Alan Moores Comics sind in der Regel eher beschissen umgesetzt, wenn es um eine filmische Adaption geht. Watchmen gilt nicht nur als Meisterwerk, sondern als besonders unverfilmbar. Kann da ausgerechnet Zack Snyder, der den Un-Film 300 verbrochen hat, das Wunder vollbringen – fast so unwahrscheinlich wie die Erschaffung von Gold in einer Supernova?
Die Antwort lautet überraschenderweise: Fast.

Watchmen (2009)
Nein, meine Kritik fällt in diesem Punkt nur positiv aus. Ebenfalls ist fast die gesamte technische Ausstattung zu loben – Kostüme, Effekte, alles vom Feinsten. Allenfalls bemerkenswert, dass wir (zum Glück) einen blauen Penis, nackte Brüste und sogar Pornozeichnungen sehen können, ebenso blutige Kämpfe mit gebrochenen Gliedmaßen (und mehr) – aber mit einer Ausnahme darf hier niemand rauchen.
Aber oben steht »fast«. Dieses fast gebührt Zack Snyder, wenn auch in viel geringerem Maße als noch bei 300, wo er das filmische Erlebnis kaputtgedreht hat. Auch in Watchmen verwendet Snyder oft Zeitlupeneffekte, auch unmerklicher abseits von Actionsequenzen, und benutzt, was ich nur als »elegische Einstellungen« bezeichnen kann.
Die Geschichte von Watchmen ist komplex und verschachtelt und selbst der Film in einer vereinfachten Form benötigt noch mehr als zweieinhalb Stunden, um sie zu erzählen. Umso wichtiger ist es, dass die Kamera, dass der Schnitt das Tempo vorgeben und bestimmen. Hier entscheidet sich Snyder dafür, nahezu jeden Moment abzufeiern und auszudehnen. Dadurch werden einerseits die wirklich heraustehenden Momente ein wenig zu Momenten unter vielen, andererseits aber merkt man als Zuschauer bisweilen die Spieldauer und die Tatsache, dass jetzt wieder einer eine große Rede hält (und die Bilder langsamer werden).
Dadurch verliert der Film an Kraft und die Geschichte an Wucht. Eine Vergewaltigung am Anfang von Watchmen schlägt härter zu als eine Katastrophe am Ende. Dem Publikum wird nicht der Boden unter den Füßen weggerissen, noch wird beispielsweise die Majestät des Mars wirklich offenbar. Das Leiden einer Person ist stärker als die Zahl »15 Millionen«.
Nachtrag, 06.03: Außerdem müssen Malin Akerman (Silk Spectre II) und Matthew Goode (Ozymandias) als negative Posten genannt werden, die nicht wirklich überzeugen können, und die Musik, die ähnlich wie in Reality-Shows das offensichtlichste Musikstück enthält und mit Ausnahme der Eingangssequenz ziemlich flach fällt.
Aber – und das ist ein entschiedenes aber – das führt nur zu einer entsprechend qualifizierten Empfehlung, den Film trotzdem im Kino zu sehen. Denn es bleibt genug übrig, dass Watchmen für Effektkino untypisch viel Symbolismus und Tiefgang enthält. In der Hollywood-Maschinerie unserer Zeit ist das wahrscheinlich das Beste, was man als denkender Filmfreund haben kann. Es ist schwer zu glauben, dass ich dafür Zack Snyder danken kann, und es wäre schade, wenn dann dieser Film untergeht, wo so viel mehr Scheiße oben schwimmt.
Watchmen ist nicht der erste Actioner der letzten Zeit, der mehr sein will als KrachBummPeng. Hoffentlich ein Trend. Also: angucken – unter Vorbehalt.

Comments 6
Zu “das leider einer Person ist stärker als die Zahl 15 Millionen”: Ohne jetzt den Film gesehen zu haben denke ich dass das normal ist. Ich denke wenn man das Leid einer einzelnen Person sieht bzw. darstellt wird das den Zuschauer immer mehr berühren als wenn einfach mal eine große Zahl in den Raum geworfen wird. Ich kann eher einen Bezug zu einer einzelnen Person herstellen als zu einer gesichtslosen Menge.
Posted 05 Mar 2009 at 16:03 ¶Ja, das ist aber ein Problem, das der Filmemacher umgehen muss, damit das nicht einfach nur wie “noch ein Special Effect” wirkt. Die Katastrophen in “Independence Day” usw. gehen uns ja nicht wirklich nahe, nur da, wo sie Charaktere betreffen, die wir kennen.
Alan Moore macht das übrigens im Comic ganz hervorragend.
Posted 05 Mar 2009 at 18:59 ¶Nachtrag: http://filmfreakcentral.net/screenreviews/watchmen.htm
Etwas schlechter, als ich den Film bewerte, aber sehr lesenswert. Vor allem: “it occurs to me that Watchmen is a movie made by Dr. Manhattan; it should’ve been made by Rorschach.”
Stimmt.
Posted 05 Mar 2009 at 19:17 ¶Stimmt auch.
http://filmbrain.typepad.com/
Posted 06 Mar 2009 at 13:04 ¶http://somecamerunning.typepad.com/some_came_running/2009/03/some-watchmen-thoughts.html
Stimmt schon wieder. Soll aber nicht abschrecken.
Posted 06 Mar 2009 at 13:22 ¶http://www.avclub.com/articles/book-vs-film-watchmen,24746/2/
Posted 06 Mar 2009 at 14:16 ¶Post a Comment