Bella Swan ist der Prototyp des selbstbezogenen Püppchens. Allerdings glaubt Bella nicht, dass sich alles um sie dreht; um egozentrisch zu sein, hat sie ein viel zu schlechtes Bild von sich. Aber in Stephenie Meyers Twilight dreht sich nun mal alles um Bella, und zwar nicht nur, weil sie die Hauptfigur ist – das ist sie ohnehin nur insoweit, als sich Edward Cullen nicht als Leserinnen-Instanz eignet. Wenn sich Meyer und ihre Fans in die Welt von Twilight versetzen, dann sind sie nicht mit Bella dort, sondern sie sind Bella.
Stephenie Meyer erstellt also eine Welt, in der Bella Swan der Fokus aller Ereignisse ist. Um Bella jetzt gerade nicht arrogant werden zu lassen – und um traditionellen Rollenmustern zu entsprechen –, wird Bella zu einer unsicheren und sich selbst nicht mögenden jungen Frau degradiert. Leider funktioniert selbst diese Taktik nicht völlig.
Bella lernt also nach dem Biologieunterricht Mike kennen, der sie zum Sportunterricht begleitet. Mike ist »freundlich und ein eindeutiger Bewunderer« – aber selbst seine klare Bewunderung für Bella kann deren Ärger über Edward Cullens komisches Verhalten nicht beruhigen.
Die Welt ist also fixiert auf Bella und Bella fixiert sich auf Edward, den bösen Jungen. In der Wirklichkeit wäre das eine Entwicklung, die zu fassungslosen Nachbarn führt, die in den Nachrichten etwas davon erzählen, dass Bella doch »immer so ein nettes Mädchen« gewesen sei.
Bella trifft an ihrem ersten Tag gleich zwei Jungen, die sie eindeutig attraktiv finden. Sie trifft mehrere Schüler und Schülerinnen, die sich mit ihr unterhalten und sie in ihren Freundeskreis aufnehmen. Und sie trifft einen Jungen, der sie hasserfüllt anstarrt und sich fast schon auf sie stürzt. Für Bella zählt nur diese letzte Entwicklung, und ihre Mitschüler haben allenfalls die Funktion, ihre Laune aufzubessern.
Bella macht sich keinerlei Gedanken über ihre Mitschüler, und in den seltenen Fällen, in denen sie es tut, deutet sie deren Motive stets negativ, als Resultat von Eifersucht, verschmähter Liebe oder eben nicht ausreichende Bewunderung. Das ist die Heldin dieses Romans.
Darum ist es auch so schwierig, Bellas Fixierung auf Edward zu deuten. Liegt es nur daran, wie »perfekt« er ist? Das zeigte eine extreme Oberflächlichkeit, denn von Edwards Persönlichkeit wissen wir bislang nur, dass er anscheinend gerade so verhindern konnte, Bella zusammenzuschlagen. Aber er sieht gut aus.
Oder liegt es daran, dass Bella trotz der eigenen Unzulänglichkeit nicht ertragen kann, wenn sich etwas nicht um sie dreht? Dass sie quasi in der alten Psychologie des Jägers nicht die einfachen Jungs sucht, sondern die Herausforderung, die Eroberung, dass sie gerade den Jungen haben will, den sie nicht haben kann, auch wenn das bedeutet, dass sie verprügelt wird?
Oder aber ist sie so von ihrem Unwert überzeugt, dass sie instinktiv denjenigen als Partner aussucht, der sie am ehesten bestrafen kann, der sie so behandelt, wie sie es verdient?
Die zweite Interpretation wäre noch die freundlichste, aber sie lässt sich am schwierigsten über die Seiten retten. Die wahrscheinlichste hingegen ist, dass Bella einfach so auf Edward fixiert ist, weil Edward ein Vampir ist und Stephenie Meyer eine Geschichte schreibt, in der sich Bella in einen Vampir verliebt. Stephenie Meyer ist das Wort Gottes, und sie setzt diese beiden in die Welt, um zusammenzukommen. Mehr Gründe braucht es nicht, und es ist egal, welchen verstörenden Beigeschmack diese Paarung vielleicht haben mag. Und weil es egal ist, können Hunderttausende oder Millionen von Frauen auch ganz rollig werden bei dieser Geschichte, als sei sie in irgendeiner Weise erstrebenswert.
Ist es erstrebenswert, am ersten Schultag nach dem Sportunterricht noch einmal mit Edward konfrontiert zu werden – wir erkennen ihn an seinem bronzefarbenen Haar –, der uns dann mit seinem »absurd gutaussehenden« Gesicht, aber auch mit »durchstechenden, hasserfüllten Augen« ansieht, sodass wir echte Angst verspüren?
Und dass wir von dieser negativen Behandlung zwar den ganzen Weg nach Hause mit den Tränen kämpfen müssen, aber am nächsten Tag… ist er nicht da! Und das macht es noch viel schlimmer, als wäre er da und wieder unfreundlich. Bleibt er tatsächlich nur wegen Bella der Schule fern? Bella kann sich des Gedankens nicht erwehren, und es macht sie nicht wütend, dass ein Junge so einen Unsinn macht. Nein, sie ist besorgt, dass es so sein könnte, dass sie jemanden so stark beeinflussen könnte – auch wenn das ein egoistischer Gedankengang sei.
Nicht egoistisch hingegen findet Stephenie Meyer anscheinend Bellas Verhalten ihren Verehrern gegenüber.
Mike came to sit by me in English, and walked me to my next class, with Chess Club Eric glaring at him all the while; that was flattering
Das schmeichelt natürlich, diese beiden um sich zu haben. Schachclub-Eric ist ja schon ein schöner Spitzname, aber was ist mit Mike? Mike hat bereits am zweiten Schultag die »Eigenschaften eines Golden Retrievers« angenommen. Nett.
Dagegen muss natürlich etwas unternommen werden, aber das wird nicht einfach:
In a town like this, where everyone lived on top of everyone else, diplomacy was essential. I had never been enormously tactful; I had no practice dealing with overly friendly boys.
Ignorieren wir die unnötigen Adverbien – »übermäßig freundlich«? Halten wir fest: Bella hat keine Erfahrung mit Jungs, sie ist so unschuldig, dass sie einen Euphemismus benutzt, den sonst wohl nur mütterliche Mormoninnen verwenden würden – oh. Außerdem aber nimmt sie sich vor, etwas wegen Mike zu unternehmen.
Der gesunde Menschenverstand würde sagen, dass das am Besten mit einem Gespräch geregelt wird. »Lass uns einfach Freunde bleiben« ist ja der Klassiker unter den gewunkenen Zaunpfählen. Das würde aber berücksichtigen, dass Mike mehr ist als nur eine unwichtige Randfigur. Darum unternimmt Bella nichts derartiges.
Sie ist mir wirklich sympathisch.

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