Demokratie 2.0

Wie die FAS berichtet, ist die SPD in Hessen eine Anhängerin der modernen Technik. Inspiriert von Flickr und den BILD-Leserreportern bewiesen Parteimitglieder fortschrittliches Denken. Das Grundgesetz spricht von freien und geheimen Wahlen, aber die Freiheit wird vom Fraktionszwang ohnehin unterlaufen. Unter Freunden hat man doch eh keine Geheimnisse, und unter Parteifreunden schon gar nicht. Also warum nicht die Stimmabgabe mit einem Handyfoto protokollieren?

Zumindest so in etwa muss es gelaufen sein. Wahrscheinlich saß man beim vierten oder fünften Bier zusammen, als diese Idee aufgeworfen wurde. »Sag mal, Andrea, wenn du dir solche Sorgen um Abweichler machst, warum fotografieren wir die Wahl nicht einfach?” Zuerst kamen bestimmt Bedenken. Das dürfe man doch nicht, das stünde bestimmt irgendwo. Aber dann kam das Argument, das bereits vielfach Fernsehsendungen legitimierte, die Menschenwürde mit Füßen zu treten: »Die machen das doch freiwillig.”

So ist es, das Demokratieverständnis der Hessen-SPD. Um Abweichler abzuschrecken, regt man an, jeder solle doch ein Foto seiner eigenen Wahl schießen. Damit wird nur derjenige in seinem Wahlgeheimnis verletzt, der sich selbst dazu entschließt, es aufzugeben. Man ist also fein raus.

»Aber natürlich«, sagte der Despot und lächelte zur Presse, »sind die Wahlen in unserem Land frei und geheim. Wir erlauben unseren Wählern nur, geschulte Wahlhelfer mit in die Kabine zu nehmen, wenn sie sich über die Stimmabgabe unsicher sind. Dabei wird streng darauf geachtet, dass keine Beeinflussung vorliegt – jeder Wähler kann selber entscheiden, ob er den Wahlhelfer zu Rate ziehen will oder nicht. Hier geht alles mit rechten Dingen zu. Um so mehr freue ich mich, dass ich eine Stimmquote von 98 Prozent auf mich vereinen konnte. Viva el presidente!«

»Natürlich brechen wir nicht einfach so in fremde Wohnungen ein«, äußerte sich der Polizeisprecher gestern zu den Vorwürfen, »schließlich leben wir in einem Rechtsstaat. Vielmehr haben wir angeregt, dass jeder Bewohner die Inhalte seiner Privatsphäre mittels eigens bereitgestellten Digitalkameras dokumentiert, um damit zu beweisen, dass sich nichts Illegales hinter seinen oder ihren Türen abspielt. Wir haben dabei streng auf die Freiwilligkeit dieser Aktion hingewiesen und sind froh, dass sich dennoch nahezu jeder Bewohner entschlossen hat, dieser Anregung zu folgen.«

»Natürlich kommt es bei uns nicht in Frage, Bewerberinnen nach einer Schwangerschaft zu fragen«, teilte der Unternehmenssprecher schriftlich mit. »Stattdessen stellen wir einen Schwangerschaftstest zur freien Verfügung, falls sich die Bewerberinnen entschließen sollten, ihren Nicht-Zustand zu dokumentieren. Die Inanspruchnahme oder Verweigerung dieses Angebots hat dabei keinen Einfluss auf eine spätere Einstellungsentscheidung, auch wenn die Statistik das suggeriert.«

So oder so ähnlich muss das Verständnis von Demokratie und Privatsphäre bei der Hessen-SPD aussehen. Dass diese Überlegungen erst jetzt bekannt werden und nicht sofort zu einem Skandal geführt hat, beweist entweder nicht vorhandenes Problembewusstsein oder großen Druck, der seitens der Parteiführung auf mögliche Abweichler ausgeübt wurde. In beiden Fällen sind die Teile der SPD, die diese Überlegungen angestrengt und nicht sofort verworfen haben, nicht tragbar für eine Partei, die sich ohnehin schon im Freifall der Wählergunst befindet.

Sozial? Demokratisch? Nee, nur die SPD. Mal wieder.

Comments 2

  1. avatar Deus Figendi wrote:

    Mich dünkts die Demokratie ist ein Relikt der Vergangenheit. Vollkommen überholt, heute gelten einfach andere Regeln.
    Hessen ist ja nicht der einzige Ort, wo verdammt gute Ideen der Gründungsväter mit Füßen getreten werden, wo teuer (mit Krieg) erkaufte Errungenschaften offenbar nichts mehr wert sind und über den Haufen geworfen werden.

    Fraglich wie lange der Suverän sich das noch gefallen lässt… noch sehr lange befürchte ich. Aber glücklicherweise drücken soziale Not und steigende Rechtebeschneidung eben diesen Suverän – das Volk – mehr und mehr in die Ecke, so dass ihm nichts anderes übrig bleiben wird, als sich mit allen legalen Mitteln dagegen zu wehren. Nein das ist ein revolutionärer Aufruf, aber es ist auch an der Zeit, dass sich der Bürger auf seine Rechte besinnt auf die demokratischen Werte dieser Nation (und anderer nebenbei auch) und dass nicht alles was “im Schatten des Weltkrieges” entstand heute automatisch altbackene Ideen von irgendwelchen Besatzern sind, sondern durchaus Sinn machen.

    Oder aber wir machen weiter, als nächstes sollten wir unbedingt Bundespräsidenten, -kanzler und -tagspräsidenten in einem Amt vereinen, diese Trennung macht die Regierung doch total handlungsunfähig und erhöht den Verwaltungsaufwand. Danach sollte man das Bundesverfassungsgericht abschaffen, das funkt eh immer dazwischen und dann kann man auch mal Fraktionszwang einführen, den es ja nicht gibt.

    So, ich geh jetzt und lege ein paar Kalorienbomben.

    Posted 08 Dec 2008 at 00:07
  2. avatar Patrick wrote:

    Hmm… ich glaube wirklich, dass zu wenig darüber vermittelt wird, warum die Demokratie (und die Soziale Marktwirtschaft, wo wir dabei sind) eben das richtige System ist.

    Ich kann deinen Optimismus aber nicht teilen, dass sich die Bevölkerung wehren wird. Telepolis schrieb gerade von 2200 Zugriffen auf die Vorratsdatenbank in 3 Monaten, also mehr als 20 Zugriffe pro Tag (fast 2 Dutzend), wenn man Wochenenden einrechnet. Das BKA-Gesetz geht wohl auch durch, wir gehen in den Kampfeinsatz gegen somalische Piraten, und in Sachen Urheberrecht sehe ich auch kein Umdenken. RFID-Chips kommen auch, und das neue Jugendschutzgesetz ist grässlich auslegbar.

    In Großbritannien ist es wie üblich noch viel schlimmer. Man darf keine Daten über Polizisten mehr veröffentlichen (Terrorismusgefahr) und die neue Kinderporno-Firewall, deren Inhalte, Aufnahmekriterien und Fehlersuchmechanismen geheim sind, blockt ja auch Teile von Wikipedia ab.

    Als ich das gelesen habe, dachte ich, wie ich reagieren würde. Was würde ich tun, wenn diese Firewall bei uns wäre? Was könnte ich tun? Klagen müsste zum BVV gehen, dauerten ewig und würden dann zögerlich umgesetzt, wenn überhaupt im Sinne des Gerichts und nicht nur kosmetisch. Gleichzeitig gäbe es bestimmt einen Weg, das zu umgehen. Wahrscheinlich würde ich also letzteres machen – oder sogar laufen lassen und nix tun?

    Jedenfalls würde so etwas die Bevölkerung nicht polarisieren, dazu ist das Internet noch nicht genug in die Lebenswelt aller vorgedrungen.

    Also glaube ich eher, dass Demokratie weiter abgeschöpft werden wird, ohne dass etwas passiert.

    Posted 08 Dec 2008 at 09:17

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