Ich hatte für ein Seminar das mindestens zweifelhafte Vergnügen, sowohl Bejanmin Leberts Debütroman Crazy als auch die Verfilmung desselben zu betrachten. Dabei wurde ich überrascht, hätte ich doch nie gedacht, dass der Film schlechter sein könnte als das Buch. Ist er aber. Da dieser Beitrag sowohl Film als auch Buch behandelt, ist er sehr lang. Nur zur Vorwarnung.

Crazy heißt, kopfüber zu sein
»Literatur ist, wenn du ein Buch liest und unter jeden Satz ein Häkchen setzen könntest – weil es eben stimmt”
Crazy ist nicht nur Literatur, sondern Popliteratur. Wer etwas davon versteht, weiß, dass sich dahinter Bücher verbergen, die in der Masse weder besonders gut geschrieben sind noch eine tiefere Bewandnis haben. Sie sind einfach nur da, und die Frage, warum ich als Leser mir die Zeit nehmen sollte, sie zu lesen, wird allenfalls mit einem coolen Blick beantwortet. In Crazy erfahren wir also, dass Sechzehnjährige viele pseudo-existenzialistischen Phrasen dreschen, sich für Helden halten und geil auf Mädchen sind. Und weil es Popliteratur ist, darf auch »ficken« geschrieben werden, das ist dann subversiv oder gegen irgendwas.
Das Buch ist in etwa so, wie man es sich von einem biografischen Roman erwartet, der von einem Sechzehnjährigen geschrieben wurde, und natürlich unter der Maßgabe des Lebensweltbezugs darum auch sofort Schulliteratur geworden. Das Buch erzählt von der Freundschaft von sechs mehr oder weniger Außenseitern, die gemeinsam Spaß haben, rauchen, saufen, ficken (natürlich), ein Striplokal besuchen und herumphilosophieren.
Die Zeit im Internat ist dabei nicht auf eine bestimmte Geschichte hin ausgelegt, noch kann man sie wirklich episodisch nennen. Vielmehr fängt sie an, und dann hört sie auf. Dazwischen passieren Dinge. Die Struktur gehorcht wahrscheinlich den wahren Ereignissen, aber das kümmert mich als Leser nicht so sehr, denn ich möchte eine gute Geschichte haben, und wenn die nicht den bewährten Erzählmustern folgt, darin eine bewusste Entscheidung erkennen können.
Einen Vorteil hat das Buch allerdings, es ist eine Freundschaftsgeschichte aus der Sicht von Jungs, in der Mädchen absolut rätselhaft und verschlüsselt bleiben und man nie erfährt, warum sie mit einem schlafen oder auch nicht. Mädchen sind da, sie sind extrem reizvoll, und sie sind undurchschaubar. Diesen einen Vorteil hat der Film dann natürlich entwertet.

Crazy ist, wer kopfüber schwimmt
Dafür wurde die Geschichte umstrukturiert, sodass die Entjungferung nicht gleich zu Beginn passiert, sondern den Höhepunkt in Benjamins Erwachsenwerden darstellt. Leider ist die Geschichte keine, die sich diesen Höhepunkt verdient, sodass er immer noch recht zufällig wirkt. Benjamins Freunde verlieren mit Ausnahme von seinem besten Freund Janosch an Tiefe und Wichtigkeit, dafür gibt es vorher nicht vorhandene Einstandsrituale und einen größeren Einblick in Benjamins Familienleben. Seine Schwester, im Buch lesbisch und langhaarig, hat nun eine Kurzhaarfrisur, womit ihre sexuelle Vorliebe anscheinend feststeht.
Die banalsten Philosphierereien fehlen im Film zum Glück, dafür gibt es den unsäglichen Nebenplot mit Benjamins auseinanderfallenden Familie und man macht Benjamin von jemandem, der seine Mutter braucht, aber seinen Vater bewundert und am Ende zu ihm zieht, zu einem weinenden Muttersöhnchen. Es gelingt so tatsächlich, aber auch wirklich jede einzelne Rolle zu einer undankbaren Rolle zu machen. Das ist wahrscheinlich auch eine Leistung. Wenn dann noch die meisten Jugendlichen mit merklichen Laien besetzt werden, denen man ihre Unerfahrenheit ansieht, können sie ihre Rollen auch nicht überkommen.
Es ist vielleicht bezeichnend, dass der Film die besten Momente des Buches nicht übernimmt – eine waghalsige Kletterpartie in den Mädchentrakt zu einer Pyjama-Party und der alte Internatsschüler, den sie auf dem Weg ins Striplokal treffen – und dafür den vier Nebenkumpels eine Band zuteilt, in der sie bei einer Scheunenparty spielen können, damit wir eine lange Szene bekommen, die mit schlechter Musik gefüllt wird, wohl weil es sich eben um Popliteratur handelt und Pop ja Musik ist.
Überhaupt: wir sehen z.B. einen Moment aus dem Sportunterricht, wo Benjamin mit seiner Halbseitenlähmung über einen Kasten springen muss. Es gelingt ihm (mit Hilfe), und der Lehrer lobt ihn dafür. Was soll diese Szene? Sie ist absolut unmotiviert und sinnlos, es sei denn, man möchte weiten Jogginghosen den ihnen zustehenden Platz im Film einräumen. Diese Szene fehlt auch im Buch, irgendjemand muss sich also gedacht haben, sie sei eine gute Idee.
Crazy ist als Buch banal, nicht besonders gut geschrieben, aber wenigstens wie das Leben und tatsächlich aus der Sicht eines Sechzehnjährigen geschrieben. Das kann der Film nicht von sich behaupten.
»Ich glaube, in Schottland sieht es aus, wie es im Himmel aussehen muß.«
»Warum das?« frage ich.
»Na ja – es gibt viele Pflanzen.«
Sechzehn eben.

Comments 2
Hey Kollege. Wie siehts aus, würdest Du eine Atheisten-Kampagne unterstützen indem wir einfach die aktuelle britische Atheisten-Bus-Kampagne auf Deutschland ausweiten. Bitte mach mit! Die Gelegenheit ist gerade supergünstig!!!
Posted 11 Jan 2009 at 13:17 ¶Mach mit wie? Soll ich einen Bus bekleben?
http://www.atheistbus.org.uk/were-big-in-germany/
Werde meinen nächsten Blogeintrag dem Thema widmen, so viel verspreche ich jetzt einfach mal. Der Rest kann warten.
Trackback hierhin? http://blog.dignitatis.com/wordpress/?p=410
Posted 12 Jan 2009 at 14:06 ¶Post a Comment