Aris Freund hat einen Albtraum, in dem wilde Hunde durch die Straßen jagen und vor seinem Haus stehen bleiben. Die Hunde warten, um ihn zu zerfleischen, weil er sie im Libanonkrieg erschossen hat. Ari wiederum, der in der Nähe des Massakers von Sabra und Schatila war, erinnert sich an nichts mehr aus dem Krieg. Durch die Geschichte aufgerüttelt, fährt er los, alte Kameraden zu befragen und herauszufinden, was damals genau passiert ist.
Dann macht er einen Zeichentrickfilm daraus.

Waltz with Bashir (2008)
Worauf diese Bezeichnung allerdings anspielt ist die Herangehensweise dieses Films, die Ereignisse eben nicht in Form eines Spielfilms zu dramatisieren, sondern die Erinnerungen der Anwesenden für sich sprechen zu lassen und nur diese tricktechnisch umzusetzen. Hierbei muss allerdings auf die Unsicherheit menschlicher Erinnerungen hingewiesen werden; die absolute Wahrheit wird hier nicht erzählt, und die Zeichnungen implizieren diese gebotene Vorsicht sogar. Um so schockierender ist es dann, wenn plötzlich Fotografien ihren Weg in den Film finden und tatsächlich dokumentieren, worüber hier die ganze Zeit geredet wurde.
Die Animation ist kantig, stilisiert und nicht darauf ausgelegt, wie eine Annäherung an die dreidimensionale Realität zu wirken. Das Geschehen besitzt eine anhaltende Rauheit, die Figuren haben Kanten und wirken manchmal wie ausgeschnitten und vor den Hintergrund geklebt. Das alles ist nicht anstrengend anzusehen, aber lässt nicht zu, dass man sich einfach in die Geschichten hineinfallen lässt. Man bleibt in der Beobachterrolle, der Betrachterposition. Man reflektiert.
Das ist der Moment, wo ich auf die Geschichten zu sprechen komme, die zum Massaker hinführen. Waltz with Bashir begeht nicht den Fehler, parteipolitische Aussagen zu machen, es gibt keine Erklärung für den Krieg, keine Schuldzuweisung, keine Parteilichkeit pro oder kontra. Hier ist niemand im Recht, oder im Unrecht. Waltz with Bashir spricht nur über den Krieg, und das mit klarer Position, nämlich wie absolut furchtbar und grauenvoll das alles ist, und wie ein solches Massaker zwar außergewöhnlich ist, aber gleichzeitig irgendwie dazugehört.
Darum ist der kennzeichnende Moment für mich auch der, in dem wir einen Mercedes verfolgen, der im Vorbeifahren Soldaten erschießt. Wir sehen den Fahrer durch das Zielfernrohr eines weiteren Soldaten, und der Soldat feuert. Anstelle des Fahrers aber fällt hinter dem Mercedes ein Reiter tödlich getroffen von seinem Kamel. Damit ist alles gesagt.
Der Krieg verzehrt junge, unerfahrene Soldaten, die mit der Situation nicht so zurechtkommen können, dass sie keine Fehler machen, und junge Freischärler bis hin zu Kindern, die mit einer Panzerfaust ausgestattet in den Tod geschickt werden, um vorher vielleicht selbst noch zu töten. Und nebenbei erwischt es eben auch all jene, die noch weniger damit zu tun haben.
Ein fesselnder, packender »Dokumentar-Trick-Kriegsfilm« aus einer Region, in der auch 25 Jahre später noch Krieg geführt wird.

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