Zoon Politikon hat aus Max Frischs Tagebüchern 25 Fragen zitiert, und da die studivz-Gruppe »Atheisten sind die besseren Liebhaber« Homo Faber als Gruppenbild haben, fühle ich mich motiviert, diese Fragen mal anzugehen. Warnung, über 500 Wörter voraus!
Nach dem Bruch gehts los.
1. Sind Sie sicher, daß Sie die Erhaltung des Menschengeschlechts, wenn Sie und alle Ihre Bekannten nicht mehr sind, wirklich interessiert?
Ja.
2. Warum? Stichworte genügen.
Weil das Potential der Menschheit nicht bei mir enden sollte, sondern ich mir wünsche, dass wir das Universum besiedeln. Und das schaffen wir wohl nicht in meiner Lebenszeit… obwohl…
3. Wieviele Kinder von Ihnen sind nicht zur Welt gekommen durch Ihren Willen?
Siebzehn Millionen dreihundertsiebenundzwanzigtausend vierhunderelf. Dies ist eine vorsichtige Schätzung.
4. Wem wären Sie lieber nie begegnet?
Sehr schwere Frage. Selbst die schlimmsten Begegnungen haben im Endeffekt dazu beigetragen, dass ich der bin, der ich bin, insofern kann ich nur schlecht eine Begegnung davon abziehen. Sagen wir: die Zeugen Jehovas, die ich reingelassen habe, und die jetzt ständig bei mir klingeln.
5. Wissen Sie sich einer Person gegenüber, die nicht davon zu wissen braucht, Ihrerseits im Unrecht und hassen Sie eher sich selbst oder die Person dafür?
Nicht, das ich wüsste. Kann aber sein, dass mir das nur nicht einfällt.
6. Möchten Sie das absolute Gedächtnis?
Nein.
7. Wie heißt der Politiker, dessen Tod durch Krankheit, Verkehrsunfall usw. Sie mit Hoffnung erfüllen könnte? Oder halten Sie keinen für unersetzbar?
Leider ist keiner unersetzbar. Aber selbst eine kurzfristige Lücke nach dem Tod von Wolfgang Schäuble ließe mich aufatmen. Nur: wer weiß, wer danach kommt? Und: dies ist nur so gemeint, dass ich von dem Tod erfahre. Ich wünsche selbst Herrn Schäuble nicht den Tod.
8. Wen, der tot ist, möchten Sie wiedersehen?
Wiedersehen impliziert, dass ich sie schon gesehen hatte. Lothar Kremershof oder Cafer Gündog.
9. Wen hingegen nicht?
Den ganzen Rest.
10. Hätten Sie lieber einer anderen Nation (Kultur) angehört und welcher?
Ich bin zwar mit Deutschland nicht wirklich zufrieden, aber ich denke trotzdem, dass ich ganz gut mit mir zurecht komme. Wer weiß schon, wie unerträglich ich erst als Franzose wäre? Also nein.
11. Wie alt möchten Sie werden?
So alt, dass ich mich noch normal fortbewegen und vor allem normal denken kann. Sollte ich noch erleben, dass wir uns in Computergehirne verwandeln, dann gerne auch älter. Leider sehe ich mit de-facto-Unsterblichkeit auch große Probleme auf die Menschheit zukommen, aber idealerweise muss ich nicht sterben.
12. Wenn Sie Macht hätten zu befehlen, was Ihnen heute richtig scheint, würden Sie es befehlen, gegen den Widerspruch der Mehrheit? Ja oder Nein.
Aus dem Affekt heraus ja, und dann doofe Bücher verbieten, Bildung verbessern usw. Aber mit nachdenken würde ich diese Macht nur ein einziges Mal einsetzen, nämlich um mir die Macht zu nehmen und ein (hoffentlich besseres) demokratisches System einzurichten.
13. Warum nicht, wenn es Ihnen richtig scheint?
Weil ebenso, wie ich mündig sein will und meine Mündigkeit auch nutzen möchte, wie ich mir nicht einfach nur Dinge vorschreiben lasse, es auch anderen Menschen geht. Ein Diktator ist auch dann schlecht, wenn er gutmütig ist. In der Selbstbestimmung der Menschen ist eben auch enthalten, schlechte Entscheidungen zu treffen.
14. Hassen Sie leichter ein Kollektiv oder eine bestimmte Person und hassen Sie lieber allein oder im Kollektiv?
Es fällt mir auf jeden Fall leichter, Kollektive dauerhaft nicht zu mögen, auch wenn ich da eher von starker Abneigung und nicht von Hass sprechen würde, beispielsweise Fundamentalisten. Im Affekt aber richtet sich mein Zorn eher gegen Einzelpersonen, wenn auch dann wieder eher nicht als Hass. Hass richtet sich bei mir eher gegen Methoden oder Pseudo-Argumente und gegen die Postmoderne. Und bitte lieber allein.
15. Wann haben Sie aufgehört zu meinen, daß Sie klüger werden oder meinen Sie’s noch? Angabe des Alters.
Ich hoffe doch, dass ich klüger werde, sonst ist bei mir die Hoffnung fast verloren. 31 bin ich jetzt.
16. Überzeugt Sie Ihre Selbstkritik?
Nicht immer. Manchmal ist es hohles Geschwätz. Aber ernsthafte Selbstkritik: ja.
17. Was, meinen Sie, nimmt man Ihnen übel und was nehmen Sie selbst übel, und wenn es nicht dieselbe Sache ist: wofür bitten Sie eher um Verzeihung?
Ich bitte um Verzeihung, wenn ich faktisch falsche Dinge behaupte, und das nehme ich auch selbst übel. Mir nimmt man wahrscheinlich bisweilen auch übel, dass ich provozierend formuliere und diskutiere und daher arrogant erscheinen kann. Da ich das aber nicht so meine, gehe ich davon aus, dass die richtigen Leute das eh wissen, und der Rest hat eben Pech gehabt.
18. Wenn Sie sich beiläufig vorstellen, Sie wären nicht geboren worden: beunruhigt Sie diese Vorstellung?
Nein, aber ich fände es schade.
19. Wenn Sie an Verstorbene denken: wünschten Sie, daß der Verstorbene zu Ihnen spricht, oder möchten Sie lieber dem Verstorbenen noch etwas sagen?
Weder noch. Igitt!
20. Lieben Sie jemand?
Familiär: ja. Freundschaftlich: ja. Romantisch: … zumindest verliebt, fragt in einem halben Jahr noch mal.
21. Und woraus schließen Sie das?
Aus den chemischen Veränderungen meines Hirns – okay, noch nicht. Aus meinen Empfindungen beim Gedanken oder in Gegenwart dieser Person(en).
22. Gesetzt den Fall, Sie haben nie einen Menschen umgebracht, wie erklären Sie es sich, daß es dazu nie gekommen ist?
Weil ich die Tötung eines Menschen für keine gute Tat halte, mich mein Hirn nicht trotzdem zur Tötung eines Menschen zieht und weil ich schließlich nie in einer solchen Notsituation war, in der ich dennoch hätte jemanden töten müssen, um damit ein vergleichbares Gut zu schützen oder mich selbst zu retten.
23. Was fehlt Ihnen zum Glück?
Fleiß.
24. Wofür sind Sie dankbar?
Ich danke meinen Eltern und Großeltern für meine Erziehung.
25. Möchten Sie lieber gestorben sein oder noch eine Zeit leben als ein gesundes Tier? Und als welches?
Als Ratte zu leben könnte ich mir interessant vorstellen. Aber da ich als solch ein Tier eh nicht mehr ich wäre, kann ich auch sterben.

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