In einem früheren Beitrag habe ich meine Abneigung gegen einen Spruch dargelegt. Der Spruch: »Wer heilt, hat Recht.« Darin bemängele ich unter anderem, dass Ärzte einen mündigen Patienten nicht anlügen sollen, und dass dies einer Gründe ist, warum ich dagegen bin, bewusst Hokuspokus zu verabreichen.
Ein skeptischer Bekannter stimmte nicht zu.
Schließlich, so er, richte ein solcher Hokuspokus keinen direkten Schaden an, und es gebe Situationen, in denen eine Lüge angebracht sei. Sein Beispiel war das seiner Freundin, die als Ärztin im Gefängnis viele Patientin mit angeblichen Schlafstörungen hatte.
Nun wissen wir alle, dass Knackis lügen und Schlaftabletten brauchen, um damit zu dealen, um Selbstmordversuche zu begehen oder um sie auf dem Schwarzmarkt gegen eine Feile und verknotete Bettdecken zu tauschen. Jedenfalls kam die Ärztin zu dem Schluss, dass sie nicht einfach Schlafmittel verschreiben könne. Also tat sie das Naheliegende: sie belog die Patienten.
Am Unterarm, so erzählte sie also meinem Bekannten zufolge, gebe es eine Stelle, und wenn man diese drücke, dann könne man gut einschlafen.
Das ist respektlos und m.E. auch ethisch fragwürdig. Versetzen wir uns in die Lage eines Gefangenen. Gehen wir davon aus, dass die Methode wirkt. Wir drücken unseren Unterarm und können besser einschlafen. Toll!
Jetzt erzählt mir einer was von Akkupressur. Da werde Lebensenergie manipuliert, und durch Druck auf bestimmte Stellen können Beschwerden und Krankheiten geheilt werden. Oder Akkupunktur, mit Nadeln. Klar, das gibt es bestimmt, das hab ich ja selbst erfahren. Meine Wunderschlafstelle steht ja auch in keinem Medizinbuch, aber sie funktioniert. Die wissen eben auch nicht alles.
Oder mein Zellengenosse hat einen Arzt zum Bruder. Plötzlich lacht der mich aus, weil ich an solchen Hokuspokus glaube. Ich bekomme Zweifel, und die Stelle wirkt nicht mehr. Jetzt ist klar: die Ärztin hat mich belogen. Der werd ich noch was von meinen Erektionsproblemen erzählen, von wegen. Und überhaupt, was die mir sagt und gibt, ist eh alles Mist. Ärzten kann man nicht trauen.
Damit hat diese vermeintlich harmlose Lüge das Potential, den Empfänger in die Paramedizin zu treiben oder aber den Placeboeffekt von evidenzbasierter Medizin (sowie den Umgang zwischen Arzt und Patient) zu verschlechtern, und zwar über die Tatsache hinaus, dass man einer erwachsenen Person nicht zutraut, die Wahrheit zu erleben. Eine Alternative:
Es tut mir leid, aber ich kann diese Störungen nicht medikamentös behandeln. Stattdessen verrate ich Ihnen einen Trick. Sie müssen sich entspannen. Dazu kann es helfen, wenn sie sich zum Beispiel hier auf den Unterarm drücken und auf diesen Druck konzentrieren. Damit tricksen sie ihr Gehirn aus. Das hilft.
Es ist die Aufgabe von Ärzten, die bestmögliche Behandlungsmethode zu finden und dem Patienten vorzustellen. Es ist NICHT ihre Aufgabe, über den Patienten hinweg zu entscheiden, was wie zu tun ist. Wir leben nicht mehr in den Fünfzigern, die Halbgötter in Weiß sind sterblich und fehlbar, und Risiken sowie Vorzüge (k)einer Behandlung sind offenzulegen.
Der echte Grund wird dem Empfänger nicht gefallen? Da muss er durch. Vielleicht wäre man auch ohne Lügen in den Irak einmarschiert. Vielleicht kann man auch ohne Lügen einschlafen.

Comments 2
Deiner Argumentation kann ich so vollauf zustimmen. Das Grundproblem ist der freie Willen, den ich dem Patienten damit entziehe. Das hat zwar Tradition in der Medizin, hat aber mit einem heutigen Verständnis von einem partnerschaftlichen Arzt-Patient-Verhältnis nix mehr zu tun. Bei einem Gefängnisinsassen kann sich aber die Frage aufdrängen: muss man hier den freien Willen noch respektieren? Ich finde zwar schon, aber diese Diskussion könnte sich aufdrängen.
Posted 27 Jan 2009 at 18:06 ¶BTW: schön das mein Post letzte Woche nicht ganz so schlimm war, wie ich gefürchtet hatte, nach einer Flasche Rotwein
Gruß
Philipp
Hmm… würde lieber Entscheidungsfreiheit sagen, weil das mit dem freien Willen ja so eine Sache ist. Wenn wir den eh nicht haben…
Natürlich haben Gefängnisinsassen eine begrenztere Freiheit als Uninhaftierte (auch wenn die Freiheit nie wirklich unbegrenzt ist). Und es gibt auch Situationen, in denen die medizinische Entscheidungsfreheit begrenzt ist; man kann in einem Notfall z.B. nicht warten, bis ich aus einer Ohnmacht aufwache oder so was.
Aber ansonsten… siehe oben.
Posted 27 Jan 2009 at 18:17 ¶Post a Comment