Hart aber Faaaaaaah!

Thema der heutigen Sendung von Hart aber Fair war der Nutzen von sogenannter Alternativer Medizin. Und das war wirklich eine Studie an nervenaufreibendem Unsinn.

Da gab es Sätze wie: “Wenn der Tumor rausoperiert wird, hat der Körper schon mal eine große Belastung verloren.” oder: “Warum haben wir noch kein Heilmittel gegen Krebs?”

Zu Gast war u.a. Barbara Rütting, eine Grünenpolitikerin, die im Landtag sitzt und völlig daneben ist (sie fragte nach einem Krebsheilmittel). Aber auch Jürgen Fliege war da, der auf seiner Webseite Schmuh verkauft und sich dafür nicht schämt, aber glaubt, das Metallrohr mit energetisiertem Granderwasser habe erwiesene Wirksamkeit. Und eine Schulmedizinerin, die ihre Patienten lehrt, zu ihren Schutzengeln zu beten und die sogar den Wunderheilern auf den Philippinen aufgesessen ist, die schon zig mal und vor Jahrzehnten als Zaubertrickser entlarvt worden sind.

Natürlich gab es die alten abgenudelten Sätze wie: “Tiere haben keinen Placebo-Effekt” (doch!), es wurde mit nicht nachprüfbaren Einzelfällen argumentiert und im Studio vom Wunderheiler des 1. FC Köln (!) eine Behandlung an einer erkälteten Frau durchgeführt, deren Erfolg sich in der Frage “Wie fühlen Sie sich” erübrigte. Weil das so eine schöne wissenschaftliche Messgröße ist. Der Wunderheiler, darauf angesprochen, dass Ohrenärzte seine Behandlung für infektionsgefährend hielten: “Man muss nicht immer alles glauben, was Ärzte sagen.”

Als einer der beiden Skeptiker, Beda Stadler, es nicht mehr aushielt, stellte er zurecht fest: “Hier fehlen nur noch Uri Geller und Nina Hagen.” Tatsächlich wurde es immer absurder.

Die Sendung begann mit Homöopathie, einer Methode, die wir eigentlich endlich abhaken könnten (interner Link). Dann kam die Kiste mit der deutschen Akupunktur-Studie, die noch ohne die Pseudo-Akupunkturnadeln der neueren Zeit durchgeführt wurde. Dabei war trotzdem eine Akupunktur an den falschen Stellen ebenso erfolgreich wie an den “richtigen” (die es nicht gibt). Problem: die Behandlung mit Schmerzmitteln war weniger erfolgreich in dieser Studie über Rückenschmerzen. Diese Schmerzen wurden von den Patienten auf einer Skala eingeschätzt, also war die Messung einer subjektiven und ungenauen Einschätzung gegenüber offen.

Wie ich damals in meinem Podcast bereits festgehalten habe, war die Belohnung für die Teilnahme an der Studie eine Akupunkturreihe von 6 Sitzungen. Das bedeutet, alle Teilnehmer wurden mit Akupunktur belohnt. Gleichzeitig wussten die Pillenschlucker, dass sie nicht mit Akupunktur behandelt wurden. Dass also Teilnehmer, die gerne an der Akupunktur teilnehmen würden (und darum mitmachen), vielleicht die Wirkung von Pillen schlechter einschätzen, ist nicht verwunderlich. Wenn sie nicht wussten, in welcher Gruppe sie waren (bei falscher und “echter” Akupunktur), waren die Gruppen gleich gut.

Diese Informationen habe ich auch der Hart-Aber-Fair-Redaktion gemailt, aber die hat dann lieber nur von den vielen Menschen und Tieren erzählt, denen durch sogenannte alternative Medizin geholfen wurde.

Übrigens kam nach der Akupunktur dann die Sache mit dem Wunderheiler, der ohne Instrumente in den Körper griff und sogar “unter Anleitung” dasselbe Frau Fuckert ermöglichte (also darauf achtend, dass der Trick auch funktioniert). Dann sagte Herr Fliege, auch ein Skalpell sei ein Placebo. Dann gab es eine traurige Anekdote von einem Heilerfolg, dann erfuhren wir, dass Frau Fuckert zu Schutzengeln betet. Frau Rütting von den Grünen plädierte dann für die Heilkunst der Hildegard von Bingen, die diese nicht entdeckt, sondern eingegeben bekommen habe. Dann sah man die vielen Unsinnsmittel auf Flieges Webseite, u.a. Ayurveda und energetisiertes Wasser – woraufhin sich Fliege als Granderwassernutzer entpuppte, der die Wirksamkeit tatsächlich dadurch bestätigt sah, dass seine Frau weniger Waschmittel benötigte und sein Klempner auch glaube, dass es wirkt.

Zu diesem Zeitpunkt dann legte Herr Stadler lachend den Kopf in die Hände. Mir ging es da ähnlich: da ist wirklich alles verloren. Schade.

Nachtrag nach etwas Bedenkzeit
Es war der übliche Austausch von Meinungen und man sah, wie zwei Sichtweisen aufeinanderprallten: die emotionale Wahrheit der Einzelfälle und die wissenschaftliche Wahrheit der Studien und Naturgesetze. Leider hat letztere in einem Gespräch wie dem Gesehenen nicht den Vorteil, den sie ansonsten hat: dass sie für alle Leute so wahr ist, wie es eben möglich ist. Das geht dann eben unter.

Comments 5

  1. avatar dargndorp wrote:

    Holla! Der Faktencheck zur Sendung ist online: http://www.wdr.de/themen/politik/1/hart_aber_fair/faktencheck_081217/index.jhtml
    Da hat sich Frau Fuckert ja ein schönes Ei ins Nest gelegt, für die sie wohl nie zur Verantwortung gezogen werden wird.

    Posted 18 Dec 2008 at 14:17
  2. avatar –Frank. wrote:

    Das Hübsche an alternativen Heilverfahren ist, dass sie nicht widerlegbar sind:
    als mein kleines Töchterchen am Anfang der Heizperiode trockene Stellen auf der Haut aufwies (ausgelöst vermutlich durch Heizungsluft), wurde sie von ihrer Ärztin mit drei (!) homöopathischen Kügelchen behandelt, weitere bekamen wir mitgegeben. Zum “Verkleppern” mit reichlich Wasser, dieses war dann 5 x am Tag teelöffelweise zu verabreichen.

    Leider wurde das herumstehende Gläschen von unwissender Seite entleert und gespült, bevor nur eine einzige Anwendung mit diesem Wunderwässerchen möglich war.

    Eine Woche später beim Kinderarzt waren die trockenen Stellen beim Kind abgeklungen – dieses veranlasste die Ärztin dazu ihre –skeptische– Kollegin herbeizuziehen, um triumphierend zu verkünden, dass offenbar allein schon das Verabreichen der drei kleinen Kügelchen geholfen hätten … sie kam überhaupt nicht auf den Gedanken, dass sich die Haut des Kindes sich an die trockene Heizungsluft gewöhnt haben könnte.

    Mit dieser Methode könnte sogar der bloße Anblick eines homöopathischen Medikaments als Wirknachweis gewertet werden (und in der Tat untersuchte Jacques Benveniste im Auftrag der homöopathischen Industrie seine These, dass Homöopathie sogar durch Telefonleitungen und das Internet funktioniere).

    Die trockenen Stellen an Kinderkörpern verschwinden in der Regel recht schnell; unser homöopathischer “Heilversuch” konnte also nur gelingen, es war eine win/win-Situation für die Homöopathie.

    Das Schlimmste daran aber war: wieso überraschte mich das Ganze nicht?

    –F.

    Posted 18 Dec 2008 at 16:04
  3. avatar Patrick wrote:

    Schönes Beispiel. Leider habe ich auch festgestellt, dass Überzeugte Homöopathienutzer beratungsresistent sind. Krankheiten verlaufen ja regelmäßig in Schüben, und da kann man Schübe nach oben als Erstreiz bewerten, Schübe nach unten als Heilwirkung – irgendwas wird schon passieren.

    dargndorp, da bin ich mir auch sicher, dass das folgenlos bleibt. War ja leider nicht die Landtagsabgeordnete der Grünen, der das vielleicht noch nachhängen könnte.

    Aber die hat sich das einfach nur erzählen lassen und geglaubt, das war m.E. keine böswillige Lüge. Nur lässt sich das ad hoc eben nicht prüfen, und so sieht es so aus, als habe es ein gutes Argument gegeben. Siehe auch die ganzen Einzelfälle, in denen AltMed erfolgreich war/gewesen sein soll.

    Posted 18 Dec 2008 at 23:25
  4. avatar Wormys_Queue wrote:

    Bei Homöopathie hab ich eine recht unwissenschaftliche Haltung entwickelt: Ich kann mir nicht vorstellen, dass es funktioniert, habe auch keine Ahnung, warum es überhaupt funktionieren sollte. Und halte die Erklärungsversuche der Homöopathen für Schwachsinn.

    Und dennoch lasse ich nicht nur zu, dass unsere Kinderärztin* (u.a.) homöopathische Präparate verschreibt, ich habe sogar den Eindruck, dass es (teilweise) funktioniert.

    Und ganz ehrlich: Wenn der 1-jährige Sohn gerade zahnt und schon seit Stunden vor sich hinwimmert und alle möglichen anderen Behandlungs- und Beruhigungsmethoden keine Wirkung zeigten, eine Osanit-Gabe aber zu einer sicht- und vor allem hörbaren Besserung führt; und wenn das ganz sich bei späteren Zähnen und auch später beim zweiten Kind erfolgreich wiederholen lässt, ist mir ehrlich gesagt egal, warum das klappt.

    *Zur Ehrenrettung unserer Kinderärztin sei gesagt, dass ich durchaus den Eindruck habe, das sie homöopathische Mittelchen besonders gerne dann verschreibt, wenn besorgte Elternnerven bei eigentlich wenig besorgniserregendem Kinderzustand beruhigt werden wollen.

    Posted 19 Dec 2008 at 00:20
  5. avatar Ragnar the Bold wrote:

    Ich bin als Naturwissenschaftler recht dicht an der Krebsforschug dran, was mich erpüttert (empört und erschüttert) ist, dass so wichtige Leute und auch Politiker, die die normale Bevölkerung erreichen, so wenig Ahnung haben wovon sie reden. Da verblödet Deutschland…

    RtB

    Posted 19 Dec 2008 at 15:43

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