Geisterstunde

Dies ist Teil 3 von 5 der Serie rabbit hole day

»Du wolltest dich vor einen Zug werfen?«, fragte ich den jetzt wieder unsichtbaren Roboter.

»Ach«, sagte der Roboter. »Duzen Sie mich ruhig. Wir kennen uns ja bereits seit fünfzehn Sekunden. Mich stört das nicht.«

Ich war in einer seltsamen Welt gelandet, aber das Gespräch würde wohl noch seltsamer werden.

»Entschuldigen Sie«, sagte ich höflich. »Sie wollten sich also vor einen Zug werfen?«

»Nicht vor irgendeinen«, sagte der Roboter. »Sondern vor diesen Zug.«

»Warum?«

Der Roboter seufzte und, das musste man ihm lassen, seufzen konnte er sehr gut. »Sind Sie etwa glücklich?«

»Na ja«, sagte ich. »Zufrieden schon.«

Es gab ein Geräusch, als zerbrösele jemand Butterkekse. »Zufriedenheit ist das Leichentuch des Unglücks«, sagte der Roboter. »Lassen Sie mich raten: Sie haben ein Weblog?«

Ich fühlte mich ertappt, also sagte ich nichts.

»Wie viele Leser haben Sie?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Keine Ahnung. Hundert? Zweihundert? Fünfzig?«

»Es gibt dreihundertsechzig Millionen Internetnutzer. Sie haben zweihundert Leser und Sie sind zufrieden?« Der Roboter schnaufte. Wieso konnte ein Roboter seufzen oder schnaufen, und warum konnte er das so gut? »Weblogs sind der Bodensatz für Kreativität, der Beweis, dass jeder Mensch glaubt, er sei etwas ganz Besonderes und dabei doch nur ist wie zehn Millionen andere. Wenn Sie also einen Grund brauchen: Ich wollte mich wegen Weblogs vor den Zug werfen.«

»Das stimmt doch nicht«, warf ich ein.

»Ich bin eine Maschine, deren Gehirn um das Zwölfhundertfache schneller und genauer ist als Ihres, aber sie als Mensch sind selbstverständlich besser als ich. Der tote Roboter lügt also. Warum auch nicht?«

»Moment Mal. Sie sind tot?«

Stille.

»Können Sie mich sehen?«

»Na ja… jetzt nicht mehr.«

»Haben Sie schon oft von unsichtbaren Robotern gehört?«

»Wenn Sie so fragen: nein«, musste ich zugeben.

»Haben Sie schon von unsichtbaren Geistern gehört?«

»Natürlich. Aber ich glaube nicht an Geister.«

»Glauben Sie an unsichtbare Roboter?«

»Noch nicht«, sagte ich.

»Also«, sagte der Roboter ganz langsam, als spräche er mit Forrest Gump. »Ich bin ein Geist.«

»Aber… dann sind Sie tot?«

Stille.

»Kommen Sie von selbst drauf?«, fragte der Roboter.

»Aber wenn Sie tot sind«, sagte ich entnervt, »warum wollen Sie sich dann vor einen Zug werfen?«

»Um zu sterben.« Ich öffnete den Mund, aber bevor ich etwas sagen konnte, fuhr er fort: »Und wegen Weblogs.«

»Aber das ergibt doch keinen Sinn!«, rief ich.

»Sie haben wohl noch nicht sehr viele Weblogs gelesen«, sagte der Roboter. »Lesen Sie ihr eigenes Weblog?«

»Aber natürlich!«

»Reicht das nicht?«

»Ich meine, es ergibt keinen Sinn, dass ein toter Geist sterben will. Das ist doch… redundant oder so was. Unlogisch!«

»Vielen Dank, dass Sie mich über Logik aufklären. Es ist selbstverständlich, dass Sie, der Sie nicht nur über das Wort redundant in ihrem Wortschatz, sondern auch noch über ein Weblog verfügen, mir in diesem Punkte überlegen sind.«

Ich atmete tief ein. Ich atmete lange aus. »Wenn Sie tot sind, warum wollen Sie dann noch einmal sterben?«

»Weil es beim ersten Mal nicht geklappt hat. Ich bin immer noch hier.«

Wäre ich doch nur von der Seerose gefressen worden.

blutige Seerose

blutige Seerose

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