Ich lese eigentlich ganz gerne den Freitag, wenn auch nur zu Themen, die ich interessant finde. Jetzt ist mir aber ein Beitrag aufgefallen, über den ich nur den Kopf schütteln kann. Und zwar behandelt dieser Beitrag das kommende (gewesene) Finale von Deutschland sucht den Superstar, bei dem bestimmt auch diesmal wieder jemand gewonnen hat. Es sei eine schlechte Show, heißt es da, aber doch auch positiv zu sehen.
Warum? Ihr werdet es nicht glauben. Ich muss das einfach zur Gänze zitieren:
Und trotzdem lohnt es sich, dieses Millionen-Phänomen einen Augenblick lang genauer zu betrachten, als moderne, zeitlose Fernsehoper. Denn in Wahrheit ist DSDS mehr als nur ein opulent inszenierter Medien-Sängerwettstreit. Hier geht es nicht um den besten Gesang, sondern darum, welcher Sänger die Gunst des Volkes ersingt. Und so wird DSDS so wie Wagners „Meistersinger“ zum öffentlichen Wettstreit populärer Moden. Zum wohl inszenierten Gratmesser zwischen Extravaganz und Mainstream. Dessen Ergebnis (siehe Katharina Wagners „Meistersinger“-Inszenierung) nicht jeden Kunstliebhaber gefällt.Bei DSDS gewinnt nicht der Beste, sondern, wer von den Zuschauern als Bester gewählt wird. Und wenn man es ganz genau nimmt, wird der Pop hier als das verstanden, als was ihn auch Nürnbergs Minnesinger verstanden haben: als Populärmusik. Am Ende entscheidet das Voting, nicht die Tabulatur oder die Regeln des guten Geschmacks.
Das ist das wirklich Ernüchternde an DSDS. Die Sendung schlecht zu machen, wäre so, als würde man Wagner dafür verurteilen, dass Walther von Stolzing am Ende die Nürnberger Herzen gewinnt. Auch bei DSDS stimmt am Ende das Volk – und nicht Dieter Bohlen – über den Sieger ab.
Hier schreibt jemand mit viel Pathos, aber augenscheinlich wenig Sinn dafür, wie Fernsehen gemacht wird. Gewinner und Verlierer werden auspräsentiert, und zumindest aus anderen Fernsehshows weiß ich auch von Verträgen, die das Zuschauervotum aushebelten, wenn es nicht zur Dramaturgie passte.
Natürlich geht es bei DSDS darum, den Sieger zu vermarkten. Daraus aber zu schließen, RTL würde nur in Hinblick auf die Zuschauergunst inszenieren, ist verfehlt. Vielmehr werden vermarktbare Kandidaten gepuscht, bei anderen Streit inszeniert, die BILD darf eine Kampagne fahren usw. Die Kandidaten dürfen sich nicht frei, sondern aus einer kleinen Liste ihren Song aussuchen (wahrscheinlich auch da mit gutem Zureden, nachdem die Liste selbst schon geeicht ist). Was man außerhalb des Gesangsvortrags hört und sieht, wie die Jury redet, ja wie die Kameras den Auftritt einfangen – all das sind Manipulationsmöglichkeiten, von denen RTL natürlich Gebrauch macht, um Sieger und Verlierer, Helden und Schurken zu stilisieren.
Dass sich diese Sendung über eine vermeintliche Demokratie definiert, mag ja stimmen. Aber dieses Zuschauervotum spielt ja gerade ins Marketing hinein; der Sieger oder die Siegerin ist eben »unser Star«. Die Abstimmung bringt Geld, Quote bringt Geld, CD-Verkäufe bringen Geld. Qualität ist nebensächlich. Der Volkswille ist zweckdienlich, kann aber auch ausgehebelt werden.
Dass der Freitag sich jetzt auch noch darauf einlässt, tatsächliche Populärmusik durch DSDS zu definieren, zeigt eine kulturelle Blindheit, die Produktionsmechanismen auszublenden scheint. Wenn RTL nicht sagt, wie viel Einfluss sie nehmen, dann gibt es keinen Einfluss?

Post a Comment