Die U 17 blieb stehen. Mitten im Tunnel. Und sie stand. Bestimmt eine Viertelstunde. Gemurmel der Gäste wurde zu Geraune, dann Gemecker. Unsicherheit wurde spürbar. Ich fand die Situation eher spannend. Wann passiert schon mal was? Dann die Durchsage.
Verehrte Fargäste, steigen Sie bitte auf der linken Seite aus und gehen in Fahrtrichtung zum nächsten Bahnsteig.
Hätte ich doch nur darauf gehört.
Stattdessen stieg ich als einer der letzten aus und sah zu, wie sich die anderen aufmachten. Ich wollte auf eigene Faust im Tunnelnetz herumspuken. Also ging ich in die andere Richtung.
Der Tunnel war beleuchtet und für den Winter merkwürdig warm. Wahrscheinlich hatte das was mit Lüftung zu tun. Während der Fahrt bekommt man kaum mit, dass die Tunnel nicht gerade sind sondern gekrümmt. Sind sie aber. Am Rand des Tunnels war ein schmaler Fußweg, und ich würde einem entgegenkommenden Zug schon ausweichen können.
Mir kam aber etwas anderes entgegen. Weit vor mir fielen plötzlich die letzten Lichter aus, die ich sehen konnte. Dann, kaum einen Moment später, die Lichter einen Schritt näher. Noch einen näher. Ich konnte nur zuschauen, so schnell wälzte sich die Welle der Lichtausfälle auf mich zu, und als über mir die Lichter erloschen, erloschen sie auch im Rest des Tunnels. Es war finster.
Ich verhehle nicht, dass ich nun doch etwas Angst hatte. Aber es half nichts. Vorsichtig tastete ich mich auf dem Fußweg vor, bis ich endlich einen Bahnsteig erreichte. Ich merkte es gleich an der Luftveränderung, und dann stießen meine Füße an eine Treppe. Die Stufen waren weich und meine Schritte leise. Ich hörte ein Plätschern. Jetzt konnte ich auch Licht ausmachen, ganz fahl, es fiel den Aufgang hinunter in den Bahnsteig. Silbriges Licht. Mondlicht. War ich so lange unten gewesen?
Im Schein dieses Lichtes sah ich Schatten an den Wänden und den Säulen, als ob der Stein Risse aufwies und der Mörtel gebröckelt war. Die Anzeigetafel sah aus, als sei sie mit Ranken überwachsen, und aus den Rillen zwischen den Bodenplatten wuchs Moos. Ich beugte mich herab. Es war Moos! Und die Tafel war von Ranken überwachsen! So lange war ich bestimmt nicht im Tunnel gewesen.
Ich stieg also die Treppe hinauf – der Rolltreppe vertraute ich aus nahegelegenen Gründen nicht – und kam in die Zwischenetage. Hier war es schon ein wenig heller, was aber nicht beruhigte. Durch die Zwischenetage lief ein schmaler Bach; er lief den einen Aufgang an die Oberfläche hinab und sammelte sich an dem anderen zu einem Tümpel. Auf dem Tümpel schwammen Seerosen, die im Mondlicht schimmerten. Ich trat näher.
Plötzlich griff mich eine Hand von hinten an der Schulter. Ich sah eine Kreatur, die wie ein Mann aussah, aber den Kopf einer Videokamera hatte. Der Mann schüttelte stumm die Kamera, dann fokussierte sich die Linse auf eine Stelle vor mir. Dort lag ein Strang der Seerosen versteckt im feuchten Moos der Zwischenetage. Jetzt erkannte ich auch, dass es die Zähne der Seerosen waren, die im Licht schimmerten.
Wo war ich nur gelandet?


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