Gute Miene: ausgedient

Zu Weihnachten habe ich geschenkt bekommen: eine Klangschale und ein Set Runen mit Interpretationsbuch. Eins der beiden Geschenke sogar ernst gemeint. Am zweiten Weihnachtstag dann wurde die Differenz zwischen persönlicher, emotionaler Wahrheit und der Wirklichkeit richtig deutlich.

Zunächst erzählte mir meine beste Freundin, dass sie regelmäßig zu einer Schamanin gehe. Dort läge sie still da, Räucherstäbchen und Musik entfalteten ihre Wirkung, und dann beschwöre die Frau alte Geister, mache Klangschalentherapie und bringe ihr Teile ihrer Seele zurück. Klassicher Satz bei solchen Gesprächen: »Ich glaube ja selbst nicht daran, aber es hilft.«

Hiermit hatte ich nur wenig Probleme. Meine Freundin versicherte mir, bei ernsten Dingen zu richtigen Experten zu gehen. Ich selbst war der Ansicht, dass dies eine Entspannungstherapie sei: Musik, Räucherstäbchen, die Klangschalen, und über Probleme reden – klar kann das helfen. Es hat nur mit Geistern und Seeelenteilen wenig zu tun, mehr mit der Kraft ritualisierter Handlungen auf die Psyche.

Dann abends ein Treffen mit alten Schulfreunden. Plötzlich wurden Tarotkarten herausgeholt. Die Besitzerin sah mich direkt als Gegner an (schon bevor ich etwas gesagt hatte) und erklärte mir, dass sie die Karten benutze, um sich eine neue Sicht auf die Dinge zu verschaffen. In meiner Interpretaion werden also zufällig gezogene Karten durch die Person mit einer Bedeutung versehen, die bei der Entscheidungsfindung helfen kann. Da hätte ich auch etwas zu sagen können, aber jeder Mensch hat ja das Recht, auch schlechte Entscheidungen zu treffen, mit oder ohne Zuhilfenahme von Tarotkarten, und im Endeffekt war dies dann für mich ein ähnliches Mittel wie eine Pro-/Kontra-Liste oder andere Hilfen.

Ich bat jedoch eine anwesende angehende Krankenschwester, die diese Karten ausprobieren wolle, nicht mit therapeutischer Berührung anzufangen – das ist diese unter (US-)Krankenschwestern beliebte Art, die Lebensenergie von Patienten zu spüren, ohne sie zu berühren, und diese dann zu manipulieren. Und so begann dann doch die Diskussion.

Ich versuchte dabei zu erklären, warum diese Methode nicht wirklich existierte. Ein schlagendes Argument dabei ist, dass die Fähigkeit, diese Energie zu spüren, nicht bewiesen werden konnte, obwohl der Test sehr einfach ist: verbundene Augen, Hand ausstrecken und sagen, ob sie über einem Menschen schwebt oder nicht. Auch die Million Dollar von James Randi kamen ins Spiel. Kommentar meiner Bekannten: »Die gibt es nicht, das glaube ich nicht.«

Ihre Argumentation war, dass ich erstens beschränkt sei, wenn ich nicht zulassen würde, dass es Dinge gebe, die man nicht messen könne (was ich nie gesagt habe und sogar bestritt). Dass ich zweitens unverschämt sei, andere Wahrheiten von den hunderttausend gleichwertigen Wahrheiten nicht zulassen zu wollen. Dass mich drittens mein “selbstbeauftragter Denker” kontrolliere, obwohl wir Menschen die meiste Zeit instinktiv agieren sollten.

Wir diskutierten eine Weile, und es war ein etwas erregtes, aber eigentlich sehr produktives Gespräch. Mein Ziel war es, Zweifel zu säen, nicht zu überzeugen, und ich hoffte, das vielleicht erreichen zu können, trotz der oft abrupten und wenig hilfreichen Argumentation meiner Bekannten.

Dann aber kam sie auf die Vernunft zurück, die mich zu Unrecht steuere und mich engstirning mache und mir böse Zellen gebe – was ihrer Ansicht nach auch die Ursache für Krebs sei.

Da blieb mir nur noch, das Gespräch sofort zu beenden und diese Ansicht als menschenverachtenden Unsinn darzustellen. Der üble Nachgeschmack der Esoterik zeigte sich. Zweifel säen nutzlos. Gute Miene: ausgedient.

Comments 1

  1. avatar –Frank. wrote:

    Ich fürchte, dass wir (Skeptiker) alle immer wieder in ähnliche Situationen geraten; hier hilft erfahrungsgemäß lediglich ein leidlich humorvoller Abstand (das gern “süffisant” genannte Grinsen).
    Altbewährt ist der Hinweis, der übrigens auch bei Pharyngula in einem Posting gerade wieder genannt wurde, dass die Lebenserwartung sich in den letzten 1oo Jahren verdoppelt hat, was nicht zuletzt auch dem medizinischem Fortschritt zu verdanken ist.
    Anfang des 2o. Jahrhunderts z.B. lag das höchste Sterblichkeitsrisiko für Frauen selbst in den damals schon weit entwickelten USA in einer simplen Schwangerschaft, und bei Lungenkrebserkrankungen wurden ganze medizinische Universitätskurse an die Betten der Kranken verbracht, damit sie sich diese seltenen Fälle einmal anschauten – die wenigsten Leute wurden alt genug, um überhaupt an Krebs leiden zu können.

    -F.

    Posted 30 Dec 2008 at 00:59

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