christin outete, niederschossen.
Nur, dass das alles wohl so nicht stimmt. Liest man Dokumente und Texte der Amokläufer, dann stellt sich heraus, dass sie… hier ist Grumbel selbst in meiner Übersetzung:
Harris und Klebold [die Täter, PP] hatten viele Freunde, waren gut in der Schule, gehörten nicht zur Trenchcoat Mafia, hörten kein Marylin Manson, wurden nicht gehänselt, hassten keine spezielle Gruppe und brachen nicht aufgrund eines letzten traumatischen Ereignisses zusammen, welches das Fass zum Überlaufen brachte.
Nein, die beiden hatten einfach einen Hass auf die Welt und wollten nicht ein paar Leute erschießen, sondern die ganze Schule in die Luft jagen. Nur, weil die Bomben nicht funktionierten, gaben sie sich mit ein wenig Schießerei zufrieden. Tatsächlich hatten sie sogar eine Bombe auf dem Parkplatz deponiert, wo sie ankommende Polizeiwagen, Medien und Eltern – wer auch immer da parkte – in den Tod reißen sollte.
Harris war anscheinend ein echter Soziopath mit Gotteskomplex, wohingegen Klebold depressiv war und davon überzeugt, ein Versager zu sein. Zusammen bestärkten sie sich in dem Drang, auszuschlagen. Tatsächlich verschonten sie sogar ein Mädchen, das die Frage nach Gottesglauben bejahte.
Letzten Endes hat die Medienhysterie, der Drang nach Story und Populärpsychologie diesen Fall aufgebläht. Typisch.

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