Eine neue Welt

Dies ist Teil 2 von 5 der Serie rabbit hole day

Der Kameramann stellte sich wieder in den Schatten, aus dem er getreten war und in dem ich ihn jetzt, obwohl ich wusste, wo er war, kaum sehen konnte. Langsam bewegte er den Kopf von links nach rechts, dann wieder zurück. Ich betrachtete ihn kurz, dann ging ich zum entfernteren Treppenaufgang. Dort floss der Bach die Treppe hinunter. An seinem Ufer wuchsen Brennesseln. Die Stufen einer Rolltreppe hatten immer schon an Zähne erinnert, aber jetzt, so schien es, wartete die Maschine nur darauf, dass ich mich auf sie stellte.

Ich entschied mich für die Treppe.

Als erstes sah ich den Mond. Er war etwa doppelt so groß wie üblich und sah mit einem gütigen Lächeln zu mir herab. Als ich seinem Blick begegnete, zwinkerte er und wirbelte dabei Mondstaub auf. Wahrscheinlich hätte ich noch lange so gestanden und den Mond angestarrt, wäre ich nicht angesprochen worden.

»Entschuldigung Sie bitte«, sagte eine Stimme, die wie eine Mischung von Samson aus der Sesamstraße und Angela Merkel klang. »Können Sie mir sagen, ob die U-Bahn schon stehen geblieben ist?«

Ich sah mich um, konnte aber niemand sehen. Vorsichthalber sah ich nach unten, falls der Sprecher sehr klein sein sollte, aber vergebens.

»Hallo?«, fragte ich.

»Ich sagte«, antwortete mir die Stimme, »›Entschuldigen Sie bitte, können Sie mir sagen, ob die U-Bahn schon stehen geblieben ist?‹.«

»Wer ist da?«, gab ich zurück.

Ich hörte ein Seufzen. Es klang, als habe man die Luft aus einem Zeppelin gelassen. »So kommen wir nicht weiter. Können Sie mich hören?«

Ich war unentschlossen. Wie sollte ich reagieren? Eine zaghafte Bestätigung schien angebracht. »Ja?«

»Können Sie mir sagen, ob die U-Bahn schon stehen geblieben ist?«

Ich verstand immer noch nicht, aber meine letzte Antwort hatte gut funktioniert. »Ja?«

Erneut der Seufzer. Dann Stille. Und dann half mir der Mond.

Der Staub nämlich, der bei seinem Zwinkern aufgestoben wurde, hatte inzwischen die Erde erreicht und ging nun über mir nieder. Der Staub ermöglichte mir doch, mein Gegenüber zu sehen. Mein Gegenüber war nämlich unsichtbar, und der Mondstaub prallte von ihm ab und enthüllte seine Gestalt. Der Staub sah aus wie Regen, der in eine Pfütze fällt. Mein Gegenüber sah aus wie–

An dieser Stelle muss ich kurz einwerfen, dass ich durchaus auch schon an meinem eigenen Verstand gezweifelt habe, nach eingehender innerer Betrachtung aber zu dem Schluss gekommen bin, dass alles, was ich erlebt habe, wirklich geschah. So unglaublich es also klingen mag, bin ich doch der Wahrheit verpflichtet und werde nichts beschönigen, selbst wenn es meiner Glaubwürdigkeit helfen würde.

Mein Gegenüber also sah aus wie ein Roboter. Wie ein ziemlich trauriger Roboter noch dazu. Wie ein ziemlich trauriger, unsichtbarer Roboter, der von Mondstaub sichtbar gemacht wurde.

Mir fiel auf, dass wir beide seit einiger Zeit schwiegen. Also räusperte ich mich verlegen. »Äh. Warum wollen Sie denn wissen, ob die U-Bahn schon stehen geblieben ist?«

Der letzte Mondstaub fiel zu Boden. Der Roboter wurde unsichtbar. Erst jetzt antwortete er mir. »Ich wollte mich vor den Zug werfen.«

Was auch sonst?

Mein Gegenüber

Mein Gegenüber

Series NavigationDurch den U-Bahn-TunnelGeisterstunde

Post a Comment

Your email is never published nor shared. Required fields are marked *