Brügge sehen… und sterben?

Ray (Colin Farrell) ist ein Killer, der ein Kind erschossen hat – versehentlich. Obendrein ist er unsicher, unruhig und ein wenig kindlich-naiv. Ken (Brendan Gleeson) ist sein Mentor. Ken ist gelassen und ruhig. Beide werden von ihrem Auftraggeber Harry (Ralph Fiennes) nach Brügge geschickt, um dort unterzutauchen und weitere Anweisungen abzuwarten. Ray hält Brügge für ein Dreckloch, Ken gefällt das mittelalterliche Flair. Und dann sind da noch ein Zwerg (Jordan Prentice), Chloe (Clémence Poésy) und Hieronymus Bosch.

Und ein ganz, ganz schlechter Trailer.

In Bruges (2008)

In Bruges (2008)

Dem Trailer nach zu urteilen nämlich ist Brügge sehen… und sterben? (Brügge) ein Danny-Boyle-Thriller mit schnellen Cuts, schrägen Typen und noch schrägeren Situationen. Stattdessen aber finden wir eine klassische, ruhige Kameraführung und… na ja, schräge Typen gibts trotzdem, aber nicht so extrem wie bei Boyle.

Charakteristisch ist vielleicht die Szene, in der Ray und Ken auf einem Kinderkarussel sitzen. Ray beschwert sich über seinen Tag: »Ich versuche mich umzubringen, mein bester Freund versucht mich umzubringen, man nimmt mir meine Knarre weg – und obendrein bin ich immer noch in Brügge!«

Brügge ist kein Actionfilm, Brügge ist keine Komödie (wenn auch eher letzteres als ersteres), und Brügge ist auch keine Erörterung von Gut und Böse, kein Sinnbild des Fegefeuers als Zwischenstation vor Himmel oder Hölle – obwohl das alles mit im Spiel ist. Das Ergebnis jedenfalls ist eigentlich klar und wird auch bildlich immer wieder angedeutet und vorweggenommen.

Dabei ist die Krassheit von vor allem Dialogen und teilweise auch Szenen keine Quelle von Humor, sondern für mich ein absurdes Element, um die Stadt Brügge und die Figuren von der Realität zu entfernen. Ray ist fasziniert von Liliputanern und ihrer Neigung, sich umzubringen, und zwar in einer rein kindlichen Art und Weise. Ken wiederum besucht Kirchen, berührt Jesu’ Blut, betrachtet Bilder von Bosch und gibt doch vor, ungläubig zu sein. Und zwischen den Unterhaltungen oder Symbolen von Schuld und Sühne sind eingesprengselte Szenen von absurdem Humor, Brutalität und vor allem der Überschreitung politischer Korrektheit – wie oft da jemand als Schwuler beleidigt wurde, wollte ich nicht zählen.

Trotzdem, wenn man Brügge tatsächlich als der Realität entrückt sieht – und hier ist der größte Unterschied zu Boyles eher hyperrealistischen Filmen – macht es Spaß. Der Männlichkeitsritus ist vielleicht etwas zu weit getrieben, die offensichtlicheren Witze sind nicht witzig, aber die Situationen und auch die meinetwegen eindimensionalen Figuren entbehren nicht der Komik, und weil Regisseur und Autor Martin McDonagh den Film nicht überfrachtet und größer machen will, als er ist, klappt es irgendwie.

Das ist keine rückhaltlose Empfehlung, dazu trägt der Film seinen Symbolismus und seine Vorausdeutungen zu offen zur Schau und ist sein Humor eben zu unkomisch. Aber eine Empfehlung soll es trotzdem sein, denn Farrell verkörpert Ray wirklich toll und mit Blicken und Bewegungen, die diesen Unsympathen ansehnlich machen, das Ehrengelaber der englischen Mafia wird durch Gleeson und den ebenfalls tollen Fiennes aufgewertet und die Stereotype der Figuren fallen wenigstens nicht schon beim Zusehen auf (hallo, Tropic Thunder).

Brügge ist ein mittelmäßiger Film, der es schafft, wie ein guter auszusehen, und auch das ist schon mal was.

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