Liebe Kinder! Eines Tages werdet ihr die Wahrheit über den Weihnachtsmann erfahren. Denkt an diesem Tag an all das, was eure Eltern euch über Gott erzählt haben.
Dieser Spruch ist aus dem Internet geklaut und zugegebenermaßen provokant, passt aber als Aufhänger zu schön, um nicht benutzt zu werden.
In den USA tobt der Kampf um Weihnachten mit Schilderstreit und Buskampagnen, und hat auch seine Auswirkungen auf den Kontinent. In England hat, wie Spiegel Online berichtet, eine Grundschullehrerin ihre Stelle eingebüßt, weil sie den Kindern erzählte, dass es keinen Weihnachtsmann gibt. SpOn zitiert »aufgebrachte Eltern«:
“Er war am Boden zerstört, er ist erst sieben, und das ist für ihn Teil des Zaubers von Weihnachten.”
Mein Mitgefühl hält sich in Grenzen (siehe aber den letzten Absatz). Es gibt nun mal keinen Weihnachtsmann, und von der Schule zu verlangen, den Kindern eine Lüge zu vermitteln, finde ich schwierig. Ich sehe ein, dass man Kindern nicht immer alles erzählen kann – dann sollten aber Lügen und Auslassungen geschehen, um die Kinder zu schützen oder ihren kognitiven Fähigkeiten gerecht zu werden. Davon kann hier keine Rede sein.
Ich tue mich auch schwer, das als kulturell tradierte Erzählung zu bezeichnen, die vielleicht geschützt werden müsse – in meiner Kindheit kam noch das Christkind und nicht der Cola-Mann, um Geschenke zu bringen. Ich sehe auch fast nur Vorteile in der Wahrheit: Eltern können vermitteln, warum manche Geschenke nicht mögich sind, warum das Geschenk die falsche Farbe hat oder auch, warum es keine Geschenke gibt, anstatt sich für die Kinder in Unkosten zu stürzen, die sie noch lange zu spüren bekommen.
Die Geschichte mit dem Weihnachtsmann (oder dem schenkenden Christkind) ist schließlich eine Lüge. Wir belügen Kinder mit einer idiotischen Geschichte, die auch keinerlei wirklichen Zauber beinhaltet und mögliche andere Deutungen ausschließt. Denn der Weihnachtsmann kommt ja zu den lieben Kindern, die bösen kriegen weniger oder nichts. Herrlich, so eine schöne, auf Familie, Liebe, Zusammengehörigkeitsgefühl und Großzügigkeit aufbauende Geschichte, die besagt, dass der kleine Tim deshalb kein Pony kriegt, weil er nicht lieb genug war. Selbst schuld. Zauberhaft.
Darum finde ich es ebenso in Ordnung, wenn man den Kindern in der Schule sagt, dass es keinen Weihnachtsmann gibt, wie dass sie vom Affen abstammen, dass Kinder nicht vom Storch gebracht werden1, dass der Mond nicht aus Käse ist und Papa nicht nur Zigaretten holen.
Allenfalls könnte man argumentieren, dass es der Erziehung der Eltern überlassen ist, wie sie mit Weihnachten umgehen, und dass die Lehrerin sich da raushalten solle. Aber das geht ja nicht, denn natürlich ist das in der Grundschule ein Thema. Und es gibt Eltern, die ihren Kindern vielleicht noch vom Christkind erzählen, anderen sagen die Wahrheit, wieder andere gehören anderen Religionen an und sehen Weihnachten insgesamt entweder als kein Fest oder ein kulturelles Fest – wie soll eine Lehrerin allen Gesichtspunkten gerecht werden, ohne sie alle zu unterstützen oder zu erwähnen? Die einzige andere Möglichkeit ist, dass sie die Wahrheit sagt – damit fährt man immer gut.
- hier muss es in der Grundschule keine detaillierte Erklärung geben [↩]

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