Ein Loch in der Wand

Ich muss hier mal meine Faszination für Wissenschaft ausleben. Im Podcast Thinking Allowed der BBC habe ich gerade von dem Projekt Hole in the Wall erfahren. Dabei wurden Computer in Mauern eingelassen, sodass nur das Keyboard und der Bildschirm verfügbar waren, und zwar in indischen Slumgegenden.

Dann hat man beobachtet, was Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren damit anfangen.

Kinder vor Wandcomputer

Kinder vor Wandcomputer

Die Resultate waren erstaunlich. In kurzer Zeit erarbeiteten sich die Kinder ohne Hilfe von außen die Möglichkeiten der Computer. Folgendes wurde dabei festgestellt:

In der Regel begannen die Kinder damit, im Internet zu browsen. Dann entdeckten sie MS Paint und, weil sie zuhause keine Stifte und Papier hatten, machten dies zum meistgenutzten Programm. Darüber lernten sie auch, zu speichern, Fenstergrößen zu verändern, usw. Diese Erkenntnisse wurden dann auf andere Programme angewandt, bis alles gekonnt wurde. Schullehrer erzählten von Fortschritten bei Mathematik, Wissenschaften und auch in den Sprachen. Wieso? Nach etwa drei Monaten entdeckten die Kinder Google, und, in den Worten des leitenden Wissenschaftlers Sugata Mitra, alles änderte sich, die ganze Welt änderte sich für die Kids. Google diente als Bildungsmedium.

Wer arbeitete daran? Zuerst die großen Raufbolde, die den Computer erzwingen, aber schnell Interesse verlieren. Dann kommen die kleinen Hacker und fangen an, den anderen Kindern die Sachen zu erklären – hierbei hat jeder »Lehrer« sein Spezialgebiet: einer für Paint, einer fürs Internet usw. Meistens sind es dann Mädchen, die eine Art Leitung bilden und dafür sorgen, dass jeder gleichmäßig Zugang zum Computer hat. Eine richtige funktionierende Mini-Gesellschaft.

Das war Mitra aber nicht genug. Er wollte jetzt zeigen, dass man doch nicht alles lernen könnte. Also installierte er für tamilische Kinder (in indischen, tsunamigeschädigten Slums) englischsprachige Programme über Biotechnik und erzählte den Kindern, er habe etwas Schweres auf den Computer gespielt, ob sie sich das mal ansehen würden.

Zwei Monate später fragte er, was die Kinder verstanden hätten. Nichts, war die Antwort, wie erwartet. Wie oft sie sich damit beschäftigt hätten? Jeden Tag. Wieso denn das, wenn sie doch nichts verstünden? Na ja, sagte ein Mädchen, außer der Tatsache, dass inkorrekte Replikation von DNA-Molekülen zu Erbkrankheiten führte, hätten sie nichts verstanden.

Die Ursache war, dass die Kinder einen Wettbewerb daraus gemacht hatten, wer am meisten verstehen könnte. Mitra ließ die Kids also einen offiziellen Test schreiben, der diese Themen beinhaltete, und sie beantworteten tatsächlich 30% der Fragen richtig. Im nächsten Schritt ließ er eine junge Frau, die keine Ahnung von der Materie hatte, die Kinder nur regelmäßig loben. Nach weiteren zwei Monaten ein erneuter Test: 75%. Zehnjährige Kinder, die nur tamilisch und vielleicht indisch sprechen, lernen aus einem englischen Programm über Biotechnologie genug, um 75% eines Tests zu beantworten.

Großartig, die Lernfähigkeit des Menschen auf die Probe gestellt. Gleichzeitig ein Zeichen dafür, dass arm eben nicht dumm heißt, dass der Zugang zu Bildung (und Essen) entscheidend ist und auch eine Studie sozialen Verhaltens.

Wissenschaft rockt!

Comments 1

  1. avatar Philipp wrote:

    Das finde ich tatsächlich extrem faszinierend. Bestätigt aber mein positivistisches Menschenbild. Was aber wichtig ist, dass diese Art der Selbstedukation frei von jeglichen politischen oder wirttschaftlichen Interessen bleibt. Soll heißen: dass da jetzt nicht irgendein Konzern festlegt, wessen Software da jetzt genutzt wird, da darüber ja auch Inhalte festgelegt werden können, bzw. Regierungen festlegen, welche Inhalte genutzt werden usw.
    Aber wie gesagt: ich finds beeindruckend.

    Posted 02 Feb 2009 at 08:21

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