Ach ja, die Christen

Dies ist Teil 4 von 4 der Serie Über Christen

Vor ein paar Wochen begann ich die Reihe über meine Mini-Umfrage unter Christen, was denn das Christsein eigentlich bedeute. Ich beschrieb in drei Teilen, was diese Umfrage für mich jeweils gezeigt hatte, und es fehlte nur noch das Fazit, das ich daraus ableitete.

Das Fazit hab ich dann vergessen (bis heute).

Eigentlich aber hat mir die Geschichte um Bischof Williamson das Fazit auch ein wenig aus der Hand genommen. Mit diesem Holocaustleugner und dem Bischof von Linz hat die katholische Kirche eindrucksvoll demonstriert, was in den nächsten vierhundert Worten noch einmal zusammengefasst wird.

Glaube ist persönlich, auch wenn man sich formal einer Religionsgemeinschaft zugehörig fühlt. Dabei ist der fundamentalistische Christ einer solchen Gemeinschaft stark verwurzelt, der moderne Christ aber, mit dem ich da gesprochen habe, sieht diese Gemeinschaft eher als Club von Gleichgesinnten, und wenn es da Missverständnisse gibt, dann tritt man eben aus der Kirche aus – oder droht es zumindest an.

Allein diese Tatsache zeigt schon, dass diese Christen nicht wirklich an das Heilsversprechen ihrer Religion glauben, denn ansonsten würden sie dem Papst gehorchen, weil sie nicht in die Hölle wollen.

Die Tatsache, dass allein der Begriff des Christen mit jeder Antwort anders gedeutet wurde, zeigt das und gleichzeitig, dass das formale Christentum – also die Religion, wie sie von ihren Anführern proklamiert wird – nicht als einheitliche Masse existiert.

Damit steht Religionskritik vor einem großen Problem, denn unter den Anhängern, die diese Kritik lesen, gibt es nur wenige, auf die diese Kritik dann jeweils vollständig zutrifft. Daher wirkt die Kritik für den religiösen Betrachter wahrscheinlich schnell wie eine unzulässige Verallgemeinerung oder auch eine Verleumdung des Glaubens, denn der Gläubige weiß ja besser, was er glaubt… oder?

Damit hat sich Religion sehr wirkungsvoll gegen Kritik immunisiert: der Vorwurf der Nichtexistenz Gottes wird durch ein Glaubensmantra abgewehrt, dass Festhalten an nicht aufrecht zu erhaltenden Ideen idealisiert; der Vorwurf einer rigiden und altertümlichen Ideologie wiederum wird abgewehrt, weil viele Anhänger der Religion diese ideologischen Elemente ignorieren, wo es ihnen passt; und der ganze Rest, dass nämlich in anderen Fällen ein blinder Glaube nicht idealisiert wird, dass sie immer noch einer Ideologie anhängen, wo es ihnen passt, das wird in einer Schublade im Hirn abgelegt, die danach nicht mehr geöffnet wird.

Damit kann man in persönlichen Gesprächen fast nur noch Religionskritik üben, nachdem man sich der jeweiligen Überzeugung des Gegenübers versichert hat, oder man wird als radikaler, gotthassender Atheis abgestempelt und verliert jegliche Glaubwürdigkeit in den Augen dieses Gegenübers.

Nimmt man dazu noch die wunderbare Tendenz von Gläubigen, sich als verfolgte Minderheit und Opfer zu stilisieren und eben gerade den Boten zu attackieren (und nicht die Botschaft), so wird eine kritische Religionsdiskussion erneut erschwert. Es bleibt eigentlich nur der Weg über entweder unpersönliche Essays, die sich mit speziellen Glaubensfragen beschäftigen, oder über Debatten, in denen universale Punkte auf der Tagesordnung stehen – wenn man unter Gläubigen Erkenntnis säen will.

Das ist frustrierend und ärgerlich, weil es die Sysiphos-Arbeit eines Religionskritikers andeutet. Allerdings kein Grund, aufzugeben. Der Fels bleibt oben. Irgendwann.

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