Für das äußere Gejucke drückt man aus der Tube eine haselnussgroße Menge auf den Finger mit dem kürzesten Nagel und verreibt sie auf der Rosette. Die Tube hat auch so einen spitzen Aufsatz mit vielen Löchern drin, damit ich die anal einführen und da hinspritzen kann, um den Juckreiz sogar innen zu stillen.
So beginnt Charlotte Roche, in Feuchtgebiete von den Hämorrhoiden der Protagonistin zu erzählen, und stellt damit sofort klar, dass es bei diesem Buch keine Tabuzonen gibt. Und darum ist Feuchtgebiete lesenswert.
Aber auch nur darum. Während der Tabubruch echt ist – das höchste der Gefühle waren bislang Frauen mit Lüsten und Begierden, jetzt haben wir auch Frauen mit Analfissur, und wie konnten wir nur ohne sie auskommen? – versteckt sich hinter den schleimigen Ausflüssen und blutenden Aftern doch eine simple Liebesgeschichte.
Diese Liebesgeschichte ist ohne große Beobachtungsgabe erzählt und bleibt ebenso oberflächlich wie der Afrikaner, der liebevoll das Geschlecht der Protagonistin rasiert. Menschliche Hintergründe stehen nicht im Fokus dieses Buches, und Schilderungen von Innenleben verraten höchstens kindische Verlassensängste (was angesichts der jungen Hauptfigur allerdings noch durchgeht), wenn die geschiedenen Eltern wieder verkuppelt werden sollen. Das ist eine Naivität, die Spaß machen könnte, und die sich durchaus auch im Umgang Helens (so heißt die Protagonistin nämlich) mit ihren Ausdünstungen und Ausflüssen wiederfinden lässt.
Aber dazu fehlt es einfach an sprachlicher Fertigkeit. Feuchtgebiete ist ein gutes Beispiel dafür, dass kurze und elliptische Satzstrukturen nicht zwangsläufig zu Prägnanz führt. Weniger ist nicht immer besser.
»Was ist, wenn ich Stuhlgang muss?«
So nennen die das doch immer. Je nachdem, mit wem ich spreche, kann ich mich auch gewählt ausdrücken.
Nein, kannst du nicht. Roches Stil kann entwaffnend wirken – vor allem in ihren mitunter großartigen Interviews. Gerade, weil er nicht üblichen Stilkonventionen entspricht. Aber wenn damit 220 Seiten gefüllt werden, dann tritt die Banalität und Ungenauigkeit offen zu Tage. Es wirkt nicht so, als wisse Helen einfach nicht genau, wie man sich ausdrückt, oder wovon sie spricht. Es wirkt eher so, als beträfe das die Autorin. Das kann zugegeben ein Effekt des Ich-Erzählers sein, fällt dann aber als schlechte Entscheidung immer noch auf die Autorin zurück.
Ich bin kein Freund der sogenannten Popliteratur – vieles davon ist ebenso banal wie Feuchtgebiete. Darum ist der Stil nicht einmal eine einzigartige Verfehlung. Aber ich bekomme den Eindruck, hier habe man eben provokant sein wollen und sich bereits vorgestellt, wie der Leser aufschreckt, wenn man »Arsch« schreibt. Dabei geht es dem Buch ebenso wie den vermeintlich aufbegehrenden Deutschrappern: brachiale Sprache macht noch keinen schockierenden Inhalt.
Feuchtgebiete suhlt sich im Schleim und meint, dieses Gesuhle sei ausreichend für ein gutes Buch. Aber nur, weil ich nicht besonders angenehm finde, wenn Helen mit nacktem Geschlecht den Sitz einer öffentlichen Toilette abwischt, habe ich damit noch nichts Neues erfahren, ist mir nichts besonderes mitgeteilt wurden. Vielmehr wird mir nur gezeigt, was man in der Literatur alles schreiben kann, ohne etwas auszusagen. Vielleicht ist das auch ein Erfolg.
Charlotte Roche hat sicher damit gerechnet, in den Feuilletons zerrissen zu werden. Trotzdem finde ich, war es eine gute Idee, ein Buch wie Feuchtgebiete zu schreiben. Tabubrüche sind immer gut. Schön wäre es nur gewesen, wenn neben dem Tabubruch auch noch ein gutes Buch dabei rumgekommen wäre. So war es manchmal eklig und oft langweilig. Schade.


Comments 3
Schönen Dank für die ausführliche und begründete Kritik.
Gruß
Posted 09 Dec 2008 at 16:33 ¶Peter
Wir können ekliger! – Die Antwort auf „Feuchtgebiete“
Trockenzonen – Wenn Männer aufhören sich zu waschen
von Charles Roch
Erscheint am 1. Februar 2009 bei Carlsen
Posted 11 Jan 2009 at 20:53 ¶Jep. Binn voll deiner Meinung. Außerdem finde ich, das durch die menge der abscheulichen Eigenheiten Helen nicht real wirkt.
Posted 13 Feb 2009 at 10:32 ¶Post a Comment