Bei einem kürzlichen Gespräch schockte mich ein ebenfalls als Skeptiker ausgewiesener Bekannter mit seinem Menschenbild und seinen Moralvorstellungen. Nicht nur, dass moralisches Verhalten für ihn nur anerzogen und kulturell geprägt ist, dass also beispielsweise die römische Sklaverei nicht als unethisch gelten könne, weil sie damals nicht als solche wahrgenommen wurde, sondern auch:
Wenn es keine Regeln mehr gibt, wenn man nicht mehr die Gefahr hat, zur Rechenschaft gezogen zu werden, dann packt der Mensch sich die Machete und hackt seinen Nachbarn in Stücke. Vielleicht nicht alle, aber die Mehrheit.
Ähh… nein.
Ich will nicht verhehlen, dass es in Krisengebieten zu extremen Gewalttaten kommt, und dass sich in jenen Gebieten, in denen die staatliche Macht zusammenbricht, solche Taten häufen. Dazu lässt sich dennoch vielerlei sagen.
Erstens strömen gewaltbereite Täter gerade in solche Gebiete, in denen sie marodieren können. Söldner und Plünderer kommen auch aus umliegenden Nationen und leben sich aus; gleichzeitig fliehen friedlichere Menschen aus diesen Gebieten. Es findet also weniger eine Veränderung des menschlichen Verhaltens als ein Austausch der Menschen statt.
Zweitens kommt es auch in extrem geregelten und oppressiven Machtgefügen zu diesen Taten, dann nur einerseits als Teil der Machtausübung unmenschlich gewordener Regelungen und andererseits als mehr oder weniger versteckte Racheakte an den Machtinhabern.
Drittens kommt es neben Gewaltakten auch immer zu Akten besonders erwähnenswerter Menschlichkeit in positivem Sinne, also Hilfsaktionen und Schutz.
Viertens ist es illusorisch, einen Zustand völliger Regellosigkeit zu postulieren. Auch die marodierenden Banden sind Banden, die brutal und geregelt vorgehen. Der Mensch stellt mindestens implizit Regeln auf, die er befolgt, so dass es völlige und reine Anarchie ebensowenig geben kann wie völlige Kontrolle und Freiheitsberaubung – zumindest nicht über einen Moment hinaus.
Dabei kennen wir natürlich Taten, in denen das obige nicht zutrifft, vor allem Impulstaten – auch wenn man sich streiten kann, in wie weit ein Eifersuchtsmord eventuell verinnerlichten Regularien folgt.
Aber viel mehr noch kennen wir Leute, die nur durch Gesetze und Machtgefüge davon abgehalten werden, brutale Gewalttaten auszuüben, die nur von der Strafandrohung abgeschreckt werden. Wir nennen sie Soziopathen.
Nun zu behaupten, die Mehrheit der Menschen seien Soziopathen, ist doch etwas, dass sich nicht wirklich aufrecht erhalten lässt. Dazu ist es ein für mich erschreckendes Menschenbild, denn es suggeriert ja, dass ich meinem Gegenüber nur in der Sicherheit einer kontrollierten und überwachten Umgebung zu nahe kommen sollte, dass jeder meiner Mitmenschen stets kurz davor ist, mich zu ermorden oder sich an mir zu vergehen (ha, schön wärs!), und nur von potentieller Strafe abgehalten wird, von den externen Regeln des Zusammenlebens. Wie kann man mit so einer Ansicht noch ruhig schlafen?
Ach so, was Regeln angeht, hier noch mal was: eine nette irakische Frau hat 80 Vergewaltigungen befohlen, um anschließend die Frauen zu Selbstmordattentäterinnen zu machen, weil das die einzige Möglichkeit sei, ihre Schande reinzuwaschen. Das ist Regelhaftigkeit, nicht Anarchie. (via)
Aber wahrscheinlich ist das eben einfach eine andere kulturell erworbene Ethik, der wir unsere westliche Ethik nicht entgegen setzen dürfen. Bah, Kulturrelativismus.

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