Nation

Terry Pratchett ist ein Autor, der vor allem für seine humorvollen Fantasy-Satiren der Scheibenwelt bekannt ist. Auch dort fällt er neben seinem Humor durch Intelligenz und Beobachtungsgabe auf, wenn er die moderne Gesellschaft durch den Kakao zieht. Mit Nation (dt.: Eine Insel) hat er ein Buch veröffentlicht, das zumindest annähernd in unserer Welt spielt, genauer im Pazifik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, wenn auch auf einer fiktiven Inselgruppe. Ich habe das Hörbuch angehört.

Thinking: This book contains some. Whether you try it at home is up to you.

Nation

Nation

Der junge Mao ist auf dem Heimweg von seinem Aufenthalt auf der »Insel für Jungen«, wo er den Schritt vom Kind zum Erwachsenen vollzogen hat. Da wird seine Heimat, die »Nation« von einer Flutwelle überspült. Sein ganzer Stamm ertrinkt. Aber Mao ist nicht alleine, denn gleichzeitig wird ein englisches Schiff auf die Insel gespült, auf dem nur die junge Hermintrude überlebt hat, und die nennt sich lieber Daphne.

Daphne nun muss sich in dieser Welt zurecht finden, in der mädchenhaftes Gebaren so gar nicht zu helfen scheint, aber dafür die Besuche in der Königlichen Akademie der Wissenschaften Nutzen versprechen. Und Mao sagt sich von den Göttern seiner Nation los, die es fertig brachten, jeden Menschen, den er kannte, zu ertränken. Trotzdem haben beide natürlich kulturelle Prägungen in sich, und Mao wird zum Beispiel von den »Großvätern« heimgesucht, die ihn auffordern, die »Gottesanker« wieder aufzustellen, eine Form von Altaren, die von ihrem Platz geschwemmt wurden.

Schließlich kommen auch noch weitere Überlebende der Springflut von anderen Inseln in der Nation an, und es gilt für Mao als Häuptling derselben, das Leben wieder in Schwung zu bringen – und sich vor den Kannibalen zu schützen, die sicher auch nicht ewig auf sich warten lassen werden.

Nation ist ein Jugendbuch, dass um den Wert von Mythen und Geschichten weiß, aber dennoch als höchste Tugend beschreibt, Fragen zu stellen und Antworten zu suchen. Daphnes Empirismus und Maos suchender Verstand sind die treibenden Kräfte in der Geschichte, vor denen Aberglauben nicht bestehen kann. Dabei sind diese Mythen wie gesagt nicht nutzlos, man muss nur achtgeben, dass das Wissen, das sie metaphorisch vermitteln, nicht in Vergessenheit gerät und die Metapher versehentlich für die Wahrheit gehalten wird.

Dabei bleibt Humor nicht auf der Strecke, zum Beispiel durch die Großvatervögel, die jeden Morgen Knochen und Speisereste ausspucken, um Platz für neues Essen zu schaffen, oder wenn Daphne Mao eine gezeichnete Einladung schickt, die er als »wenn die Sonne über dem letzten Baum steht, wirf einen Speer auf das große Floß« missversteht.

Nation ist ein Roman über Menschlichkeit, den Nutzen von Tricks und Geschichten und vor allem Wissensdurst, ein Loblied auf die wissenschaftliche Methode und den breiten Horizont, der Einsiedlerkrabben dazu verleitet, kein neues Haus mehr zu suchen, weil es sie zu sehr einengen würde. Freiheit – vor allem freie Gedanken – und sehr viel Spaß stecken in diesem Buch, allenfalls mit der Gefahr verbunden, dass der Leser anschließend unbedingt ein Teleskop haben will.

Empfehlenswert, aber so was von.

Comments 1

  1. avatar Patrick wrote:

    Der deutsche Übersetzer hat sich hier zu Wort gemeldet:

    http://forum.ankh-morpork.de/viewtopic.php?f=5&p=56502#p56502

    Anscheinend hat er sich von seiner eigenen Übersetzung distanziert, sodass ich jedem, der sich das zutraut, das englische Original ans Herz legen möchte.

    Posted 14 Apr 2009 at 19:37

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