“Der Dicke und der Dünne”. Das war die Überschrift im Autorenseminar mit Friedrich Ani. “Macht was draus.” Bei mir wurde es eine kurze, dialoggetragene Abstrusität mit einem Dicken und – jawohl – einem Dünnen, die sich an einem ungewöhnlichen Ort treffen.
Der Dünne stand vor dem Bett. Er war geradezu erbärmlich dünn; sein Körper mehr ein senkrechter Strich, sein Kopf zwei eckige Klammern, dazwischen Bindestrich, Komma und zwei herrenlose Punkte. Im Bindestrich glomm eine Zigarette. Die Haut des Dünnen war von der Farbe alten Käses und dem Geruch einer Tabakfabrik. Unter seinem Hemd lugte der Rand eines Nikotinpflasters hervor. Die Innentasche seiner Windjacke war ausgebeult, in seiner Hand hielt er eine entkorkte Flasche Selektion “S” Spätburgunder.
Das Halogenlicht der Nachttischlampe trennte das Schlafzimmer in zwei Hälften. Die eine Hälfte enthielt waschmittelweiß beleuchtete Möbel im Stil eines Haus-und-Heim-Abonnenten. Die Lampe selbst – zwei dicke Chromstangen auf einer runden Basis – stand auf einem niedrigen Tisch aus Rosenholz, daneben ein viereckiger Teller, ein altmodischer Wecker und ein halbvolles Glas Wasser. Der Teller war voller Krümel und Butterflecken. Das Bett war ein Ungetüm aus vergoldeten Stahlstreben, Königinnengröße. Die andere Seite des Bettes – die andere Hälfte des Zimmers – verbarg sich in Schatten, die wie zum Ausgleich der grellen Lampe besonders undurchdringlich waren. Die Grenze zwischen Licht und Schatten war der Dicke, ein Koloss bei Tag und jetzt, bei Nacht, ein platter Kugelfisch in Seide. Er schnarchte.
Mehr findet ihr hier: Der Dicke und der Dünne.
Ihr könnt euch aber auch eine Audioversion runterladen, gelesen von mir selbst: Der Dicke und der Dünne. Das Intro ist ein verworfener Anfang einer Podcast-Serie.

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