ZS: Dummerchen Bella (S. 37-44)

Dies ist Teil 8 von 61 der Serie Zwielicht am Sonnabend

(Zwielicht am Sonnabend erscheint jeden Samstag und unregelmäßig Mittwochs. In dieser Reihe gibt es keine Wortgrenze)

Für alle, die nur samstags herkommen: Diesen Mittwoch gab es eine zusätzliche Ausgabe von Zwielicht am Samstag. Darin betrachteten wir zunächst die Stilistik von Stephenie Meyer und Bellas Verhalten anderen gegenüber.

Heute wenden wir uns noch einmal Bella selbst zu.

Edward Cullen ist zurück an der Schule, und er verbringt mit Bella eine intensive Biostunde. Im Verlauf dieser Biostunde wird noch einmal deutlich, wie Bella sich selbst sieht. Erste Andeutungen dieser Selbsteinschätzung gibt es aber schon vorher, in der Cafeteria der Schule. Die Klassenkameraden planen eine Schneeballschlacht, und Bella ist diese Idee ein Graus. Ihre Reaktion: »Ich schwieg. Ich würde mich in der Sporthalle verstecken müssen, bis der Parkplatz leer war.«

Anstatt sich also einfach aus der Schneeballschlacht herauszuhalten, will Bella sich verstecken. Sie muss es aber nicht, weil der Schnee weggeregnet wird. Im Verlauf der Biologiestunde aber werden Bellas Einschätzungen ihrer Selbst noch deutlicher.

»No«, I persisted stupidly.
(…)
I tried to explain, feeling like an utter moron.
(…)
I could only stare at him like an idiot.
(…)
…he was obviously wondering if I was mentally competent.
(…)
I didn’t want to spoil the page with my clumsy scrawl.
(…)
I blurted out unthinkingly.
(…)
…as if my dull life’s story was somehow vitally important…
(…)
I glanced at him without thinking
(…)
I’d just explained my dreary life to this bizarre, beautiful boy…

Der einzige Moment auf diesen wenigen Seiten, in dem Bella sich selbst nicht negativ beschreibt, hat mit der Biologie-Aufgabe zu tun, die sie mit Edward erledigen muss. Die kann sie sehr gut, wie sie auch Mike erklärt:

I didn’t have any trouble with it,« I said, stung by his assumption. I regretted the snub instantly. »I’ve done this lab before, though,« I added before he could get his feelings hurt.

Sie war in einem Biologieprogramm für gute Schüler_innen, aber das sagt sie nicht. Sondern sie verweist darauf, dass die Aufgabe für sie eine Wiederholung war – nicht mal auf ihre tatsächlichen Leistungen ist sie stolz.

Und das ist auch die Crux an Twilight. In dem Versuch, die Geschichte so romantisch wie möglich zu machen, wird der perfekte Junge (Edward) das so gar nicht perfekte Mädchen (Bella) erwählen und damit alle jungen Leserinnen träumen lassen, selbst einen Edward zu bekommen. Leider stimmt diese Beschreibung Bellas nur, wenn wir ihre eigene Neurose für die Wahrheit nehmen. Bella sieht gut aus (das mit den Verehrern kennt ihr ja inzwischen schon), sie hat gute Noten und war sogar in einem Fortgeschrittenenkurs für Biologie, sie kocht, kauft ein, wäscht ab… denn neben der Romantik will Stephenie Meyer gleichzeitig ein Bild der idealen Ehe und der idealen Partner entwerfen.

Bella darf also ein wenig tollpatschig sein – beim Sport macht sie daher nicht wirklich mit, sondern steht nur der Form halber auf dem Spielfeld, was anscheinend auch dem Sportlehrer egal ist. Ansonsten aber ist sie die perfekte christliche Hausfrau. Und was wäre so eine christliche Hausfrau ohne Märtyrerkomplex?

Denn Bella erzählt Edward ja auch, warum sie hier in Forks ist. Die Geschichte geht schnell: Ihre Mutter heiratet einen Baseballspieler, der durchs Land zieht. Mutter bleibt in Phoenix bei Bella, ist aber unglücklich. Darum entschließt sich Bella aus eigenem Antrieb, nach Forks zu ziehen, um ihre Mutter zu ihrem Mann zu lassen. Wie Edward bemerkt, ist dafür jetzt Bella unglücklich.

I laughed without humor. »Hasn’t anyone ever told you? Life isn’t fair.«

Nein, Bella, das Leben ist nicht fair. Aber wenn du dir in den Fuß schießt und dann über Schmerzen klagst, hat es einen Dreck mit unfairem Leben zu tun, sondern nur mit deiner eigenen Entscheidung und den daraus resultierenden Konsequenzen.

Stephenie Meyer verschenkt auf diesen Seiten auch noch eine große Chance der Ich-Erzählerin. Wie ich letztes Mal schrieb, kann die Autorin in einer solchen Perspektive die Innenwelt der Protagonistin lebendig werden lassen. So geht es nicht:

I versuchte, aufmerksam zu erscheinen, während Mr. Banner mit Folien auf dem Projektor illustrierte, was ich ohne Schwierigkeit durchs Mikroskop gesehen hatte. Aber meine Gedanken waren nicht zu kontrollieren.

Das wars. Wir erfahren nicht, was Bellas »unmanageable thoughts« sind, sondern, dass der Biolehrer einen Folienprojektor benutzt. Na danke.

Ansonsten haben wir jeweils zwei weitere Verwendungen von »beautiful« und »perfect«, was deren Zahl auf je 6 treibt (natürlich in Bezug auf Edward), je zweimal hören wir über Bellas und Edwards Haare… und ebenfalls zweimal sehen wir, wie der perfekte Mann bei der idealen Ehefrau Eindruck schindet: indem er sie auslacht.

»H-how do you know my name?« I stammered.
He laughed a soft, enchanting laugh.

Edward lacht im Kontext eindeutig über ihre Verunsicherung. Und am Ende des Kapitels baut Bella fast einen Unfall – fast.

I stared straight ahead as I passed the Volvo, but from a peripheral peek, I would swear I saw him laughing.

Ist er nicht ein Gentleman?

Series NavigationZS: Wie-derworte (S. 34-37)ZS: Alles beieinander (S. 45-57)

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *