Steffen war richtig sauer. Tommy hatte viel bessere Spielzeuge als er. Natürlich war Tommy auch zwei Jahre älter, aber musste Steffen darum nur die alten Spielsachen seines Bruders kriegen? Die Autos waren zerkratzt, und Ken hatte keine Hose mehr. Und immer, wenn Steffen doch mal ein neues Spielzeug bekam, nahm Tommy es ihm weg.
Das würde jetzt ein Ende haben.
Steffen hatte sich gut vorbereitet. Er hatte seinen Playmobilfiguren die Haare abgenommen und sie vor der Tür zum Badezimmer verstreut, und dahinter hatte er Ritter Lancelot ohne Lanze (Steffen nannte ihn »Ritter Lanzenlos«) auf seinem dreibeinigen Pferd positioniert. Tommy war gerade fertig mit dem Duschen, jetzt würde er gleich rauskommen. Steffen lauerte direkt hinter der angelehnten Tür zu seinem Zimmer.
»Au!«, rief Tommy, als er auf die ersten Haarteile trat. »Au, au.« Dann: »Steffen! Na warte.« Steffen lugte aus der Tür und sah Tommy mit dem Fuß ausholen und fest gegen Ritter Lanzenlos treten.
»Mama!« schrie Steffen sofort. »Tommy tritt meine Spielsachen!«
»Lügner!«, brüllte Tommy zurück. »Steffen hat angefangen!«
»Gar nicht!«
Tommy rannte los und drückte vor die Tür zu Steffens Zimmer. Steffen stemmte sich dagegen, aber sein Bruder war einfach zu stark. Tommy stürzte ins Zimmer und packte das erste Spielzeug, das er finden konnte: Ken ohne Hose. Er riss ihm den Kopf ab.
»Das wirst du büßen«, rief Steffen. Er wollte sich auf seinen Bruder stürzen, aber Tommy war einfach zu stark. Tommy drückte Steffen zu Boden und setzte sich auf ihn. Mit seinen Beinen setzte er sich auf Steffens Arme.
Endlich kam Mutter ins Zimmer. Steffen heulte. »Mama, hilf mir.«
»Lass deinen Bruder los«, bat Mutter.
Tommy schüttelte den Kopf. »Die Bedingungen sind dafür nicht richtig.«
Oder so. Mit der Genauigkeit einer abgelaufenen Garantie ist im Nahen Osten das Feuerwerk zum Jahreswechsel mal wieder missverstanden wurden. Nicht mal ein 48-stündiger Waffenstillstand konnte erreicht werden, geschweige denn ein längerer Friedensvertrag. Dieser Konflikt ist eine Schande für alle Ansprüche, die die internationale Gemeinschaft an sich stellt, denn seine Lösung ist offensichtlich und trotzdem unerreichbar.
Dabei spielen die beiden Parteien eine gleichsam schwache Rolle. Israel hält seine Gegenspieler so klein wie möglich und wagt es nicht, fanatischen Besetzern, die sich als Siedler missverstehen, Einhalt zu gebieten. Palästina wiederum schießt gerne Raketen rüber, um dann nach dem folgenden Gegenschlag Entrüstung zu zeigen, dass die Unschuldigen sterben, die sie selbst erst ins Fadenkreuz gestellt haben.
Und natürlich sehen beide das Land als heilig an. Einerseits kann man sicher sagen, dass die Ursprünge des Nahostkonfliktes eine weitere Kerbe im völlig vernarbten Holz der Religionen sind, aber nur dadurch lässt es sich nicht mehr erklären. Politisches Kalkül spielt ebenso eine Rolle wie der Ruf nach Vergeltung und alles, was bei verhärteten Fronten sonst noch zu erwarten ist. Zwei Nationen in dem Gebiet zu schaffen scheint unmöglich, wenn selbst kurze Waffenstillstände nicht als Chance für längere Abkommen genutzt werden können.
Und wo die Teilnehmer kindisch sind (oder vielleicht sogar dankbar für die Ablenkung), stellt sich der Rest der Welt als ziemlich hilflos heraus. In der UN wird Gerüchten zufolge an einer Collage für den Frieden gebastelt. Hurra.

Post a Comment